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Ein Zürcher Denkmal, das stört

Der Gemeinderat ist dagegen, den Altbau des Unispitals zu schützen. Er stellt damit einen Grundsatz fürs neue Hochschulquartier infrage. Was bedeutet das?

Marius Huber
Heilige Kuh oder überflüssig? Das alte Spitalgebäude aus den Vierzigerjahren, ein Werk der Architekturgrössen Haefeli Moser Steiger (HMS). Foto: Urs Jaudas
Heilige Kuh oder überflüssig? Das alte Spitalgebäude aus den Vierzigerjahren, ein Werk der Architekturgrössen Haefeli Moser Steiger (HMS). Foto: Urs Jaudas

Es klingt nach Seldwyla, ist aber eine Geschichte aus Zürich: Da wollen die Mächtigen ein komplettes Stadtquartier neu bauen, aber weil mitten auf dem Bauland eine heilige Kuh steht, müssen sie alles mit grossem Aufwand darum herum planen. Komplizierte Sache, jahrelange Arbeit. Dann, ganz am Schluss, fragen sie die Einheimischen nach ihrer Meinung – und die erklären ungerührt: «Die Mühe hättet ihr euch sparen können, das ist eine ganz normale Kuh.»

Das ist der Kern dessen, was sich am Mittwoch nächster Woche im Zürcher Gemeinderat abspielen wird, wenn dieser die Bau- und Zonenordnung (BZO) fürs neue Hochschulquartier beschliesst. Für dieses Multimilliardenprojekt im Herzen Zürichs, das Kanton, Stadt, ETH, Universität und Unispital seit 15 Jahren beschäftigt. Die heilige Kuh, um die es dabei geht, ist das alte Spitalgebäude aus den Vierzigerjahren, ein Werk der Architekturgrössen Haefeli Moser Steiger (HMS).

Altbau riegelt einen Teil des Spitalparks ab

Der Bau ist denkmalgeschützt, und bisher hiess es stets: Er muss bleiben, auch wenn rundum kein Stein auf dem anderen bleibt. Nun ist aber die vorberatende Kommission des Gemeinderats kürzlich zu einem ganz anderen Schluss gekommen, und zwar einstimmig. Sie findet, der Stadtrat müsse die Kantonsregierung auffordern, «die definitive Nichtunterschutzstellung des HMS-Baus zu verfügen». Von links bis rechts ist man der Ansicht, dass das veraltete Spitalgebäude einer vernünftigen Entwicklung des Quartiers im Weg steht.

Der Gemeinderat wird also nicht auf die Planer-Armada hören, sondern der Argumentation jener Kritiker folgen, die sich von Anfang an am Erhalt des Altbaus störten. Erstens besetzt dieser wertvollen Platz im Zentrum, wodurch die geplanten Neubauten fürs Unispital hangaufwärts gedrückt werden, wo sie höher in den Himmel ragen als nötig. (Auch wenn die ursprünglich vorgesehenen Maximalhöhen um 9 Meter gesenkt wurden und das erste konkrete Bauprojekt, im Januar präsentiert, sogar nochmals 13 Meter darunter liegt.) Zweitens riegelt der Altbau einen Teil des Spitalparks ab, der zum grünen Herzstück des umgebauten Quartiers werden soll.

Drei Gestaltungspläne wurden aufgehoben

Das Wort des Gemeinderats hat mehr Gewicht, als viele zunächst glaubten. Die kantonale Baudirektion, im Hochschulquartier tonangebend, war lange der Ansicht, dass ihre eigenen Pläne auf Gemeindeebene bloss noch nachvollzogen werden müssen. Eine Formalie quasi, ganz am Schluss, wenn es im Wesentlichen nichts mehr zu entscheiden gibt. Aber dann stellte ein unerwartetes Urteil des Zürcher Baurekursgerichts diese Sicht auf den Kopf. Die Richter hiessen Anfang 2018 eine Einsprache von Hochschulquartier-Kritikern gut und entschieden, dass es zuerst als baurechtliche Grundlage eine kommunale BZO brauche – erst danach könne der Kanton mit seinen Gestaltungsplänen den Rahmen für die Architekturprojekte vorgeben. Drei von der Baudirektion bereits festgelegte Gestaltungspläne wurden deshalb aufgehoben.

