Eine Minderheit kommt an

Die Kosovaren sind Teil der Gesellschaft und gehören zu den grössten ausländischen Bevölkerungsgruppen des Landes. Ein Gespräch mit drei Zürchern, die ihren Weg in der Schweiz gegangen sind.

Kosovaren feiern am 17. Februar 2008 auf dem Helvetiaplatz in Zürich die Unabhängigkeitserklärung. Foto: Peter Lauth

Kosovaren feiern am 17. Februar 2008 auf dem Helvetiaplatz in Zürich die Unabhängigkeitserklärung. Foto: Peter Lauth

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind zwar nur die viertgrösste Minderheit der Schweiz, aber trotzdem in der Öffentlichkeit präsenter als andere Einwanderergruppen. Als in den Neunzigern Zehntausende Kosovo-Albaner vom Krieg auf dem Balkan in die Schweiz geflüchtet sind, wurden sie mit dem Klischee vom Schläger oder Raser bedacht, bald erschienen sie auf den Plakatkampagnen der SVP: «Kosovaren schlitzen Schweizer auf». Später machten die Schweizer Kosovo-Albaner als erfolg­reiche Fussballer von sich reden und die ganze Schweiz jubelt ihnen zu – auch konservative Kreisen.

Heute, rund 20 Jahre nach der Ankunft in der Schweiz, und zehn Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung des kleinen Balkanlandes haben sich die ­Wogen geglättet. Ob Politiker, Künstler, Polizisten, Ärzte oder Social Media Campaigner: Schweizer mit kosovarischen Wurzeln finden sich in allen gesellschaftlichen Bereichen und längst nicht mehr nur in den typischen Berufen von Gastarbeitern. Den Trend bestätigt auch die Anzahl der Hochschulabschlüsse, die sich in den vergangenen zehn Jahren beinahe verdoppelt haben. Die Mitglieder von Studenti haben sich in den letzten Jahren fast verzehnfacht. Und der Verein Albanischer Studenten an der Universität Zürich, zählt zu den grössten Studentenvereinigungen in der Schweiz.

Für Christof Meier, Leiter der In­tegrationsförderung der Stadt Zürich, ist dies Zeichen dafür, dass ein Teil der kosovo-albanischen Minderheit in der Mitte der Schweizer Gesellschaft angekommen ist. Vom Feindbild zum respektierten Bürger, so sei das auch bei den Italienern damals gewesen, sagt er. Trotz der gelungenen Integration einiger Teile der kosovarischen Diaspora, lebten die Menschen mit koso­varischen Wurzeln in der Regel noch immer in einem «extremen Spannungsfeld zwischen Tradition und Integration», sagt Jetmir Behluli. Der Wirtschaftstudent war langjähriges Vorstandsmitglied und Präsident von Studenti. «Albaner halten die Sphären der Familien und der Schweizer Freunde oft getrennt», sagt Behluli.

Ein ähnlicher Befund ergibt sich auch aus dem Gespräch mit drei Kosovo-Schweizern aus dem Kanton Zürich: Lindita Biqkaj (35) ist Architektin, Albert Muhadri (38) arbeitet als Devisenhändler bei einer Privatbank, und Shkelzen Kastrati (28) ist besser bekannt unter dem Pseudonym Xen. Er zählt zu den grossen Hoffnungsträgern im Schweizer Rap. Sie sitzen gemeinsam an einem Tisch und sprechen über ihr Verhältnis zur Schweiz.

Die Kosovo-Albaner kommen immer mehr in der Schweiz an. Wie sehen Sie das?
Albert Muhadri: Das merke ich deutlich. Man sieht das auch am Wording in den Zeitungen, das ist heute viel weniger aggressiv. Ich sehe auch, dass viele junge Albaner heute besser integriert sind als die Schweizer selber (lacht). Shkelzen Kastrati: Ich sehe das gleich. Viele Junge definieren sich heute nicht mehr über die Tradition der Eltern. Sondern gehen ihren eigenen Weg, besonders in meiner Generation. Das wird von Jahr zu Jahr auch leichter, weil es viele Vorbilder gibt.

Knapp 200'000 Kosovo-Albaner leben in der Schweiz, der grösste Teil davon im Kanton Zürich. In der Stadt Zürich sind sie insbesondere in den Quartieren Seebach, Oerlikon und Altstetten stark vertreten. Die genau Zahl ist schwer zu bestimmen, da die Kosovaren erst seit der Unabhängigkeitserklärung vor zehn Jahren in der Statistik erfasst werden. Zuvor galten sie als Serben. Ausserdem ist die Einbürgerungsrate bei den Kosovaren seit vielen Jahren hoch. Viele, die als kleine Kinder in die Schweiz geflüchtet sind, besitzen heute den Schweizer Pass.

