Ein Stadtteil hebt ab

Die Stadt zeigt, wie sie das Zürcher Hochschulquartier umkrempeln will – und überzeugt damit selbst Kritiker.

Ein Visualisierungskonzept zeigt die ersten Gebäude des neuen Hochschulquartiers an der Rämistrasse in Zürich. Video: Stadt Zürich

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Kurz nach 10 Uhr ist gestern ein Phantom verpufft, das die Stadt Zürich seit Jahren quälte. Der Totalumbau des Zürcher Hochschulquartiers schien manchen bisher wie eine grosse, gestaltlose Bedrohung. Selbst als im Herbst bekannt wurde, dass keine geringeren Architekten als Herzog & de Meuron bauen sollen, konnte man das noch als PR-Stunt abtun: Da holt man ein paar Weltstars, um zu suggerieren, dass das kein Pfusch werde.

Aber gestern schlug die Skepsis plötzlich in Wohlwollen um. Sie tat es im Moment, als das Geheimnis gelüftet wurde, was die Basler Architekten konkret vorhaben. Dem oft gescholtenen Zürcher Baudirektor Markus Kägi war die Genugtuung anzumerken, als er der Öffentlichkeit die ersten Bauprojekte für das Hochschulquartier präsentierte: neben dem neuen universitären Bildungs- und Forschungszentrum von Herzog & de Meuron auch zwei Neubauten fürs Unispital von Christ & Gantenbein, einem anderen prominenten Basler Büro. «Es gibt keine riesigen Riegel und keine gigantischen Hochhäuser», sagte Kägi an die Adresse der Kritiker, «sondern eine enorme Aufwertung des Quartiers – wie wir es immer versprochen haben.»

Bloss kein Elfenbeinturm

Tatsächlich bleiben die Bauten zum Teil deutlich unter der Maximalhöhe der sogenannten Volumenstudien, die nicht nur Quartierbewohner erschreckt haben. Das Projekt von Herzog & de Meuron für die Ecke zwischen Rämi- und Gloriastrasse, an der sich heute Turnhallen und ein Sportplatz befinden, wartet noch mit einer zusätzlichen Überraschung auf: Das Gebäude wird so weit von der Rämistrasse zurückversetzt, dass davor ein grosser öffentlicher Platz entsteht. Dieser schliesst an den Spitalpark an, der dereinst das grüne Herz des umgestalteten Hochschulquartiers bilden soll.

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Einen solchen Platz hatte bisher niemand auf der Rechnung, er tauchte auch auf keinem Plan auf. Möglich gemacht haben es Herzog & de Meuron, indem sie Hörsäle und Turnhallen in den Untergrund versenkt haben. Sie waren das einzige von elf am Wettbewerb beteiligten Architektenteam, das auf eine solche Lösung kam. Selbst die schärfsten Kritiker des Hochschulquartiers zeigten sich gestern angetan. Zumal alle anderen Entwürfe wuchtige Bauten vorsahen, die direkt an die Rämistrasse angrenzen.

So soll das neue Uniquartier aussehen:

Pierre de Meuron sieht sich bestätigt: «Mit qualitätvoller Architektur und einer guten städtebaulichen Lösung kann man sicher ein paar Skeptiker überzeugen.» Auch er selbst sei nicht komplett überzeugt gewesen von den zugrunde liegenden Gestaltungsplänen, die Kritik ausgelöst haben. Glücklicherweise habe man innerhalb dieser Vorgaben aber eine Lösung gefunden, die den eigenen Überzeugungen entspricht: dass es an diesem Ort um mehr geht als ums Umsetzen eines Raumprogramms. «Wir wollten, dass dieses Gebäude nicht wie ein Elfenbeinturm wirkt, sondern dass es eine Verbindung zur Gesellschaft als Ganzes herstellt.»

