Eine Kündigung, viele Verlierer

Der ETH-Präsident möchte eine Professorin entlassen – diese geht auf mediale Rachetour und sieht sich als Opfer einer Hexenjagd. Wie es dazu kam.

«Ich habe auch Fehler gemacht. Welcher Mensch tut dies nicht?»: Marcella Carollo. Foto: Lukas Mäder (13 Photo)

«Ich habe auch Fehler gemacht. Welcher Mensch tut dies nicht?»: Marcella Carollo. Foto: Lukas Mäder (13 Photo)

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Offiziell tagt der ETH-Rat erst im Mai. Für gestern wurde jedoch kurzfristig ein Treffen einberufen. Ein ausserordentliches Treffen für einen ausserordentlichen Fall: Marcella Carollo, die italienische Physikprofessorin. Die Frage, die sich dem obersten Organ der ETH stellt: Kündigung oder nicht? Es wäre das erste Mal in der 164-jährigen Geschichte der ETH, dass eine Professorin oder ein Professor entlassen würde. Viel steht auf dem Spiel.

Im Zuge von Carollo beschloss der ETH-Rat gestern, eine weitere Untersuchung einzuleiten. Sie betrifft die Aussagen von Physik-Professorin Ursula Keller, die Carollo medial zu Hilfe eilte. Keller sprach in Interviews von Korruption und inoffiziellen Koalitionen, durch die die ETH gelenkt werde. Er sei «schockiert und enttäuscht» über die Vorwürfe von Keller, sagt ETH-Präsident Joël Mesot in der «Schweiz am Sonntag». Dennoch soll nun eine externe Untersuchung eingeleitet werden. Keller zeigt sich beherzt. «Ich stehe nach wie vor zu allem, was ich gesagt habe», sagt die Professorin auf Anfrage des «Tages-Anzeigers». Sie folge dem Rat ihrer Eltern: «Wer für das Richtige kämpft, kann auf die Länge nicht verlieren.»

Rückhalt für Mesot

Bis im Fall Carollo entschieden wird, brauche es noch Wochen, wenn nicht Monate, lässt der Mediensprecher des ETH-Rats ausrichten. Insider gehen davon aus, dass der Rat dem Antrag von Präsident Mesot folgen wird und die Professorin entlässt. «Sie werden sich hüten, dem neuen ETH-Präsidenten in den Rücken zu fallen», meint ein hochrangiger ETH-Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden will. Mesot trat sein Amt am 1. Januar an. Mitte März gab er seinen Antrag zur Entlassung von Carollo bekannt. Er widersetzte sich damit einer Kommission, die zum Schluss kam, dass eine Entlassung aus juristischer Sicht «eher nicht gerechtfertigt» sei. Die gleiche Kommission urteilte aber auch, dass die Vorwürfe gegen Carollo weitgehend zutreffend seien und die Professorin keinerlei Einsicht zeige.

Auf Anfrage des TA zeigt die Professorin ein wenig Reue: Sie habe auch Fehler gemacht, sagt Carollo. Und relativiert sogleich: «Welcher Mensch tut dies nicht, wer ist schon perfekt?» Die Professorin spricht eine Warnung aus: Werde sie entlassen, dann sehe sie sich gezwungen, rechtliche Schritte einzuleiten. Der ETH droht ein langjähriger Rechtsstreit.

Dabei würde der Präsident gern einen Schlussstrich unter die Affäre ziehen. Eine Affäre, in der es fast nur Verlierer gibt: Carollo, die am ehemaligen Institut für Astronomie wirkte, bis dieses 2017 von der ETH Leitung aufgelöst wurde; ihr Ehemann Simon Lilly, der das Institut gegründet hatte; die Hochschule selbst, die international in die Schlagzeilen geriet; ein Ombudsmann, der seinen Job verlor; der ehemalige ETH-Präsident Lino Guzzella, der letztes Jahr nach massivem Druck auf seine Person auf eine Wiederwahl verzichtete. Vor allem aber waren es Studierende und Doktorierende, die zu leiden hatten – jene, die den umstrittenen Betreuungsmethoden von Professorin Carollo ausgesetzt waren und jahrelang nicht ernst genommen wurden.

«Opfer werden zu Tätern gemacht und umgekehrt. Und Sachverhalte bewusst verdreht.»Ex-Doktorand von Carollo

Die Anfänge reichen ins Jahr 2002 zurück. Die ETH beauftragt den britischen Physiker Simon Lilly, das Institut für Astronomie aufzubauen. Mit Lilly kam auch seine Frau, Marcella Carollo, die fortan am selben Institut angestellt war.

Es kam zu Problemen zwischen Carollo und ihren Doktorandinnen und Doktoranden. Der TA trat 2017 mit mehreren Personen in Kontakt und berichtete über ihre Erfahrungen mit Carollo. «Sie tippte mir auf die Stirn und sagte, dass mein Gehirn zu klein für die Inhaltsaufnahme sei», sagte ein ehemaliger Doktorand. Eine Betroffene erinnerte sich an eine Episode, als sie nach einem Misserfolg verzweifelt an ihre Professorin gelangte. «Wie reagierst du beim nächsten Misserfolg? Möchtest du dich dann gleich aus dem Fenster stürzen?» Carollo erinnert sich heute nicht, derartige Aussagen gemacht zu haben.

