Ein unvergesslicher Tag

An der Hochzeitsmesse sammeln Heiratswillige Prospekte über Brautmode, Trauringe und Tischdeko. Und wir liefern neun Fakten zum Heiraten.

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Darf man eigentlich in Schwarz an die Hochzeitsmesse gehen? Schliesslich betritt man, sobald Jacke und Schal bei der Garderobe des Zürcher Messezentrums abgegeben sind, eine rosa-liebliche Welt mit Blumenschmuck, Tüll-Schleifen und Schokoladenbrunnen. Und allen ist der Glückstaumel ins Gesicht geschrieben. So stellt man es sich vor, und so ist es an diesem Samstag, kurz nach zehn Uhr morgens, tatsächlich.

41 Prozent. Der Anteil der zivil getrauten Paare, die auch noch in der Kirche heiraten. In der Heimatgemeinde wäre das immer noch gratis, im Unterschied zur Ziviltrauung.

Eine junge Frau, die wir begleiten, ist extra aus Luzern angereist, sie wird diesen Herbst heiraten. Zwei Freundinnen sind dabei, die den Polterabend ausrichten werden, die beiden Schwestern sind da, sie werden die Brautjungfern sein, und auch die Mutter hat sich überreden lassen, bei diesem Messe-Bummel mitzumachen.

Die Braut weiss: 50 bis 60 Gäste, Ja-Wort in der Kirche, ein Budget von rund 20'000 Franken – Brautkleid und Fotograf nicht eingerechnet. Der Rest ist unklar, die Zeit drängt. «Wenn jemand erfährt, dass wir im Herbst heiraten wollen, schaut er uns ungläubig an: Ihr habt noch nicht einmal eine Location gebucht?»

225 Franken. Der Minimalbetrag für eine Ziviltrauung in der Stadt Zürich in der Discount-Variante: unter der Woche im Stadthaus. Meist kommen 30 Franken dazu für die Eheurkunde, die zum Beispiel Versicherungen sehen wollen. Ausländer zahlen 30 Franken extra für die Abklärung der Personalien. Will man sich am Samstag trauen lassen, kostet das 75 Franken zusätzlich. Und will man lieber ins Zunfthaus zur Waag als ins Stadthaus, kommen im Minimum 550 Franken dazu.

Die Mutter gewinnt, die Freundinnen gehen voraus

Die Luzernerin fährt an der Hochzeitsmesse das volle Programm, jede Information könnte wichtig sein. Ihre Schwestern stecken Stand um Stand eifrig die Prospekte und Flyer über Trauringe, Tischdeko oder Hochzeitsmenü ein, auch wenn jetzt schon klar ist, dass die Hochzeitstorte nicht von Sprüngli sein wird. Die Mutter macht bei den Gewinnspielen mit, gewinnt Massageöl und Windkerze, die Freundinnen bahnen den Weg und behalten die Uhr im Blick. «Um zwölf ist die Modeshow, nicht vergessen!»

200 bis 400 Franken. Der Preis für die Reinigung eines Brautkleids. Das ist etwa viermal mehr als bei einem Abendkleid – angeblich nicht zuletzt, weil kaum ein anderer Tag so viel Schmutz und Schweiss auf Textilien hinterlässt wie eine Hochzeit.

Ein Aussteller bewirbt die Hochzeitshomepage, die bei Brautpaaren besonders beliebt ist. Dort stehen etwa der Dresscode für die Gäste, Informationen zur Anfahrt und dem Menü oder die Wunschliste des Paars. Oft lädt man später die Fotos der Hochzeit auf die Seite. «Du willst wirklich so eine Homepage?», fragt Brautjungfer 2. Braut: «Ja, ich will!»

800 Franken. Wer bei der Trauung einen Profifotografen dabei haben will, zahlt etwa so viel. Sind auch Fotos des Abendprogramms gewünscht, Bilder für die Einladungskärtchen, ein Fotoshooting mit dem Brautpaar und ein Hochzeitsalbum, steigt der Preis schnell auf über 3000 Franken.

