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Eine staatliche Gymivorbereitung für alle Stadtkinder

Am Zürichberg schaffen es über 40 Prozent der Kinder ins Gymnasium, in Schwamendingen weniger als 10. Das soll sich ändern.

Private Vorbereitungskurse fürs Gymnasium kosten bis zu 3500 Franken. Foto: Sabina Bobst
Private Vorbereitungskurse fürs Gymnasium kosten bis zu 3500 Franken. Foto: Sabina Bobst

Das Timing ist perfekt – oder perfekt fies, je nach Perspektive. Ausgerechnet gestern Abend hat der Zürcher Gemeinderat beschlossen, für mehr Chancengleichheit bei der Gymiprüfung zu sorgen. Wie ein Hohn muss das auf jene Jugendlichen wirken, die nur Stunden zuvor noch Blut geschwitzt haben. Denn gestern war auch der letzte Tag der Aufnahmeprüfungen.

Hunderte Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Stadt haben unruhig geschlafen, sind nervös aufgestanden, und manche haben sich später wohl gefragt, ob der Nachbar so eifrig am Schreiben ist, weil ihm die Eltern eine teure Prüfungsvorbereitung spendiert haben. Private Lernstudios melden stark steigende Teilnehmerzahlen. Obwohl so ein Kurs, der von August bis Februar dauert, je nach Anbieter bis zu 3500 Franken kostet.

Kurse sind teilweise «lausig»

Dieser Preis ist für Eltern mit wenig Geld zu hoch – das betonte im Rat unter anderem der Grüne Balz Bürgisser, der jahrelang das Aufnahmeverfahren am Rämibühl-Gymi und die Mathe-Aufnahmeprüfungen im Kanton verantwortete. Er sprach von «dringendem Handlungsbedarf». Die Prüfungen seien so schwierig geworden, dass es auch für begabte Kinder nicht ohne Vorbereitung gehe. Und es sei erwiesen, dass zusätzliche private Kurse die Aufnahmechancen ans Gymi steigern. Oder, wie Patrik Maillard von der AL sagte, dass heute das Portemonnaie der Eltern statt die Begabung entscheide.

Die Vertreter sämtlicher Parteien waren sich einig, dass es mit der Chancengleichheit nicht zum Besten steht, wenn es am Zürichberg über 40 Prozent der Kinder ins Langgymnasium schaffen, während es in Schwamendingen unter 10 Prozent sind. Und mit Ausnahme der SVP unterstützten auch alle einen Vorstoss der Juso, der ebendies ändern will. Inhalt: Der Stadtrat müsse dafür sorgen, dass sämtliche Schulen der Stadt eine qualitativ hochwertige Prüfungsvorbereitung anbieten.

Zwar ist Zürich diesbezüglich heute schon weiter als manch andere Gemeinde im Kanton: Seit ein paar Jahren gibt es hier in allen 6. Klassen der Primarstufe und in allen 2. Sekundarschulklassen zwei Lektionen Prüfungsvorbereitung pro Woche. Aber erstens beginnen diese laut Bürgisser im Vergleich mit den privaten Kursen relativ spät, und zweitens variiere die Qualität von Schule zu Schule: «Zum Teil werden sie lausig durchgeführt.»

Sogar FDP mag dafür zahlen

Dass eine Verbesserung Geld kosten dürfte, nimmt nicht nur die Linke in Kauf. Sogar Yasmine Bourgeois von der FDP sprach sich für den Einsatz zusätzlicher Ressourcen aus, falls nötig. Dies, obwohl sie zuvor noch Bedenken geäussert hatte, bessere öffentliche Kurse könnten das Bildungswettrüsten weiter verschärfen, weil dann auch wohlhabende Eltern noch mehr investierten.

Isabel Garcia von der GLP hielt fest: «Wenn Kinder ans Gymi wollen und die Fähigkeit dazu haben, sollen sie diesen Weg gehen können, ohne dass die Eltern Geld in die Hand nehmen.» Gute Vorbereitungskurse müssten daher in der Volksschule kostenfrei zugänglich sein. Nur der angehende Seklehrer Stefan Urech von der SVP hielt dagegen: Man könne nicht alle Ungerechtigkeiten mit staatlicher Intervention einebnen. «Denn man kommt so nicht in die Stuben jener Familien, wo dauernd der TV läuft, und kann dort nicht den Stecker ziehen.» Zudem solle der Staat den «übertriebenen Sturm aufs Gymi» nicht noch fördern, sondern das Prestige von Sekundarschule und Berufslehre stärken.

Ähnlich argumentierte der für die Schule zuständige Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP). Er warnte davor, den Maturabschluss zum Königsweg zu überhöhen. Er verwies aufs Beispiel von Genf, wo mehr als die Hälfte aller jungen Leute ins Gymi gehen, aber viele wieder rausfallen. Diese Abbrecher befänden sich danach zwischen Stuhl und Bank, hätten weder Matura noch Berufslehre. Leutenegger zeigte sich zwar «motiviert», den Vorstoss aus dem Parlament umzusetzen, um mehr Gerechtigkeit herzustellen. «Aber nicht zum Preis von 40 Prozent Maturanden im ganzen Land.»

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