Vorfälle reichen weit zurück

Weitere Aussagen von Betroffenen, sogenannte Testimonials, liegen dem TA vor. Oftmals verwendete Carollo einen abfälligen Ton, auffallend oft gegenüber Frauen. «Schon eine vermeintlich falsche Körperhaltung ihr gegenüber konnte zu langen Diskussionen führen», erzählte eine Postdoktorandin.

Einige der Vorfälle ereigneten sich bereits vor 2010. Erst 2017 reagierte die ETH. Eine italienische Doktorandin fasste sich ein Herz und kontaktierte im Januar 2017 den damaligen Ombudsmann Wilfred van Gunsteren, obwohl Carollo ihr zuvor gedroht hatte. Van Gunsteren zeigte sich erschrocken und wurde selbst aktiv, indem er aktuelle und ehemalige Doktorierende von Carollo kontaktierte. Im Mai wandte sich van Gunsteren mit einem ausführlichen Bericht an Präsident Lino Guzzella.

Die Situation war derart drastisch, dass die Schulleitung sofort Massnahmen ergriff: Sie schloss das Institut für Astronomie, und die Schulleitung schickte Carollo und ihren Ehemann in ein Sabbatical – mit der Aussicht auf Rückkehr an die Hochschule. Das erschien dem Ombudsmann zu halbherzig. Van Gunsteren intervenierte erneut – auf höchster Stufe, beim ETH-Rat: «Ich konnte nicht verantworten, dass sich eine weitere Generation von Doktorierenden den psychischen Übergriffen der Professorin aussetzen muss.» Erst auf Druck des ETH-Rats leitete Guzzella im Oktober 2017 eine Administrativuntersuchung ein. Im März 2018 teilte er den beiden Ombudspersonen mit, dass ihre Amtsperioden nicht mehr verlängert würden. «Wir waren der Schulleitung zu unbequem», sagt van Gunsteren.

Der Fall schien gelaufen. Bis das Onlinemagazin «Republik» vor zwei Wochen die Geschichte in einem Mehrteiler aufzurollen begann. Die Journalisten schildern sehr detailliert und zitieren aus diversen internen ETH-Dokumenten. Das ist spannend zu lesen, zumal die Autoren schreiben, als seien sie dabei gewesen. Die Recherche offenbare aber auch eine Schwäche, meinen Betroffene: Sie sei einseitig und verbreite primär die Sichtweise der angeschuldigten Carollo und der Professorin Ursula Keller, die sich vehement für ihre Kollegin zur Wehr setzt.

Im Gespräch mit dem TA zeigen sie sich irritiert durch die Berichterstattung: Ehemalige Doktoranden von Carollo, ETH-Führungskräfte oder Wilfred van Gunsteren, der eine ganz andere Version der Geschichte zu erzählen hätte. Einen ehemaligen Doktoranden stört es, dass die Doktoranden nicht zu Wort kommen: Er sei zwar von einem «Republik»-Reporter kontaktiert worden. Doch keine seiner Aussagen sei verwendet worden. «Dies hätte wohl nicht in die Geschichte über das ‹Opfer Carollo› gepasst.»

«Feminist Köppel»

Wer die Berichte liest, kann zum Schluss kommen: Alle sind schuld, ausser die beschuldigte Professorin. Die Doktorierende, die es als Erste wagte, die Betreuungsmethoden von Carollo zu kritisieren – sie wird als rachsüchtig beschrieben. Ombudsmann van Gunsteren, der den Fall ins Rollen brachte – er soll seine Kompetenzen überschritten haben. Und die ETH habe ein missbräuchliches Verfahren geführt, das nicht dem rechtlichen Standard entspreche. Die ETH reagierte und versuchte danach, die Vorwürfe öffentlich zu entkräften. Doch da stand sie bereits am Pranger.

Inzwischen hat sich auch die «Weltwoche» eingeschaltet. In einem Interview mit dem Blatt inszeniert sich die Professorin als Opfer einer Hexenjagd: «Ich bin Anna Göldi.» Diese Woche greift Chefredaktor Roger Köppel selbst in die Tasten und schreibt von anarchistischen Zuständen. Köppel stützt sich bei seinem Bericht in erster Linie auf die «Republik»-Recherche. Sein überraschendes Fazit: Der Fall Carollo habe ihn zum Feministen gemacht. «Wer das liest, kann nicht anders.»

«Opfer werden zu Tätern gemacht und umgekehrt. Sachverhalte werden bewusst verdreht oder falsch wiedergegeben», sagt der ehemalige Doktorand. Er befand sich unter den 36 Personen, die von der ETH zum Fall Carollo befragt wurden. Die Doktorandenvertretung Aveth stellte sich diese Woche hinter Präsident Mesot. Die Artikelserie der «Republik» stelle die Doktoranden als eine Gruppe rachsüchtiger Verschwörer dar. Mobbing und unethisches Verhalten würden verharmlost.

Erstellt: 29.03.2019, 22:50 Uhr

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