Das 500 Jahre alte Zürcher Geheimnis

Der Skandal blieb Jahrhunderte unter dem Deckel: Die letzte Äbtissin des Fraumünster-Klosters gebar noch im Amt eine uneheliche Tochter.

Die Initiantinnen vor dem Denkmal für Katharina von Zimmern im Kreuzgang des Fraumünsters (v. l.): Christine Christ-von Wedel, Irene Gysel, Marlis Stähli und Jeanne Pestalozzi. Foto: Samuel Schalch

Die Initiantinnen vor dem Denkmal für Katharina von Zimmern im Kreuzgang des Fraumünsters (v. l.): Christine Christ-von Wedel, Irene Gysel, Marlis Stähli und Jeanne Pestalozzi. Foto: Samuel Schalch

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Die Äbtissin freute sich damals kaum, als sie feststellte, dass sie schwanger war. Irene Gysel hingegen konnte im stillen Archiv nur mit Mühe einen lauten Jauchzer unterdrücken, als sie dem Geheimnis auf die Spur kam. Auf den Verdacht, dass die hochehrwürdige Äbtissin des Fraumünsters, Katharina von Zimmern, ein uneheliches Kind hatte, war sie schon früher in einer alten Briefsammlung gestossen. Doch nun erhärtete sich dieser. Und das Kind erhielt sogar einen Namen: Regula Schwarz.

Vor einiger Zeit beschlossen Irene Gysel und Jeanne Pestalozzi, einen Roman über die schillernde Frau in Auftrag zu geben. Gysel war Journalistin und bis 2015 Vizepräsidentin des Kirchenrates, Pestalozzi studierte Romanistik, war ebenfalls Kirchenrätin und präsidiert die Stiftung Brot für alle sowie den Verein Katharina von Zimmern. Dieser brachte es 2004 zustande, der letzten Fraumünster-Äbtissin im Kreuzgang des ehemaligen Klosters ein Denkmal zu setzen.

Spurensuche in Archiven

Katharina von Zimmern (1478-1547) übergab 1524 aus freien Stücken die Reichsabtei dem Rat, um Zürich einen Bürgerkrieg zu ersparen. Der populäre «Zwingli-Film» stellt sie als imposante, stolze Frau mittleren Alters dar, der rundum mit grossem Respekt begegnet wurde. Das dürfte der Realität entsprochen haben. Man stelle sich den Skandal vor, wäre damals aufgedeckt worden, dass die Äbtissin aus hochadliger Familie ein Verhältnis hatte.

«Wir spürten immer wieder, dass sich ein Puzzleteilchen zu den anderen fügte.»

Was ein Historien-Roman werden sollte, entwickelte sich stellenweise zum Krimi. Und wurde schliesslich zu einem historischen Buch, das in den nächsten Tagen unter dem Titel «Die Äbtissin, der Söldnerführer und ihre Töchter» erscheint.

«Eigentlich wollten wir nur Vorarbeiten zu dem Roman leisten», erzählt Gysel. «Dabei stiessen wir aber auf derart viele noch kaum oder nie gesichtete Quellen, dass wir uns umbesonnen haben.» Sie war schon an der ersten grösseren historischen Abhandlung über die letzte Fraumünster-Äbtissin beteiligt, die 1999 erschien. Damals als Herausgeberin. Nun machte sie sich selbst in den Archiven auf Spurensuche. Was der Laienhistorikerin an Handwerk fehlte, machte sie mit Hartnäckigkeit wett.

Da waren es schon vier

Pestalozzi liess sich anstecken. Sie übernahm die Online-Recherchen, denn in vielen Archiven sind die Akten mittlerweile digitalisiert. Und Pestalozzi vertiefte sich in die Stammbäume der alten Zürcher Familien. Zum Entziffern der zahlreichen handschriftlichen Texte holten sich die beiden Frauen Hilfe. So gesellte sich die Handschriftenkonservatorin Marlis Stähli zu ihnen. Gemeinsam belieferten sie die Historikerin und Erasmus-Spezialistin Christine Christ-von Wedel mit Stoff, den diese mit umfassendem Wissen in das historische Umfeld einordnete und damit einen neuen Blick auch auf Zwingli ermöglicht.

