Ein Star auf Crashkurs

Er ist kein Schauspieler. Aber der unangekündigte Auftritt dieses Promis in der Kaufleuten-Bar hätte eine Bühne verdient gehabt. Um wen handelt es sich hier?

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Er kam rund drei Viertelstunden zu früh zur Bar des Zürcher Kaufleuten, man sah ihn von weitem auf die leeren Tische draussen zusteuern. Übertrieben pünktlich? Eher der Zeit vorauseilend, so, als wäre er mit ganz grossen Schritten unterwegs, weil nicht warten kann, was er zu berichten hat. Es war einer dieser milden Septemberabende, an denen man sich darüber wundert, warum man sich morgens so warm angezogen hat. Der Schweizer Promi sah aus, wie er immer aussieht: wie man ihn vom Fernsehen kennt und auch von der Strasse. Würde ich ein Detail seiner Kleidung verraten, wäre alles verraten. Aber so viel: Der Mann ist wesentlich älter als fünfzig. Was an ihm altert, das sind die Farben seiner Hosen und seiner Shirts, die allmählich ausbleichen. Im Folgenden will ich ihn so nennen: Er. Mit grossem Anfangsbuchstaben, das ist wichtig – das scheint ihm am besten zu entsprechen. Seinem Selbstbild.

Ich sass an einem Tisch direkt neben dem Bareingang, mit mir war jene Frau, die ihn nachher treffen sollte, um 18.30 Uhr. Jetzt war es kurz vor sechs Uhr und wir beide mitten im Gespräch. Es ging um Bücher und Verfilmungen, es war ein Geschäftstermin. Ich sah die Person vis-à-vis zum ersten Mal. Ich fand sie sehr nett, freundlich-distanziert mit einer warmen Stimme. Sie ist vermutlich etwas jünger als meine Mutter, ich leicht älter als ihre Kinder. Wir unterhielten uns so, wie sich Fremde miteinander unterhalten, die vorerst durch ein gemeinsames Interesse verbunden sind: fast ausschliesslich darüber. Dazu ein bisschen Familiengeschichte, etwas zur ausserkantonalen Herkunft, Altersangabe, absolvierte Ausbildung – Eckdaten eines Lebens. Leitplanken eines höflichen Gesprächs.

«Lieber halb nackt?»

Dann kam Er. Obwohl ich noch zu sehen glaubte, dass Er sich an einem der Tische um die Ecke niedergelassen hatte, tauchte Er plötzlich aus der entgegengesetzten Richtung auf. Überschwänglich begrüsste Er die Frau und setzte sich plaudernd zu ihr auf die Bank. Und auch wenn sein Körper jetzt zum Stillstand kam, also sitzend, ruhend war und sich auf den Platz beschränkte, den er auf der Bank einnahm, waren seine Gedanken alles andere als das. «Du wirst es mir nicht glauben, ich erlebe gerade die Zeit meines Lebens!», rief Er und unterbrach sich mit einem theatralisch-ungläubigen Kopfschütteln, nur um noch einmal zu sagen: «Die Zeit meines Lebens!» Noch nie, nie, nie! sei Er so verliebt gewesen wie jetzt gerade, dabei kenne Er die junge Frau erst seit drei Wochen, siebenmal habe Er sie inzwischen getroffen, gerade vorhin sei Er mit ihr in einem Möbelladen gewesen – es passe einfach perfekt. Sie gehörten zusammen. Unglaublich. Unglaublich!

Die Frau vis-à-vis von mir, die jetzt unsere gemeinsame Bekannte war, unser Bindeglied, lachte auf und zwinkerte mir zu. Ein paar Sekunden lang war Er ruhig. Aber nur, weil Er nach seinem Handy suchte: Er hatte Bilder seiner neuen Freundin gespeichert, die Er zeigen wollte. «Lieber die angezogenen oder die halb nackten Fotos?», fragte Er unsere Bekannte, worauf sie sagte: «Natürlich die halb nackten!» Ich konnte nicht heraushören, ob die beiden eine freundschaftliche Beziehung verband, in der solche intimen Details üblich sind, oder ob sie sich von ihm nicht schockieren lassen und zeigen wollte, dass sie keine Schamgrenze kannte.

Mir zeigte Er die Bilder nicht, weil Er noch gar nicht wahrgenommen hatte, dass ich auch da war. Erst als sie ihn lachend darauf aufmerksam machte, dass ich Journalistin sei und Er vielleicht etwas vorsichtiger mit seinen Neuigkeiten umgehen müsse, erfasste ihn ein Moment der Klarheit. Sofort fixierte Er mich mit einem Blick, den man als leicht panisch beschreiben könnte, dann sagte Er in einem schlecht gelaunten Tonfall: «Das darfst du auf keinen Fall bringen! Auf keinen Fall.» Er, also Er streckte mir seine Hand hin – es war ein harter Händedruck –, ich musste ihm versprechen, nichts über seine neue Beziehung zu schreiben. Als Er den Namen der Zeitung erfuhr, für die ich arbeite, verdüsterte sich seine Stimmung. Die habe ohnehin immer nur schlecht über ihn geurteilt, die lese Er gar nicht mehr, maulte Er. Die Frau sagte, dafür könne die junge Journalistin doch nichts, das sei ja vor ihrer Zeit gewesen, und da lenkte Er ein, machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung – dieses Thema interessierte ihn schon gar nicht mehr. Er kam ja nicht richtig darin vor beziehungsweise schlecht weg, und überhaupt: Was kümmerte ihn die Vergangenheit? Er lebte im Jetzt, fühlte mit Haut und Haaren die Liebe, sie machte ihn ganz konfus und schwindlig und berauscht von sich selber.

