Eine Überdosis Hustensirup

Zürcher Apotheken sind vermehrt konfrontiert mit «Robotripping»-Kunden, die Hustensaft als Rauschmittel nutzen. Klare Vorschriften gibt es nicht. Apotheken haben nun selber Massnahmen getroffen.

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Herbert Müller (Name geändert) macht sich Sorgen um seinen 14-jährigen Sohn. Der Zürcher Oberstufenschüler trinkt eine Flasche Hustensirup am Tag. Nicht etwa, um seinen Hustenreiz zu lindern, sondern weil er süchtig ist. Süchtig nach dem Wirkstoff Codein, den der Saft enthält und der den Jugendlichen in einen Rauschzustand versetzt.

«Robotripping» heisst das Phänomen, das aus der US-Rapperszene kommt. «Sogenannte Antitussiva (Hustenmittel) werden häufig missbraucht», stellt die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich fest. Sie seien günstig und ohne Rezept erhältlich und würden vor allem von Jugendlichen auf der Suche nach Rauscherlebnissen konsumiert. Wie viele Jugendliche sich auf diese Art berauschen, sei allerdings schwer zu sagen, sagt Mediensprecher Marcel Reuss. «Wir hören zwar immer wieder mal von Einzelfällen, aber addierte Zahlen liegen uns keine vor.»

Sie sind 13 und 14 Jahre alt

Das Phänomen ist nicht neu. Das Schweizerische Heilmittelinstitut (Swissmedic) beobachtet seit Jahren regional begrenzt «Situationen gehäuften Missbrauchs von Hustenmitteln, die Codein enthalten – sowohl von Jugendlichen als auch von Erwachsenen». Zahlen dazu gibt es keine. Zürcher Apotheken registrieren Robotripping verstärkt seit drei, vier Jahren. Valeria Rauseo, stellvertretende Geschäftsführerin bei der Olympia-Apotheke am Stauffacher: «Die Jugendlichen sind teilweise 13, 14 Jahre alt.» Früher seien sie nur am Freitag und Samstag vorbeigekommen, heute wollten sie ­bereits unter der Woche ihren Sirup. «Tendenz eindeutig steigend.»

Auch in der Stauffacher-Apotheke kennt man die Hustensimulanten. Letztes Jahr haben sich dort die Verkäufe des Therapiesafts innerhalb von sechs Monaten verdoppelt. «Zuerst kamen sie einmal die Woche, dann dreimal und schon bald fünf- bis sechsmal, wir kannten sie bereits», sagt eine Pharma-Assistentin. Sie kamen zum Teil mit gefälschten Rezepten. Manchmal standen ganze Gruppen vor dem Laden. «Einer ging vor, bekam er etwas, spazierte er raus, und nach und nach kam auch der Rest der Gruppe in die Apotheke.» Am Nachmittag, nach dem Schulunterricht.

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, kennt das Problem. «Ich hatte letztes Jahr einen Schüler, der offenbar über die Massen Hustensirup konsumierte. Wenn man will, kommt man an alles heran», sagt die Sekundarlehrerin. Ein Verbot solcher Substanzen fände sie «hilfreich».

Dass Codein gerade für Kinder und Jugendliche gefährlich ist, hat sich in den letzten Jahren gezeigt, als es in Europa mehrere tödliche oder lebens­bedrohliche Fälle von Atemdepressionen bei Kindern gab. Die EU hat reagiert und im Juni 2015 die Behandlung von Kindern unter zwölf Jahren mit codeinhaltigen Arzneimitteln verboten. Das Schweizerische Heilmittelinstitut (Swissmedic) in Bern zog einen Monat später nach. «Wir haben nicht nur empfohlen, codeinhaltige Hustensäfte nicht mehr an Kinder unter zwölf Jahren abzugeben, sondern die Firmen, die Husten- und Erkältungsmittel mit Codein in unserem Land zugelassen haben, aufgefordert, namentlich Einschränkungen in die Arzneimittelinformationen aufzunehmen», sagt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi. «So, wie sie in der EU gelten.»

