Eine Postkutsche, gebaut für die Ewigkeit

Spezialisten renovieren bis 2016 die legendäre Gotthard-Postkutsche des Landesmuseums.

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Im Sammlungszentrum des Schweizerischen Nationalmuseums in Affoltern am Albis steht geschützt hinter Plastikvorhängen ein besonderes Schmuckstück des Landesmuseums: die Gotthard-Postkutsche. Ihr angestammter Platz ist beim Torbogen nahe dem Museumseingang, wo sie ein beliebtes Fotosujet abgibt. «Sie ist ein wichtiger Sympathieträger des Museums», sagt Markus Leuthard, Geschäftsführer des Sammlungszentrums. Weil die Kutsche wegen Bauarbeiten im Wege stand, hat die Museumsleitung die Gelegenheit genutzt, sie zu restaurieren. Die Kutsche ist für das Haus aus mehreren Gründen einzigartig. Sie sei nicht nur eines der grössten Objekte der Sammlung, sondern wohl auch das einzige, das seit der Eröffnung 1898 fast ununterbrochen ausgestellt sei, sagt Leuthard. Die Postkutsche ist auch die einzige erhaltene, die nachweislich über den Gotthardpass fuhr.

Minimale Eingriffe

1975 renovierten Experten die Kutsche, Typ Coupé-Berline, letztmals umfassend. Damals wurde praktisch das gesamte Gefährt zerlegt, defekte Teile wurden ersetzt, die Kutsche neu lackiert und wieder zusammengesetzt. Danach sei sie praktisch wie neu und fahrtüchtig gewesen, sagt Fahrzeugkurator Jürg Burlet. «Heute verfolgt man einen anderen Ansatz und geht minimalinvasiv vor.» Nur was wirklich notwendig ist, wird ersetzt oder ausgebessert. Fahrtüchtigkeit ist nicht mehr das Ziel, obwohl die Kutsche durchaus noch einsatzbereit wäre. Diese Fahrzeuge seien für die Ewigkeit gebaut, sagt Burlet.

Trotzdem hat die Witterung Spuren hinterlassen. Die Postkutsche – ungewöhnlich für ein museales Objekt – ist Wind und Wetter ausgeliefert, auch wenn die Lage unter dem Torbogen etwas Schutz bietet. Deshalb richtet ein Team von Leder-, Holz- und Metallspezialisten die Kutsche wieder so her, dass sie aufgefrischt, aber nicht zu stark herausgeputzt wirkt. Sie kümmern sich um Beschläge, Lederverdeck und Bemalung. Die mit rotem Plüsch überzogenen Polsterungen sind in einem hervorragenden Zustand und müssen gar nicht angefasst werden.

Kurt Michel ist ein Fachmann für Oberflächen. Konzentriert, mit Handschuhen bewehrt und einem Tageslicht-Scheinwerfer im Rücken, steht er vor einer Tür, die zum sechsplätzigen Hauptabteil der Kutsche führt. Er reibt sorgfältig mit einem Tuch über die Farbschicht und entfernt Ablagerungen. Auch Michels Sohn Rolf, Diplomrestaurator, ist begeistert von der Kutsche. Er leitet die Restaurierungsarbeiten. Für ihn sei es faszinierend, zu entdecken, wie und mit welchen Mitteln früher restauriert worden sei. Er fühle sich bei dieser Arbeit wie ein Archäologe und in die Zeit des 19. Jahrhunderts zurückversetzt.

Teure Passfahrten

Die Postkutsche des Landesmuseums trägt die Nummer 880 und wurde vermutlich um 1860 gebaut. Sie fuhr von Flüelen am Vierwaldstättersee nach Camerlata bei Como. 23 Stunden dauerte die Fahrt über den Alpenpass. «Das ist schnell und eine bemerkenswerte Leistung auf dieser kurvenreichen Naturstrasse, die über den Gotthard führte», sagt Fahrzeugkurator Burlet. Für die Passagiere hielt die Kutsche in Andermatt, Airolo und Bellinzona wenige Minuten an. In diesen Dörfern bildete die Durchfahrt der Postkutsche oft das Hauptereignis des Tages. Beamte, Kaufleute oder wohlhabende Touristen leisteten sich diese Fahrt, die vergleichsweise teuer war. Im Coupé, dem Frontabteil der Kutsche, kostete sie 24 Franken. Zum Vergleich: Ein Kondukteur verdiente damals 100 Franken pro Monat, 1 Kilo Brot kostete 30 Rappen.

«Die Gotthard-Postkutsche ist ein wichtiger Sympathieträger des Landesmuseums.»Markus Leuthard, Chef Sammlungszentrum

Die vorgegebene Fahrzeit liess sich nur dank einer ausgeklügelten Logistik realisieren. Die Pferde des Fünfspänners wurden während der Fahrt ein Dutzend Mal ausgewechselt. Den Tieren verlangte die Fahrt Höchstleistungen ab, die voll beladene Kutsche wog rund 3 Tonnen. Ebenso kamen verschiedene Postillione zum Einsatz. Nur der Kondukteur, der sich um die Passagiere kümmerte, Billette kontrollierte, Postsendungen hütete und während der Fahrt den Zustand der Telegrafenleitung überprüfte, harrte 23 Stunden aus. Er musste auch die Zügel übernehmen, falls der Postillion krank oder betrunken war, was immer wieder einmal vorkam. In seine Verantwortung fiel auch das regelmässige Schmieren der Achsen, dafür erhielt der ausführende Knecht das sogenannte Schmiergeld.

Postkutschen-Unfälle ereigneten sich wenige, was erstaunlich ist. Denn die Fahrt auf der Naturstrasse stellte an die Postillione hohe Ansprüche, besonders die Talfahrt brauchte viel Geschick. In den engen Kurven in der Tremola mussten die vorderen Pferde aus dem Zug genommen werden. Vom Kutschbock aus bedienten die Postillione eine mechanische Bremse. Dabei bestand die Gefahr, dass die Holzräder überhitzten und in Brand gerieten. Der Kondukteur schob deshalb sogenannte Radschuhe als zusätzliche Bremsen unter die Räder.

Der Maler Rudolf Koller setzte 1873 mit seinem bekannten Werk der Gotthard-Post ein Denkmal. Das Gemälde ist im Kunsthaus zu sehen. Ironischerweise war die Auftragsarbeit ein Geschenk für den Bahnpionier Albert Escher. Just die Bahn und der Gotthardtunnel besiegelten Ende Mai 1882 das Ende der Gotthard-Post.

Bereit für die Wiedereröffnung

Während der Restaurierungsarbeiten wird die Kutsche bewusst auch im Winter im ungeheizten Zeughaus gelassen. Dies garantiert dem Fahrzeug dieselben klimatischen Bedingungen wie in den vergangenen 117 Jahren. «Würden wir das Fahrzeug in einen Raum mit Heizung stellen, könnte sich das durchaus negativ auf den Zustand des Fahrzeugs auswirken», sagt Leuthard. Pünktlich zur Eröffnung des Erweiterungsbaus des Landesmuseums im Sommer 2016 soll die Postkutsche wieder am angestammten Platz stehen. Leuthard erhält regelmässig besorgte Anfragen von Besuchern, was mit der Postkutsche geschehen sei. Offenbar wird sie vermisst.

Erstellt: 24.07.2015, 04:44 Uhr

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