Dadurch stieg das Interesse an der Arbeit der gemeinderätlichen Kommission. Diese hat ihre Aufgabe laut mehreren Mitgliedern sehr ernst genommen, auch wenn ihr Spielraum durch die übergeordnete Raumplanung relativ beschränkt war. Beim Kanton dürfte man erleichtert sein, dass die Kommission jetzt im Grundsatz einverstanden ist, die BZO mit den vom Gericht einkassierten Plänen in Einklang zu bringen. Aber die abweichende Haltung zum HMS-Bau müsste doch zu denken geben.

Bereits die zuständige Kommission des Kantonsparlaments plädierte vor zwei Jahren bei der Behandlung des Richtplans einstimmig dafür, einen Abriss des geschützten Altbaus «zumindest in Erwägung zu ziehen». Baudirektor Markus Kägi lehnte damals dankend ab. «Wir wollen keine langwierigen Prozesse mit ungewissem Ausgang auslösen», sagte er, «sondern irgendwann einmal mit Bauen anfangen.» Die Frage ist also: Wird sich Kägis Nachfolger ein zweites Mal über ein einstimmiges Votum der Volksvertreter hinwegsetzen können, das diesmal sogar noch schärfer formuliert ist? Und worin bestünde die Alternative?

Aus pragmatischem Kalkül für den HMS-Bau

Der Gemeinderatskommission hat der Eindruck zu denken gegeben, den sie in zahlreichen Gesprächen erhielt: dass das Spital für die unzeitgemässen Räume im Altbau nur noch während des Umbaus einen Verwendungszweck hat. Man erhält also etwas, was niemand braucht. Wie Kägi sprachen sich die Spitalvertreter stets nur aus pragmatischem Kalkül für den HMS-Bau aus. Man scheut einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem Heimatschutz, für den dieses Werk sakrosankt ist. Und man fürchtet, einen solchen Streit zu verlieren, da mehrere Fachgutachten die Schutzwürdigkeit bestätigt haben. Dafür fehlt dem Unispital laut Spitalratspräsident Martin Waser die Zeit, weil die Infrastruktur derart in die Jahre gekommen ist, dass der Betrieb gefährdet würde.

Die ärgsten Befürchtungen haben sich relativiert

Selbst wenn die Akte HMS jetzt noch einmal geöffnet würde, wird an den Plänen für die ersten Bauetappen im Hochschulgebiet nicht mehr gerüttelt – das fordern nicht mal die aufmüpfigen Gemeinderätinnen und Gemeinderäten. Zumal sich die ärgsten Befürchtungen angesichts der konkreten Projekte der Architekturbüros Herzog & de Meuron und Christ & Gantenbein relativiert haben, die die Baudirektion im Januar trotz der noch laufenden Verfahren präsentiert hat. Auch der weitergezogene Rechtsstreit um die entsprechenden Gestaltungspläne ist kaum tangiert. Es liesse sich zwar argumentieren, dass die gesamte Planung auf einer Prämisse beruht, die dem Willen des Gemeinderats widerspricht. Aber solange dieser die BZO formal mit den Gestaltungsplänen in Einklang bringt, ist der Hauptkonflikt beigelegt. Das Votum zum HMS-Bau dürfte daran nichts ändern.

Dem Gemeinderat geht es dem Vernehmen nach auch um etwas anderes: um die zweite Hälfte des Grossumbaus im Hochschulquartier. In der Euphorie um die ersten Architekturprojekte dürfe man nicht vergessen, dass erst drei von insgesamt sechs Gestaltungsplänen festgelegt worden sind. Die noch folgenden Bauetappen des Unispitals liessen sich unter Verzicht auf den HMS-Bau womöglich doch noch überarbeiten und talwärts rücken. Es bleibe Zeit, reicht doch der gesamte Planungshorizont über das Jahr 2035 hinaus.

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