Ein Tier, das auf die Toilette geht

Im Zoo Zürich sind zwei Klippschliefer-Junge unterwegs. Sie haben feine Manieren, seltsame Verwandte und Schweissfüsse.

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Wer es nicht weiss, kommt niemals darauf: Diese gedrungenen kleinen Tiere, die wie eine Mischung aus Meerschweinchen und Murmeltier aussehen, sind mit den Elefanten und Seekühen verwandt. Vier Exemplare sind, mit etwas Geduld, im Afrikanischen Gebirge des Zoos Zürich zu beobachten: ein Elternpaar und zwei am 10. Juni geborene Jungtiere.

Der Senior-Kurator des Zoos, Robert Zingg, weiss, wo er sie suchen muss, denn die Kleinen haben eine Lieblingshöhle etwa in der Mitte der Anlage, in die sie sich zurückziehen, wenn es draussen zu heiss ist. Oder zu kalt. Denn diese Säuger haben eine labile Körpertemperatur. Und sie haben Mitbewohner, die ihnen die Show stehlen: die mit den Pavianen verwandten Dscheladas.

Parfüm aus Schlieferurin

Da toben also diese Dscheladas durchs Gehege, kreischen und knurren, zwei Winzlinge torkeln herum, noch kleinere reiten auf dem Rücken oder hängen als Klammeräffchen am Bauch der Mutter. Ein Pascha sorgt ungeniert für den nächsten Nachwuchs und wir sollten uns auf die Höhle dort oben konzentrieren, um ein sandfarbenes, hasengrosses Tier zu beobachten, von dem Robert Zingg allerdings Erstaunliches erzählt.

So gehen diese eigentümlichen Tiere, die äusserlich nicht die geringste Ähnlichkeit mit Elefanten aufweisen, auf die Toilette. Alle Tiere einer Kolonie benutzen dieselbe Latrine, die man mit der Zeit von weitem sieht, denn das auskristallisierende Kalziumkarbonat des Urins fliesst schneeweiss den Felsen hinab. Im Zürcher Afrikagebirge ist dies an einer Wand nachgebildet. Die weisse Masse wird als Pulver in der traditionellen Afrikanischen Medizin – und in der Parfümherstellung – unter dem Namen Hyraceum verwendet.

Kaum auf der Welt, schon selbstständig

In der Höhle bewegt sich etwas. Dann schaut ein Meerschweinchen raus, das in Wirklichkeit ein junger Klippschliefer ist. Von hinten wird er geschupst, das Brüderchen oder Schwesterchen will auch raus. Nun liegen sie mit dem hellen Bauch nach oben auf dem warmen Felsen in der Sonne und sehen wirklich gar nicht wie ein Elefantenbaby aus.

Kleine Klippschliefer sind erstaunlich schnell der Mutter entwöhnt. Schon im Alter von wenigen Tagen beginnen sie, feste Nahrung, also Blätter und Kräuter zu fressen. Dafür dauert die Tragzeit mit etwa 225 Tagen ausserordentlich lang. Und sie sind offensichtlich bald gut zu Fuss, denn jetzt jagt das eine aus unersichtlichen Gründen und äusserst behende und ohne zu schlittern den steilen felsigen Hang hinunter.

Erstaunlich trittsicher

Zingg kennt das Geheimnis dieser erstaunlichen Trittsicherheit: Schweissfüsse. Klippschliefer haben an ihren nackten, gummiartigen Fusssohlen zahlreiche Schweissdrüsen, die der Haftung förderlich sind.

Eine gut erkennbare weitere Drüse haben sie auf der Rückenmitte. Deren Sekret dient der individuellen Unterscheidung und gibt den anderen Tieren Informationen über den Status des jeweiligen Tieres. Dieser Status ist in der komplizierten Sozialstruktur dieser Tiere eine wichtige Information.

Randständige gehören dazu

Die Klippschliefer, die im Süden Afrikas und in einem Band zwischen dem Kongobecken und nördlich der Sahara sowie im Nordosten vorkommen, leben in grösseren Kolonie zusammen. Territoriale Männchen besetzen und verteidigen dabei eine für ihre Gruppe ideale Felsformation, drei bis sieben erwachsene Weibchen streifen darin auf Nahrungssuche herum

Weitere Männchen leben als Einzelgänger am Rande dieses Gebietes. Das dominante Männchen paart sich mit den älteren Weibchen, die Randständigen mit den jungen. Schnappt dann ein Adler oder ein Löwe, ein Schakal oder ein Leopard das dominante Männchen, rückt der stärkste der Randständigen nach.

Die Herren des Gebirges

Von oben herab nähert sich die Klippschliefer-Mutter sichtlich aggressiv einem ausgewachsenen Dschelada-Männchen, das der Höhle ihrer Jungen zu nahe gekommen ist. Mit gesenktem Kopf rennt sie nun auf ihn zu.

Der Pascha, der sich eben noch brüstete, nimmt Reissaus. Es zeigt sich: Auch wenn die Dscheladas den Klippschliefern die Schau stehlen, die Herren des afrikanischen Gebirges sind die kleinen Klippschliefer. Sie brauchen dafür nicht einmal ihre grossen Brüder von der benachbarten Elefantenanlage zu Hilfe zu rufen.

Erstellt: 18.07.2018, 15:53 Uhr

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