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Ein «Stadtbalkon» für Zürich

Eine Gartenpromenade vom Kunsthaus bis zur Polyterrasse: Dies ist im Rahmen der Neugestaltung des Univiertels geplant. Die Stadt sieht auch touristisches Potenzial.

Unterhalb von ETH und Universität soll die durchgehende Flanierterrasse entstehen. Foto: Urs Jaudas
Unterhalb von ETH und Universität soll die durchgehende Flanierterrasse entstehen. Foto: Urs Jaudas

Es wäre eine spezielle Attraktion nahe der Zürcher Altstadt: Eine durch­gehende, öffentlich zugängliche Flanier­terrasse unterhalb von Uni und ETH, die sich von der Kantonsschul- bis zur Leonhardstrasse erstreckt und einen Panoramablick auf die Stadt und die Alpen bietet. Rolltreppen oder Lifte würden Studenten und Spaziergänger rasch und bequem vom Central und Hirschengraben auf die Hochschulterrasse bringen.

Diese kühne städtebauliche Vision soll in den nächsten Jahren Wirklichkeit werden. So sieht es jedenfalls der Masterplan 2014 fürs Hochschulgebiet vor, den Stadt und Kanton Zürich zusammen mit ETH, Uni und Universitätsspital vor kurzem präsentiert haben. Darin heisst es, die Grünflächen unterhalb der Hauptgebäude von Uni und ETH sollen als «Stadtbalkon» durchgängig miteinander verbunden und öffentlich zugänglich werden. Neben den Milliardenplänen für den Um- und Ausbau von Hochschulcampus und Unispital und der Diskussion um denkmalgeschützte Häuser ging der spektakuläre Plan für diese Stadtbalustrade fast unter.

Leutenegger: «Clever»

Die Stadt Zürich setzt grosse Hoffnungen in die neue Flanierterrasse. FDP-Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger spricht von einer «cleveren Kombination»: Einerseits sei der «Stadtbalkon» Teil des vernetzten Freiraums im neuen Hochschulquartier, andererseits eine «Mobilitätsrampe» für Studierende. Der Grüngürtel soll vor allem auch der besseren Abwicklung der wachsenden Fussgängerströme dienen, die wegen des Ausbaus des Hochschulcampus zu erwarten sind. Die Planer hoffen, dass dereinst mehr als die Hälfte der neuen Campus-Nutzer zu Fuss kommen werden, sei es vom Hauptbahnhof oder vom Bahnhof Stadelhofen/Bellevue. Zudem, so Leutenegger, sei der «Stadtbalkon» ein «wunderbarer Ort, um zu entspannen, mit einer unglaublichen Aussicht». Er ist überzeugt: «Das wird auch ein touristischer Anziehungspunkt werden.»

Künstlergasse autofrei

Laut dem Masterplan für das Unigebiet wird auch die Künstlergasse unterhalb des Uni-Hauptgebäudes ins verbesserte Fusswegnetz integriert. Dazu soll sie für Autos bis auf Zubringerdienste und die Anlieferung gesperrt werden. Neue Fusswegverbindungen sind zudem entlang der Polybahn («Polysteig») sowie vom Hirschengraben zur Hochschulterrasse geplant. Im Masterplan ist von «mechanischen Hilfen» wie Rolltreppen und Liften die Rede, um die Höhendifferenz zwischen Central/Hirschengraben und dem Zentrum des Hochschulgebiets zu überwinden. Diese könnten «zur Komfortsteigerung des Fussverkehrs beitragen».

Die Idee des «Stadtbalkons» stammt von Christophe Girot, Professor für Landschaftsarchitektur an der ETH Zürich. Er hatte den begehbaren Grüngürtel am Hang zwischen Altstadt und Hochschulterrasse bereits 2005 im damaligen Masterplan für das Univiertel vorgeschlagen. Eine solche Fussgängerverbindung vom Garten der Kunst beim Kunsthaus-Neubau bis zum Pfrundhaus würde den Hochschulcampus enorm aufwerten und Identität stiften, so Girot.

Als Vorbild dienten ihm verkehrsberuhigte Hochschulareale im englischen Oxford oder die Columbia University in den USA. Girot wundert sich, dass in Zürich nicht schon viel früher solch grüne Verbindungswege im Univiertel geschaffen wurden. Aber die Nutzung des öffentlichen Raums sei stets auch politisch begründet. Und womöglich habe in den 60er- und 70er-Jahren auch die Furcht vor revolutionären Tendenzen dazu beigetragen, dass man den Studenten in ihrem Campus nicht mehr Freiräume zugestehen wollte.

Kleine Eingriffe, grosse Wirkung

Zu den Kosten des Stadtbalkons macht der neue Masterplan keine Angaben. Girot ist überzeugt, dass sich das Ganze relativ kostengünstig realisieren liesse: «Mit kleinen Massnahmen lässt sich bereits eine grosse Wirkung erzielen – wie bei der Akupunktur.» Alle Gärten und Wege stünden schon zur Verfügung, sie müssten nur miteinander verbunden werden. «Was es nun braucht, ist der politische Wille, dann könnte man schon nächstes Jahr mit der Aufwertung beginnen.» Allerdings macht sich der Landschaftsarchitekt keine Illusionen. Veränderungen im öffentlichen Raum seien in Zürich stets schwierig zu realisieren, gerade auch im Hochschulgebiet.

«Gute Realisierungschancen»

Dominik Bonderer, Sprecher von Bau­direktor Markus Kägi (SVP), dämpft denn auch die Erwartungen in Bezug auf eine sehr rasche Realisierung der Flanierzone: «Das dürfte noch einige Jahre gehen.» Der «Stadtbalkon» sei zwar im Masterplan vorgesehen, befinde sich aber noch in einem frühen Stadium der Planung. Laut dem Masterplan soll er im Zeitraum 2015–2030 entstehen. Bonderer beurteilt die Realisierungschancen als gut. Immerhin stünden alle beteiligten Player hinter dem Projekt. Die Baudirektion ist von der Bedeutung des «Stadtbalkons» überzeugt. Es handle sich um ein wichtiges Element für eine städtebaulich verträgliche Umsetzung des Masterplans Hochschulgebiet, so Bonderer. Für eine qualitativ hochwertige Verdichtung brauche es auch Freiräume.

Im Niederdorf kommen die Pläne ebenfalls gut an. Für Peter Rothenhäusler vom Quartierverein trägt der «Stadtbalkon» zur Attraktivitätssteigerung bei. Allerdings sei man bisher noch nicht in die Planung miteinbezogen worden. Der Zürcher Heimatschutz wollte noch keine Stellungnahme abgeben. Man werde den Masterplan erst im Oktober genau analysieren, sagt Präsident Thomas Müller.

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