Er kann gut mit Frauen

Wie zur Versöhnung zeigte Er mir dann doch noch ein Bild, aber eines seines Kindes. Es sei genauso wunderschön wie seine neue Freundin. Die Frau und ich nickten zustimmend – was sollte man auch sonst in so einer Situation tun? –, da war Er bereits wieder weiter: Ohne sein Kind wäre Er ganz bestimmt nicht dieser Mensch, der Er jetzt sei, es habe sein Leben reicher und wertvoller und tiefer gemacht, und das meine Er jetzt ganz ernst. Es war offensichtlich, dass Er sich selbst am tollsten fand, und Er fand es auch toll, dass ihm zwei Frauen zuhörten, jetzt, da Er bemerkt hatte, dass es zwei waren.

Nächster Punkt seines Sermons: sein Verhältnis zu den Frauen allgemein. «Grossartig» sei dieses, ganz toll, das merke man auch daran, dass Er mit all seinen Ex-Frauen einmal im Jahr zusammenkomme, und es kämen wirklich immer alle, wobei, dieses Jahr konnte die eine nicht . . . da wurde Er etwas leiser. Die Bilanz war am Ende des Satzes wohl nicht so makellos, wie Er am Anfang des Satzes noch dachte.

Egal. Woran das liege, dass Er es mit den Frauen so gut könne? Das war keine Frage, die wir ihm stellten, das war eine Frage, die Er sich selbst stellte, und Er meinte sie rhetorisch. Es ist doch klar, warum Er so gut mit Frauen könne! Er verstehe sie. Er wisse, was sie wollten. Dazu nickte Er. Verliebt war Er nicht nur in seine neue Freundin, verliebt war Er auch in diesen Gedanken.

«Über dich zum Beispiel», setzte Er an und beugte sich etwas nach vorne, «kann ich dir anhand deines Schmucks und der Art, wie du dasitzt, viel mehr sagen, als wenn du mir eine Stunde lang von dir erzählen würdest.» Was mich einleuchtend dünkte, denn zuhören würde Er mir ohnehin nicht. Den Beweis für seine Behauptung lieferte Er allerdings nicht, es wäre ihm wohl zu viel Du gewesen und zu wenig Ich.

Meine Begleitung schwieg während dieser zwanzig Minuten genauso wie ich, zwischendurch stellte sie ihm eine amüsierte Frage, meistens lachte sie aber nur über den Un- und Irrsinn, den Er von sich gab. Es wirkte ein wenig so, als wollte sie sich mit diesem Auflachen bei mir entschuldigen, schliesslich wurde unser Gespräch von ihm abrupt beendet und dies von ihr gestattet.

Und «farbsensibel» ist Er auch

Sie stoppte ihn auch später nicht. Wahrscheinlich dachte sie wie ich, Er werde es dann irgendwann schon merken, wie unangebracht Er sich verhielt. Aber je länger seine Werbesendung lief, je mehr wir ihn gewähren liessen, desto mehr fühlte Er sich wohl bestätigt.

Zwischendurch klinkte ich mich aus, ich hörte noch, wie Er gerade zu seiner Farbenlehre ansetzte, da Er ein Farbensensibler sei, und erklärte, dass es verschiedene Weisstöne gebe, aber eben auch verschiedene Schwarztöne und dass Frauen in weissen Hosen ein No-go seien, und Rot mit Rot zwar gut kombiniert werden könne, aber es halt doch schon sehr auf die einzelnen Rottöne ankomme, die man miteinander kombiniere, also nicht so wie jene Frau, die gerade vorbeiging und einen roten Mantel mit einer roten Tasche trug – ich blickte auf mein Handy und war froh, dass Nachrichten auf dem Display aufschienen, die ich beantworten konnte. Und die ich auch dringend beantworten wollte.

Die letzten fünf Minuten vor seinem eigentlichen Termin mit unserer gemeinsamen Bekannten überliess Er dann uns. Es war keine grosszügige Geste, ihm war lediglich eingefallen, dass Er noch eine SMS beantworten sollte – vorläufig hatte er sich ausreichend geäussert. Er lehnte sich zurück, tippte mit beiden Händen auf seinem Gerät rum, während die Frau und ich vereinbarten, dass wir so verbleiben würden, wie wir das besprochen hatten. Dann ging ich – nein, ich flüchtete.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 23:30 Uhr

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