Ein Wartehäuschen auf Rädern

Zürichs neues Tram sieht nicht nach Tempo aus. Das bremst die Vorfreude.

Das Flexitytram hat hinten und vorn eine gleich steile Glaswand.

Das Flexitytram hat hinten und vorn eine gleich steile Glaswand. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Stadtbild, Nr. 009 – Auf jeder zweiten Ansichtskarte von Zürich ist ein Tram zu sehen: Tram auf Quaibrücke vor Alpenpanorama, Tram auf Quaibrücke vor Fraumünster, Tram auf Limmatquai vor Grossmünster. Mit 250 Fahrzeugen auf 14 Linien ist das Tram ein dominierendes Element im Stadtbild, eine mobile Möblierung, die in Stosszeiten allerdings zur Nervosität neigt.

Das Zürcher Tram ist so allgegenwärtig, dass es wegen seiner Bedeutung für den öffentlichen Raum gut aussehen sollte. Doch was haben die Verkehrsbetriebe vor zwei Wochen als Neuheit präsentiert? Ein Tram, das mit seiner seitlich gerundeten Scheibe den alten Wartehäuschen am Paradeplatz und am Bellevue gleicht. Ein Vehikel mit überhöhter Stirn und wulstigem Unterbau. Und das für 4,28 Millionen Franken pro Stück. Gewiss muss ein Tram, das die Innenstadt befährt, nicht die Aerodynamik eines TGV haben, aber nach Bewegung sollte es schon aussehen.

Strassenbahnen sind auch Zeitzeugen. Zum Beispiel das Mirage-Tram, hier bis auf ein Exemplar ausgemustert, in der Ukraine aber noch im Dienst. Es wurde in den 60er-Jahren gebaut, als Zürich eine Autostadt war. Seine robuste, vierschrötige Form verrät, dass es sich seine Fahrt gegen die Autos erkämpfen musste. Auch für die Fahrgäste war die Mirage ein Kampf – ein Kampf gegen die Schwerkraft beim Einstieg über die drei steilen Tritte.

Ein Mirage-Tram am Bellevue. Bild: tor

Das nächste Modell – das Tram 2000 aus den Jahren 1978 bis 1992 – hat eine ganz andere Ausstrahlung: klar, schlank, technische Eleganz. Es strahlt das Selbstbewusstsein eines privilegierten Verkehrsmittels aus, denn Zürich hat sich nach dem Nein zur U-Bahn im Jahr 1973 zur Tramstadt gewandelt.

Immer noch im Einsatz: Das Tram 2000. Bild: Urs Jaudas

Dann folgte das Cobra-Tram. Es ist der Versuch einer verwöhnten Stadt, aus einem Transportvehikel ein Wellnesserlebnis zu machen. Es sollte alle Komfortansprüche erfüllen, unter anderem mit stufenlosem Einstieg, Spotlicht über den Sitzen und mit einzeln angetriebenen Rädern gegen das Kurvenquietschen.

Unter dem Gewicht all dieser Anforderungen neigen die kleinen Räder jedoch zur Verformung, was aus der leisen Cobra manchmal eine laute Klapperschlange macht. Auch zoologisch gesehen ist die Cobra seltsam: Sie trägt den Namen einer Schlange, hat an Bug und Heck aber einen Entenschnabel.

Cobra-Tram auf der Quaibrücke. Bild: Beat Marti

Und jetzt also das Tram namens Flexity, von dem die Firma Bombardier bereits 1600 Stück in alle Welt verkaufen konnte. Flexibel am Flexity ist insbesondere das Aussehen der Front. Während Blackpool, Wien, Miami, Brisbane oder Basel eine schnittige Variante gewählt haben, macht Zürich auf statische Glaswand, Windstopper, Luftbremse. Warum nur?

Das Basler Modell hat eine dynamischere Schnauze als die Zürcher Ausgabe. Bild: Keystone/Patrik Straub

Eine schlimme Vermutung schleicht sich ein: Dieses Tram soll gar nicht schnell aussehen. Es soll ausdrücken, was die Fahrgäste erwartet: Stau, warten, Stillstand. Das Zürcher Tramnetz ist heute schon überlastet, wo nicht die Autos die Trams bremsen, blockieren sich die Trams gegenseitig.

Wenn sich nun bald die 100’000 zusätzlichen Einwohner, die prognostiziert sind, in der Stadt umtun, kommen die Trams kaum mehr vom Fleck. Eben deshalb sind die Wagen drinnen mit Steckern zum Handyladen ausgerüstet – zum Zeittotschlagen. Zürichs neues Tram lässt ahnen: Die Zukunft ist zähflüssig.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 27.11.2019, 15:22 Uhr

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