Dies geschieht einerseits über den Platz, der sich an die Gestaltung der historischen Hauptgebäude von Uni und ETH anlehnt, andererseits über den Zugang von der Rämistrasse her. Wegen der Hanglage bildet die Terrasse dort eine Front, die Raum bietet für öffentliche Nutzungen wie Läden oder ein Café. Eine Passage führt durch einen versenkten Garten in die Haupthalle des Gebäudes, die als Forum dienen soll, als Ort der Begegnung. Von aussen wird der Neubau geprägt durch keilförmige vertikale Sonnenblenden. Diese lassen im Sommer bei hohem Sonnenstand kein direktes Licht ins rundum verglaste Gebäude, damit sich dieses nicht erwärmt.

Spital reduziert Raumbedarf

Die neuen Spitalbauten von Christ & Gantenbein, in Zürich bekannt für die Erweiterung des Landesmuseums, sind äusserlich vergleichsweise unauffällig. Herausragendes Merkmal ist, dass sie nicht aus der Umgebung herausragen: Das Dach des hangwärts gelegenen Gebäudes mit der neuen Notfallaufnahme kommt nur auf 499 Meter über Meer statt der erlaubten 512 Meter. Beim unteren Gebäude, künftig Haupteingang des Spitals, ist die Abweichung gar doppelt so gross. Beide werden nicht höher als der bestehende Westtrakt aus der Nachkriegszeit.

Das liegt nicht allein an der architektonischen Lösung, sondern auch daran, dass das Spital nochmals über die Bücher ging und alles auslagerte, was nicht zwingend ins Zentrum gehört. Laut Spitalratspräsident Martin Waser wurden beispielsweise 600 administrative Arbeitsplätze nach Dübendorf verlegt. So habe sich der Flächenbedarf um 30 Prozent reduziert.

In den oberirdischen Räumen des neuen Spitalgebäudes sollen sich vor allem Einzelzimmer für Patienten und Operationssäle befinden. Dass Letztere nicht in den Untergrund verlegt werden, um die Gebäudehöhen weiter zu senken, ist laut Waser schon deshalb geboten, weil sich die Menschen dort wohlfühlen sollen.

Blockiert durch Rekurse

Die gestern vorgestellten Bauten sollen bis 2027 realisiert sein. Zurzeit dürfte aber noch kein einziger Stein gelegt werden, denn wegen eines laufenden Rechtsverfahrens fehlt es an gültigen Gestaltungsplänen. Der Verein Zukunft Hochschulgebiet wünscht sich eine «städtebaulich verträglichere Entwicklung» und hat mit Erfolg gegen die Pläne rekurriert: Das Baurekursgericht hat sie im März 2018 ausser Kraft gesetzt.

Hauptargument: Zuerst müsse die Stadt Zürich ihre Bau- und Zonenordnung anpassen. Mit dieser Aufgabe beschäftigt sich derzeit eine Kommission des Zürcher Gemeinderats. Noch ist offen, wie lange diese Arbeit dauert und ob es allenfalls aufgrund eines Referendums zu weiteren Verzögerungen kommt.

Baubeginn nicht vor 2021

Speziell im Fall des Unispitals drängt die Zeit, weil die Substanz der Altbauten nicht mehr heutigen Anforderungen genügt. Falls der Ersatz zu lange verzögert würde, müsste man in Provisorien investieren. Noch bleibt aber etwas Reserve: Mit dem Vorprojekt kann man laut den Verantwortlichen trotz Rekursen sofort beginnen, der Baubeginn ist selbst im Idealfall nicht vor der zweiten Hälfte 2021 geplant.

Es ist denkbar, dass die gestern präsentierten Bauvorhaben eine Lösung der Blockade beschleunigen. Die FDP der Kreise 7 und 8 etwa teilte mit: «Aufgrund der vorgelegten Pläne sind wir zuversichtlich, dass die BZO-Beratungen im Gemeinderat zu einem für das vorliegende Projekt guten Ergebnis kommen.» Anders sehen es die Projektgegner vom Verein Zukunft Hochschulgebiet. Ihrer Ansicht nach sind die Spitalneubauten am Hang trotz Redimensionierung nach wie vor zu hoch. Man hoffe, dass «weitere Optimierungen» folgen.

Erstellt: 08.01.2019, 23:01 Uhr

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