Rund zwanzig Archive durchforstete Gysel in Zürich, Karlsruhe und Singen, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Rheinau und Diessenhofen. Pestalozzi kam stunden-, manchmal nächtelang nicht vom Computer weg. Stähli transkribierte auf Teufel komm raus – eine Heidenarbeit! Und Christ-von Wedel brachte das alles auf einen Nenner, gewichtete, interpretierte, formulierte. Manche Recherchen unternahmen sie gemeinsam, streiften auf der Suche nach einem gewissen Grabstein durch die Peterskirche in Heidelberg oder durchforsteten das Archiv der Familie von Reischach im Schloss Schlatt unter Krähen bei Singen.

Eine Schnitzeljagd

Dort erlebten sie das, was die Archivarbeit so beschwerlich, aber spannend macht. «Als die Dokumentenschachtel vor uns lag, in welcher die Akten aus der fraglichen Zeit aufbewahrt werden, hielten wir den Atem an», erinnert sich Gysel. «Wir öffneten sie. Sie war leer.»

Der 90-jährige Archivar erinnerte sich daran, dass der Inhalt einst an einen Professor aus Konstanz ausgeliehen wurde. So reisten sie nach Konstanz. Eine Schnitzeljagd. Nicht die einzige. «Wir spürten immer wieder, dass sich ein Puzzleteilchen zu anderen fügte. Wir waren alle vollkommen davon in Beschlag genommen.» Dabei ging es um weit mehr als die uneheliche Tochter der Äbtissin. Das Ziel war, nicht zuletzt in Hinblick auf das Reformationsjahr, die Geschichte dieser aussergewöhnlichen Frau umfassend aufzuarbeiten, samt ihrem Netzwerk, das sich als riesig herausstellte. Auch wollten sie wissen, wie es mit Katharina von Zimmern weiterging, als sie ihr Amt niedergelegt hatte.

Bekannt war, sie hatte nicht wie viele Nonnen, die das Kloster verliessen, einen Pfarrer geheiratet, sondern einen ambivalenten Söldnerführer, der zuweilen in Zürich unter Bann stand: Eberhard von Reischach. Er ­hatte bereits aus erster Ehe drei Töchter und einen Sohn. Es scheint eine Liebesheirat gewesen zu sein. Katharina gebar ihm eine Tochter und einen Sohn, als sie fast fünfzig Jahre alt war.

Zwingli als Brautwerber

Doch was geschah mit der unehelichen Tochter? Katharina von Zimmern hatte sie gemäss verschiedenen Quellen zärtlich geliebt und umsorgt. Noch im Amt und in politisch unruhiger Zeit bat sie Zwingli, für das namentlich nicht genannte Mädchen den Brautwerber zu machen. Er delegierte die Aufgabe an seinen Freund Vadian mit dem Hinweis, es sei besser, auf die Herrin Rücksicht zu nehmen, als sie zu verdriessen. Dies ist auch ein Beleg für Macht und Einfluss, die Katharina von Zimmern besass.

Erst in den Taufbüchern, in denen die Geburten der vier Kinder dieser namenlosen «Nichte» verzeichnet wurden, entdeckte Gysel den Namen: Regula Schwarz. Dann las sie, dass Katharina einem Mädchen namens Salomea eine ansehnliche Summe vermacht hat. Salomea war die Tochter der früh verstorbenen Regula Schwarz. Das war einer jener Momente, in denen sie im stillen Archiv fast einen Jauchzer ausgestossen hätte.

Noch im Amt bat Katharina von Zimmern Zwingli, für das Mädchen den Brautwerber zu machen.

Ein weiterer: Gysel war auf der Suche nach einem Testament. Sie kannte die Signatur des entsprechenden Ratsbuches, wusste, in welchem Zeitraum sie suchen musste, fand aber nichts. Schaute nochmals. Vergeblich. Blätterte frustriert und gedankenverloren durch die Seiten. Da stand plötzlich die Schrift auf dem Kopf. Sie wuchtete den schweren Band um und stellte fest, dass die Testamente einfach von hinten her erfasst wurden. Wieder ein Puzzleteilchen.

Bleibt die Frage: Wer war der Vater des unehelichen Kindes? Bereits ihr späterer Mann Eberhard von Reischach, der damals noch verheiratet war? Damit wäre der Skandal im alten Zürich perfekt. Doch das wäre dann definitiv Stoff für einen Roman.

Christine Christ-von Wedel: Die Äbtissin, der Söldnerführer und ihre Töchter. Katharina von Zimmern im politischen Spannungsfeld der Reformationszeit. TVZ-Verlag. Vernissage: am 24.10. um 18 Uhr im Fraumünster.

Erstellt: 17.10.2019, 20:27 Uhr

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