Ein brennendes Herz als Finale

Den Italo-Schnulzesänger unter einer gigantischen Discokugel lässt die Frauengruppe genauso unbeachtet wie den einsamen Saxofonisten und den Stand der Feuershow, die man ab rund 2000 Franken buchen kann. Zum Finale der Show darf das Brautpaar ein grosses rotes Herz anzünden.

65 Zeichen. Anzahl Buchstaben, die in den zehn Geboten der Bibel darauf verwendet werden, die Ehe zu regeln: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren. Im Schweizer Zivilgesetzbuch befassen sich 33 Seiten mit Eherecht. Da steht auch wenig Bekanntes wie: Man kann verlangen, eine Ehe für ungültig zu erklären, wenn man sich aus Irrtum hat trauen lassen.

Zwischendurch bittet eine der Frauen um systematischeres und effizienteres Vorwärtsgehen, aber da bleiben die Freundinnen bei einem Stand für Bräutigammode hängen. Der Verkäufer zeigt, dass im Kragen des Jacketts die Namen des frisch getrauten Ehepaars plus Hochzeitsdatum eingestickt sind, und erwartet Entzücken. «Also bitte, wer will denn so etwas!», raunt Brautjungfer 2 ihrer Schwester zu.

Einmal pro Woche. So oft bekommt das Management von Züri West eine Anfrage, ob die Band an einer Hochzeit auftritt. Oder ob Sänger Kuno Lauener nicht mit der Gitarre «I schänke dr mis Härz» spielen würde. Die Antwort lautet: nein. Und vielleicht müsste mal jemand auf Wikipedia festhalten, dass es in diesem Song ums Rotlichtmilieu geht.

Fettreduktion und Facelifting

Nach der Modeshow, die rund 45 Minuten dauert, ist der Braut definitiv klar, dass ihr Zukünftiger keinen Gehstock zu seinem Hochzeitsoutfit tragen soll. An einem Stand für Brautmode vereinbart sie einen Termin, um Brautkleider anzuprobieren. Maximal sechs Personen könnten sie begleiten, sagt die Verkäuferin. An einem Samstag sogar nur drei – zu begehrt ist dieser Tag für die Anprobe.

10'000 Franken. Dafür gibt es Flitterwochen in der Suite eines Spitzenhotels auf den Malediven. Direkt am Wasser – und mutmasslich Seite an Seite mit Dutzenden anderen frisch getrauten Pärchen.

An einer Ecke stellen Zahnärzte ihre Angebote fürs Zahnbleaching vor, ein paar Meter weiter kann man sich über Fettreduktion, Hautstraffung und Facelifting informieren. «Was haben solche Dinge an einer Hochzeitsmesse zu suchen?», fragen sich Braut, Brautjungfern 1 und 2 sowie die Freundinnen. «Das ist eine Beleidigung für jede Braut.»

200 bis 450 Franken pro Stunde. Der Stundenansatz eines Scheidungsanwalts, falls die Sache schief läuft. Dass es auch billiger, schneller und ganz ohne Anwalt geht, behauptet die Website Onlinescheidung.ch: Einfach 550 Franken zahlen, Formulare ausfüllen und dem Gericht schicken, fertig.

Nach vier Stunden an der Messe ist ein Ende noch nicht absehbar. Wie behält man den Überblick? «Gar nicht», lachen die Brautjungfern fröhlich. Und zeigen die diversen Hochzeits-Whatsappchats, in die sie Bilder von der Messe posten.

1 Aufgabe. Alles, was laut professionellen Hochzeitsplanern am Tag X noch zu tun bleibt, wenn man in den vorangehenden 12 Monaten die Checkliste gewissenhaft abgearbeitet hat. Nämlich: Ja-Sagen. (Nein ist offenbar keine Option.)

Schnell schnappt sich Brautjungfer 1 ein Säcklein mit rosa Meringues und eilt der Braut nach. Auf den Baisers steht: «It all started with a kiss.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2018, 17:41 Uhr

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