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Eine kleine Utopie auf der Hardturmbrache

Die Klimabewegung veranstaltet in Zürich ihr erstes Festival – und probt dabei zwei Tage lang eine nachhaltigere Welt.

Zwei junge Menschen am Klimafestival in Zürich.
Zwei junge Menschen am Klimafestival in Zürich.
Fabienne Andreoli

Dieses Festival will anders sein, das zeigt sich schon am Eingang: niemand, der einen Eintritt verlangt oder ein Billett kontrolliert. Dafür eine Tafel mit Regeln: Den mitgebrachten Abfall soll man wieder mitnehmen, den Trinkbecher mehrfach verwenden, Food-Waste vermeiden, Alkohol und Drogen nur so konsumieren, dass man sich noch unter Kontrolle hat.

Diese Regeln scheinen beim ersten Schweizer Klimafestival auf der Hardturmbrache im Kreis 5 tatsächlich eingehalten zu werden. Es liegt kein Abfall auf dem Boden, wer keine Tasse dabei hat, erhält einen Mehrwegbecher, es gibt eine Velowerkstatt, einen Kleidertausch und mehrere Küchen, die veganes Essen anbieten.

Möglichst wenig Abfall, möglichst viel Wiederverwendbares lautet die Devise. Bild: Fabienne Andreoli
Möglichst wenig Abfall, möglichst viel Wiederverwendbares lautet die Devise. Bild: Fabienne Andreoli

Am Samstagnachmittag fällt aber auch auf, dass das Klimafestival die Massen noch nicht anzieht wie die Streiks und die Demonstrationen. Doch der Eindruck mag etwas trügen. Denn das Angebot an Workshops, Aktivitäten, Podien und Musik ist überbordend. So wippen vor der Bühne die Eltern mit ihren Kindern im Takt der Lieder Linard Bardills, während sich eine Gruppe zum Yoga trifft und Interessierte mit Lastenvelos in die Stadt ausgeschwärmt sind, um im Müll der Supermärkte nach verwertbarem Essen zu suchen.

Wenig Erfahrung, viel Improvisation

«Mit dem Klimafestival wollen wir zeigen, wie das Leben in einer besseren Welt aussehen könnte», sagt Michelle Reichelt, Mediensprecherin und Mitglied des Organisationskomitees. «Wir sind eine kleine Utopie.» Die Organisatorinnen sind in der Klimastreikbewegung engagiert, arbeiten ehrenamtlich – und hatten bisher noch keine Erfahrung mit der Vorbereitung und dem Aufbau eines Festivals. Kommen noch die strengen Vorgaben hinzu: Möglichst wenig CO2 und Abfall, möglichst viel Wiederverwertbares. Und das praktisch ohne Budget.

Hatte bisher keine Erfahrung mit Festivalorganisation: Mediensprecherin Michelle Reichelt. Bild: Fabienne Andreoli
Hatte bisher keine Erfahrung mit Festivalorganisation: Mediensprecherin Michelle Reichelt. Bild: Fabienne Andreoli

Sie hätten viel improvisiert und viel gelernt, sagt Reichelt. Wo möglich habe man alles mit dem Velo oder dem Zug herangefahren, einen Kühlschrank gar auf einem Skateboard transportiert. Die beiden Hauptbühnen, die Komposttoiletten und andere grosse und schwere Materialien seien per Lastwagen angeliefert worden, die dabei anfallenden Emissionen würden kompensiert. Die grösste Hilfe seien aber die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer gewesen, sagt Reichelt.

Helfer wie der 50-jährige Mathias Finger. Um Mithilfe hat ihn seine Tochter Janina gebeten, die ebenfalls im Organisationsteam ist. «Das ist ein Familienprojekt, heute sind meine Tochter und meine Mutter hier», sagt der Werklehrer, der extra aus Scharans im Bündnerland angereist ist. Er unterstütze die Ideale der Klimabewegung. Deshalb hat Finger seit Donnerstag in der provisorischen Werkstatt die Holzelemente für die wiederverwendbare Bar zugeschnitten, beim Aufbau der Zelte geholfen und die Verankerungen kontrolliert, die Laien aufgebaut hatten.

Der Werklehrer hilft mit: Mathias Finger mit seiner Tochter Janina. Bild: Fabienne Andreoli
Der Werklehrer hilft mit: Mathias Finger mit seiner Tochter Janina. Bild: Fabienne Andreoli

Dass das Festival aus einer Protestbewegung heraus entstanden ist, steht heute etwas im Hintergrund. Ein Transparent beim Eingang macht es aber plakativ deutlich. Es stellt eine Solidaritätsbekundung mit den Aktivistinnen und Aktivisten dar, die in Zürich und Basel die Einlässe von Grossbanken blockierten und inhaftiert wurden.

Darauf angesprochen, findet Reichelt, es brauche beides: den Protest und andere Formen des Widerstands. «Wir haben schlicht keine Zeit mehr», sagt sie. Mit dem Festival habe man aber versucht, möglichst inkludiert zu sein und viele Menschen anzusprechen. Auch Mathias Finger diskutiert den Widerstand der Klimabewegung mit seiner Tochter Janina. «Ich wünsche den Jugendlichen einfach, dass sie originelle Formen des Protests finden», sagt er. Und dass sie merkten, wann sie sich abgrenzen müssten.

«Galadiner» im Kerzenschein

Die aktuelle Debatte, wie kapitalismuskritisch die Klimabewegung sein muss, soll nicht im Vordergrund stehen. Im Zentrum des unkommerziellen Festivals stehe vielmehr das Miteinander und die Gemeinschaft, sagt Reichelt. Trotzdem finden sich auch hier Positionen bis ganz links – etwa mit der Podiumsdiskussion des kapitalismuskritischen Sozialwissenschaftlers Athanasios Karathanassis oder beim Workshop «Make Rojava Green Again», der die kommunistische kurdische Bewegung in Syrien unterstützt.

Geht im breiten Programm fast etwas unter: Die Musik, hier mit der Band Mezu. Bild: Fabienne Andreoli
Geht im breiten Programm fast etwas unter: Die Musik, hier mit der Band Mezu. Bild: Fabienne Andreoli

Nach dem Eindunkeln ist die Hardturmbrache etwas voller geworden. An vier langen, mit weissen Tischtüchern, Kerzen und Wiesenblumen gedeckten Tischen wird das vegane und kostenlose «Galadiner» serviert, das die Freiwilligen am Nachmittag aus den Containern der Stadt geholt und danach zubereitet hatten. Auf der Bühne nebenan erklingt der Sound des Klimastreiks: «On est plus chaud, plus chaud, plus chaud que le climat.» Das etwas andere Festival hat sich für den zweiten Tag aufgewärmt.

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