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Ein ungewöhnliches Eintrittsticket ins Zürcher Kunsthaus

Im grossen Ausstellungsraum im Kunsthaus können neuerdings Besucher auf Kunstwerken herumkurven.

Skaten im Kunsthaus: Plötzlich werden Hindernisse zu Kunst.
Skaten im Kunsthaus: Plötzlich werden Hindernisse zu Kunst.
Michael Buholzer

«Ich dachte, wir gehen in eine Skatehalle», sagt Michael Kowner. Der Elfjährige steht fast täglich auf dem Skateboard. Für einmal tut er das aber nicht in einer speziell dafür eingerichteten Halle, sondern in einer, in der das Skateboardfahren gar nicht erlaubt wäre: im grossen Ausstellungsraum im Kunsthaus in Zürich. Es ist sein erster Besuch dort. «Es sieht hier schon etwas anders aus», sagt er, «aber wir finden es sehr lustig.»

Kowner und mit ihn ein paar Dutzend Jugendliche und Erwachsene werden als Skater Teil einer Kunstausstellung. Obstacles, also Hindernisse, wie Skaterampen, Curbs (Kanten) oder Rails (Geländer) sind Kunstobjekte. Eine Mutter schiebt ihre einjährige Tochter, die bäuchlings auf einem Rollbrett liegt, über den grauen Boden. Auch das geht im Werk des mexikanischen Künstlers Abraham Cruzvillegas, der hier die Ausstellung «Autoreconstrucción: Social Tissue» bestreitet, die noch bis zum 25. März dauert. Michael Kowner findet, dass die Obstacles in der Halle aussergewöhnlich sind: «Vieles habe ich so noch nie gesehen, es gibt einiges, das man mit dem Board hier ausprobieren kann. Das ist sehr kreativ.» Mit seinen elf Jahren legt er ein paar ziemlich gewagte und gewaltige Sprünge hin.

Drinnen statt draussen

Cruzvillegas nutzt die Halle im Kunsthaus vielfältig: Sie ist während der fünfwöchigen Aktion zugleich Atelier, Ausstellungsraum wie auch Veranstaltungshalle. Lokale Organisationen und Akteure begleiten das Programm. «Dieser kollektive Arbeitsprozess ist charakteristisch für Cruzvillegas», schreibt Kunsthaus-Direktor Christoph Becker im Ausstellungskatalog. Der Künstler selber spricht von einem Skulpturenpark, der auf der Vorstellung eines Skateparks beruht.

Kurven im Ausstellungsraum herum: Skater am Mittwochnachmittag im Kunsthaus. Bild: Michael Buholzer
Kurven im Ausstellungsraum herum: Skater am Mittwochnachmittag im Kunsthaus. Bild: Michael Buholzer

Er bringt damit Leute ins Zürcher Kunsthaus, die dort selten oder noch gar nie eine Ausstellung besucht haben. Die 23-jährige Sportartikelverkäuferin Salome Schärer war oft vor dem Kunsthaus – und hat die lang gezogene zweistufige Treppe vor dem Haupteingang mit ihren Kolleginnen und Kollegen zum Skaten benutzt. «Wir waren sehr enttäuscht, als sie dort eine Baustelle einrichteten. Jetzt ist es megacool, im Kunsthaus selber zu skaten. Wir wären nie auf die Idee gekommen, dass das je einmal möglich wäre.» Dass die Veranstaltung stattfindet, habe sich unter Skatern sofort per Whatsapp verbreitet.

Skaten im Kunsthaus – so abwegig ist die Idee für Sven Kilchenmann dagegen nicht. Der 35-jährige Skateboard-Profi sagt: «Skaten ist kreativ, es gibt noch so viele Figuren, die man erfinden kann. Skaten, das ist Kunst.» Daher findet er es richtig, im renommierten Haus selber herumzukurven. Er lebte für zehn Jahre in den USA und verdiente sein Leben mit Filmen und Wettkämpfen, unterdessen unterrichtet er in Zürich. Auch Schüler, von denen einige nun im Kunsthaus sind.

Im Leben von Vital Romero gehören Kunst und Skaten zusammen. Der 20-Jährige beginnt im kommenden Sommer ein Kunststudium in der Fachrichtung Fotografie in Antwerpen. Für ihn hat beides viel mit dem Konzept von do it yourself zu tun. Skater wie Künstler erbauen ihr Umfeld selber: Skater ihre Hindernisse, Künstler ihre Werke. Noch zweimal können sich Skater im Kunsthaus austoben: am Mittwochnachmittag vom 7. und 21. März.

Das Skateboard ist gleichzeitig Eintrittsticket.

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