Wo im Alltag begegnen Sie noch den alten Klischees?
Lindita Biqkaj: Es gibt nach wie vor sehr viele Vorurteile. Die Geschichte von den Zwangsheiraten hält sich sehr hartnäckig. Dabei spielt das im Kosovo, den ich kenne, überhaupt keine Rolle. Doch Nachteile habe ich wegen den ­Zuschreibungen anderer noch keine erlebt. Im Gegenteil, die Kosovaren gelten ja auch als Chrampfer, genau wie die Schweizer. Muhadri: Das war bei mir anders. Ich war oft mit Vorurteilen konfrontiert. Etwa damit, dass alle Kosovo-Albaner Schlägertypen seien. Es war damals schwerer, eine Stelle zu finden. Auch wenn es in meinem weiten Freundeskreis niemanden gab, auf den das ­Klischee zutreffen würde.
Kastrati: Damit mein Sohn nicht dieselben Problem bekommt in der Schule wie ich, habe ich ihm einen international bekannten Namen gegeben und keinen typisch albanischen. Doch generell gesprochen sind die Klischees für mich mittlerweile abgehakt. Sie haben nichts mehr mit mir zu tun. Ich kann ja noch nicht einmal Autofahren. Und ich texte auf Schweizerdeutsch.

Alle drei Gesprächspartner machen deutlich, dass sie nicht als die «guten Kosovo-Albaner» dargestellt werden möchten im Bericht. Ebenso halten sie nicht viel von einem Wir-ihr-Denken. Hier die Schweizer, dort die Kosovaren. Trotzdem die Frage: Ärgern Sie sich manchmal über Schweizer Eigenarten?
Biqkaj: Ich denke nicht in solchen Kategorien. Wenn ich mit meinen Kol­legen in Pristina rede, merke ich überhaupt keinen Unterschied zu meinen Schweizer Kollegen.
Muhadri: Wenn ich mich über Schweizer Eigenarten ärgern würde, würde ich mich über mich selber ärgern. Ich habe sehr viele Schweizer Tugenden ­integriert.

Der Weg der Kosovo-Albaner in die Schweizer Gesellschaft ist schon ein sehr langer. Als Markstein sieht Barbara Burri Sharani das Jahr 2005, als sich die politische Lage im Kosovo stabilisierte. Burri Sharani ist Mitverfasserin der Studie «Die kosovarische Bevölkerung in der Schweiz». Viele Familien hätten damals realisiert, dass sie in der Schweiz mehr Chancen hätten, und seien geblieben, sagt sie. «Ihr Dasein in der Schweiz verlor damit das Vorläufige.» Während die Eltern also noch klassische Einwandererberufe im Baugewerbe oder der Gastronomie ausübten, gingen viele ihrer ­Kinder fortan neue Wege. «Man wollte Chancen nutzen», sagt Burri Sharani. Christof Moser vom Integrationsbüro kennt diese Bewegungen unter Migrantengruppen. «Die zweite Generation macht in der Wirtschaft Karriere, die dritte schliesslich auch in Lehrer- und sozialen Berufen», sagt er.

Zum Schluss kommt das Gespräch noch auf die Figur Mergim Muzzafer, den zwar faulen aber sympathischen, von Mike Müller gespielten Kosovo-Albaner aus der Late Night Show. Zwei von drei kennen die Figur nicht. Wie gut trifft der Komiker Mike Müller die Kosovaren mit seiner Figur Mergim Muzzafer?
Muhadri: Ich finde zwar fast alles von Mike Müller lustig. Diese Figur allerdings ist zu zugespitzt gezeichnet. Es kann schon sein, dass es Leute gibt, die seiner Figur ähneln, aber meine Art ­Humor ist das nicht.

Erstellt: 16.02.2018, 23:21 Uhr

Shkelzen Kastrati


Der 28-Jährige lebt und arbeitet in Dietikon. Als Rapper Xen hat er in der Schweizer Szene jüngst für Aufsehen gesorgt. Zuletzt mit einem Auftritt an den Swiss Music Awards.

Lindita Biqkaj


Die 35-Jährige lebt seit etwas mehr als zwanzig Jahren in der Schweiz. Sie hat in Winterthur Architektur studiert und arbeitet als Consultant für ein Bauunternehmen.

Albert Muhadri


Der 38-Jährige ist Anfang der 90er-Jahre mit seiner Familie in die Schweiz gekommen. Er arbeitet heute als Devisenhändler in einer Zürcher Privatbank.

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Wie wärs mit einer Portion Süden?

Mamablog Was Eltern über Tik Tok wissen müssen

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...