Ein Wochenende der Rekorde für Zürich

Noch nie in der jüngeren Geschichte Zürichs kamen so viele Menschen zu politischen Demos in der Stadt zusammen wie in den letzten drei Tagen. Die Bilanz der Ereignisse.

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Die Stadt Zürich erlebte zwei Rekordereignisse: Am Freitagabend zogen an der Demonstration zum zweiten nationalen Frauenstreiktag 160’000 Menschen durch die Innenstadt. Tags darauf nahmen 31’000 Personen an der Zurich Pride teil – so viele wie noch nie in jüngerer Zeit.

Wo solche Menschenmassen zusammenkommen, gibt es auch viele Nebenschauplätze und offene Fragen. Wir haben die Fakten und Antworten zusammengetragen.

Von 70’000 auf 160’000 in einer Stunde

Zu Beginn des Frauenstreikumzugs, der vom Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich (GBKZ) und vom Zürcher Frauenstreik-Kollektiv organisiert wurde, herrschte vor allem eins: Chaos. «Der Aufmarsch hat sogar uns überrascht. Es konnten sich nicht einmal Blöcke bilden», sagt GBKZ-Sprecher Björn Resener. Es habe sich alles verzögert, und irgendwann musste es einfach losgehen – ohne Formationen.

Um 19 Uhr wollten die Veranstalter eine erste Bilanz ziehen und eine Zahl kommunizieren. Zu diesem Zeitpunkt sei man davon ausgegangen, dass 70’000 eine realistische Schätzung sei, so Resener. «Aber schon kurz darauf gingen Meldungen bei uns ein, dass wir mit dieser Zahl viel zu tief liegen.»

Wie viele sind es denn? Blick von der Uraniabrücke auf die Frauenstreikdemonstration am 14. Juni 2019. (Bild: Walter Bieri/Keystone)

Wie sich herausstellte, sind noch eine Stunde nach Demonstrationsstart laufend weitere Teilnehmende dazugestossen. «Als der vordere Teil des Umzuges auf die Sihlporte zuging, standen einige immer noch am Central», so der Gewerkschaftssprecher. Die letzten Leute seien erst weit nach 20 Uhr am Helvetiaplatz angekommen.

Die Schätzung, dass insgesamt 160’000 Personen am Umzug teilnahmen, stammt vom Frauenstreik-Kollektiv. Gezählt wurde von der Uraniabrücke aus, wie Mitglied Salome Schaerer sagt. «Vielleicht waren es sogar noch mehr. Es kamen ständig neue Leute von allen Seiten dazu.» Schaerer ist der Meinung, dass man von einer Gesamtbeteiligung am Frauenstreiktag sprechen sollte und nicht nur von der Demonstration. «Ich gehe davon aus, dass allein in der Stadt Zürich rund 200’000 Menschen an Aktionen teilgenommen haben. Und die Zahlen aus den Gemeinden des Kantons liegen noch gar nicht vor.»

Schon wieder fährt ein Auto in eine Demo

Am Freitagabend kurz vor 19.30 Uhr erlebten die Demoteilnehmenden einen Schreckmoment. Ein Personenwagen ist bei der Verzweigung Tal-/Pelikanstrasse in den Umzug gefahren. «Der Lenker hat die Absperrung missachtet», sagt Polizeisprecher Michael Walker. Bei dem Vorfall sei zwar niemand verletzt worden, es sei aber eine Gefährdung vorgelegen. Deshalb wurde der Lenker des Fahrzeuges festgenommen und der Staatsanwaltschaft Zürich übergeben.

Der Mann sei inzwischen wieder auf freiem Fuss, weil keine Gründe vorlägen, um eine Untersuchungshaft zu beantragen, ist dort auf Anfrage zu erfahren. Das Ermittlungsverfahren laufe jedoch weiter. Die Polizei sucht nach Zeugen, die Angaben zum geschilderten Vorfall machen können.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Auto in der Stadt Zürich in eine Umzugsroute fährt. An der Klimademonstration vom 6. April dieses Jahres ist ein Porschefahrer in eine Gruppe Demonstrierende gefahren – darunter auch ein dreijähriges Kind –, die sich gerade noch in Sicherheit bringen konnte.

Ein gesitteter Grossaufmarsch

Von etwa 16 Uhr bis 20.30 Uhr zogen die laut Polizeimeldung «mehrheitlich weiblichen Teilnehmenden» des Frauenstreik-Demonstrationszuges durch die Zürcher Innenstadt. Die Route führte vom Central über Rudolf-Brun-Brücke und Uraniastrasse die Bahnhofstrasse hinab zum Paradeplatz und von dort über Talacker, Sihlstrasse und Sihlbrücke zum Helvetiaplatz – im Schritttempo bei brütender Hitze.

Der Durst war gewaltig, und er wurde allenthalben mit Wasser, Bier und sehr gerne auch mit Prosecco gelöscht. Anders als bei anderen Grossveranstaltungen gingen die Flaschen aber nicht zu Bruch. Entweder wurden sie sorgsam am Rand der Route abgestellt oder von den Demonstrierenden mitgenommen.

Sauber aufgereiht: An der Frauenstreikdemo gingen kaum Flaschen zu Bruch. (Bild: Tina Fassbind)

Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) bestätigt dies auf Anfrage. «Es gab keine Probleme mit Glasscherben», sagt ERZ-Sprecherin Béatrice Hubschmid. Um den Abfall entlang der Route zu entsorgen, waren zwischen 19 und 22 Uhr neun Mitarbeitende der Stadtreinigung im Einsatz. Rund 4 Tonnen Abfall mussten sie wegschaffen – so viel wie ein paar Hundert Menschen jeweils an schönen Sommerabenden am Seeufer hinterlassen.

Auch sonst haben sich die 160’000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehrheitlich gesittet verhalten. Ausschreitungen gab es keine, alles blieb friedlich. Die Polizei hat zwar vereinzelt Sprayereien entlang der Route festgestellt, wie Sprecher Michael Walker auf Anfrage sagt. «Bisher sind aber noch keine Anzeigen wegen Sachbeschädigungen bei uns eingegangen.»

Jubel, doch der Kampf geht weiter

31’000 Menschen zogen am Samstagnachmittag am Demonstrationsumzug der Zurich Pride mit – 10’000 mehr als im Vorjahr. Auch die diversen Veranstaltungen des zweitägigen Festivals verzeichneten mit 55’000 Besuchern einen neuen Rekord. Die Parade sei problemlos verlaufen, lässt die Stadtpolizei Zürich in einem knappen Communiqué verlauten. Auch Zurich-Pride-Präsidentin Lea Herzig zieht eine durchwegs positive Bilanz. «Im Verhältnis zur grossen Anzahl Teilnehmenden an unserem Festival ist alles friedlich verlaufen.»

Die LGBTQ-Community brauche aber auch an den übrigen 364 Tagen Unterstützung, sagt Herzig und verweist auf den Überfall auf ein schwules Paar am Rande des Festivals. «Ich habe gehört, dass es weitere hassmotivierte Übergriffe auf Mitglieder unserer Community gab. Das macht mich natürlich sehr betroffen», so Herzig. Es zeige, dass die Bewegung noch immer wichtig sei, dass die Aufklärung über die LGBTQ-Community und deren Schutz verbessert werden müsse. «Wichtig ist auch eine statistische Erfassung solcher vorurteilsmotivierter Übergriffe. Es können keine gezielten Massnahmen wie Prävention ergriffen werden, wenn diese Hate Crimes nicht ausgewiesen werden und es keine gesicherte Daten gibt.»

Erstellt: 17.06.2019, 16:36 Uhr

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