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Eine Politik der kleinen Tanzschritte

Die Stadt Zürich macht in der Kultur weiter wie bisher: Alle bekommen ein paar Franken mehr. Das ist nicht visionär, dafür mehrheitsfähig.

Zürich will eine Filmstadt sein, die Filmstiftung erhält deshalb mehr Geld. Foto: Selim Aksan
Zürich will eine Filmstadt sein, die Filmstiftung erhält deshalb mehr Geld. Foto: Selim Aksan

Die Kulturpolitik der Stadt Zürich sieht sich zwei Vorwürfen ausgesetzt. Kulturschaffende und Feuilletonisten meinen, die Stadt tue zu wenig, insbesondere in der von ihnen vertretenen Sparte. Es fehle der Fokus, der Schwerpunkt, Kulturförderung müsse Vorrang haben. Wären diese Leute früher im Schiffbau tätig gewesen, hätte die Titanic keine Rettungsboote gehabt, dafür mehr Bibliotheken und Kleintheater.

Auf der anderen Seite steht die SVP, welche die städtischen Kulturausgaben für viel zu hoch hält. Weil subventionierte Kunst erstens nicht schön ist und zweitens links. Abgesehen von der Pflege des Brauchtums und der Rekonstruktion der Schlacht am Morgarten soll man die Kultur den Privaten überlassen. Gute Kunst trage sich selbst, wie jedes Konzert von Helene Fischer beweist. Den Grossteil kriegen die Grossen

Die Kulturpolitik der Stadt Zürich steht zwischen diesen beiden Lagern. Sie will massvoll wachsen und es allen recht machen – im besten demokratischen Sinn des Wortes. Was der freisinnige Stadtpräsident Thomas Wagner 1982 begann, haben seine sozialdemokratischen Nachfolger Estermann, Ledergerber und jetzt Corine Mauch unbeirrt weitergeführt: die etablierten Häuser pflegen, die den Grossteil der städtischen Kultursubventionen erhalten, daneben aber auch das alternative, freie und junge Kunstschaffen fördern – wenn auch mit deutlich kleineren bis homöopathischen Beiträgen.

Weder originell noch mutig

Das ist für eine linke Stadtregierung weder besonders originell noch überaus mutig. Deshalb sieht sich jedes Kulturleitbild, welches die Stadt alle vier Jahre vorstellt, dem Vorwurf ausgesetzt, nichts Aufregendes, Visionäres zu bieten. Doch hat das auch mit einem Missverständnis zu tun: So pathetisch «Kulturleitbild» tönt, inhaltlich ist es ein Geschäftsbericht über die erfolgten und die kommenden Tätigkeiten. Es waren die Bürgerlichen im Parlament, die einen periodischen Bericht wollten, weil sie im kulturellen Aktivismus des Präsidialdepartementes den Überblick verloren hatten. Wer die grosse Kunstdebatte erwartet, wird in den 220 Seiten des gestern vorgestellten Leitbildes 2016–2019 nicht glücklich.

Diese Kulturpolitik übersteht alle Spardebatte.

Im Leitbild 2012–2015 setzte der Stadtrat einen Akzent in der Tanzförderung, diesmal profitiert der Film mit einer Erhöhung der Jahresbeiträge an die Zürcher Filmstiftung um 1,5 Millionen Franken. Der Stadtrat will Zürich auch als Filmstadt fördern, um die gegenwärtig 3500 Arbeitsplätze im Filmbereich zu sichern und zu mehren. Weiter wird mit «Zürich tanzt» das jährliche Volkstanzen definitiv eingeführt oder der Förderkredit für Jazz/Rock/Pop und für freie Theaterprojekte erhöht. Es handelt sich wie jedes Jahr um kleine, aber stetige Erhöhungen. Mit diesem Pragmatismus, der niemandem etwas wegnimmt und einigen etwas mehr gibt, übersteht Corine Mauchs Kulturpolitik selbst in den Zeiten der Haushaltdefizite die jährlichen Budgetdebatten im Gemeinderat.

Vieles für jeden Geschmack

Der Erfolg ist offensichtlich: Zürich bietet tagaus, tagein so viele Ausstellungen und Aufführungen für jeden Geschmack, dass man selbst mit grösstem Willen nur einen Bruchteil erleben kann. Kulturschaffende mögen wegen der städtischen Kulturförderung frustriert sein, dass sie kein Atelier auf Lebzeiten erhalten; für die Kulturkonsumenten ist der Frust höchstens, dass sie mehr verpassen als erleben.

Wie üppig die Kultur hier blüht, wie satt man davon werden kann, ist auch den Touristikern aufgegangen. Zürich Tourismus will die Stadt künftig verstärkt als Kulturdestination anpreisen. Dass Zürich mit See, Fluss und Altstadt schön ist und nur einen Katzensprung vom Titlis entfernt, weiss die Welt bereits. Dass man hier aber jederzeit die Wahl hat zwischen drei Dutzend Museen, zwei Dutzend Konzerten und einem Dutzend Theatern – auch das sollen bald alle wissen.

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