Hohes Suchtpotenzial

Nicht nur für Kinder ist der Saft gefährlich. Laut Jaggi besitzt Codein unabhängig vom Alter ein Suchtpotenzial und kann bei Missbrauch Abstinenzerscheinungen erzeugen. Da die Hirnentwicklung erst mit circa 25 Jahren abgeschlossen ist, kann das Hirn laut Fachleuten durch Codeinmissbrauch nachhaltig und negativ geschädigt werden. Mit dem Wirkstoff Codein ist nicht zu spassen. Die Zürcher Suchtpräventionsstelle beschreibt unter «Hustenpräparate» Wirkung, Risiken und Nebenwirkungen. Auf der Plattform Saferparty.ch liest man von Erektionsstörungen, Libidoverlust und Ausbleiben der Menstruation. Bei längerer Einnahme könne ein Entzug gleich schmerzhaft und lang sein wie bei Heroin. Und bereits das einmalige Trinken birgt Gefahren, kann im Extremfall sogar zum Tod führen, wenn Codein und DXM in Kombination mit Alkohol eingenommen werden. Statistiken in den USA zeigten bereits vor einigen Jahren, dass 2,4 Millionen vorwiegend 13- bis 19-jährige Jugendliche Hustenstiller einnehmen, um high zu werden.

Obwohl die Gefährlichkeit von Codein und DXM-haltigem Hustensirup bekannt ist, bekommt man bei uns diese Präparate vielerorts ohne Rezept. Während zum Beispiel in Deutschland solche Hustensäfte unter zwingender Rezeptpflicht stehen, sind sie in der Schweiz offiziell rezeptfrei. Die Apotheker können aber Rezepte verlangen. Zürcher Apothekern geht das zu wenig weit. Sie wollen keine halben Sachen mehr, sondern eine klare Regelung. «Die Stellungnahme der Heilmittelkontrolle ist wichtig», sagt Michael Langer von der Stauffacher-Apotheke, «es braucht eine Weisung, an die sich alle Apotheken in der Schweiz halten können.» Er schlägt die Umteilung von der Liste C (rezeptfrei) in die Liste B (rezeptpflichtig) vor. «Missbrauch ist ein wichtiges Thema, und damals beim Schlafmittel Rohypnol war die Umteilung auch möglich.»

Valeria Rauseo von der Olympia-Apotheke dagegen sähe die Lösung gegen Missbrauch lieber in einer Datenbank, auf die alle Zürcher Apotheken Zugriff hätten. «Eine Rezeptpflicht erhöht nur die Gesundheitskosten.» Trotzdem wollte die Apothekerin nicht länger zuwarten. Seit einiger Zeit verlangt die Olympia-Apotheke für unter 18-Jährige ein Rezept. Und bei Verdacht auf Missbrauch – wenn zum Beispiel einer alle zwei Tage Sirup kauft – will man auch von Erwachsenen ein Rezept sehen. Die Massnahme wirkt. Auch wenn schon einige ertappt wurden mit einem gefälschten Rezept.

Andere Apotheken haben ebenfalls gehandelt. Seit Anfang Jahr verkauft die Stauffacher-Apotheke den codeinhaltigen Hustensaft auch für Erwachsene nur noch auf ärztliche Signatur. Seither ist Ruhe. «Innerhalb von drei, vier Tagen hatte es sich herumgesprochen, und niemand kam mehr», sagt die Pharma-Assistentin. Auch die Bahnhof-Apotheke, wo das Problem vor zwei Jahren «massiv» war, hat gehandelt. Der Personalausweis muss auf den Tisch, wer unter 18 ist, braucht ein Rezept. «Auch bei volljährigen Kunden verlangen wir bei Missbrauchsverdacht die Personalien und tragen deren Namen ein, so sehen wir, ob jemand den Sirup öfter als im Rahmen von Erkältungen braucht», sagt Apothekerin Megy Keller, Mitglied der Geschäftsleitung. Infolge dieser Massnahme ist der Verkauf der Säfte um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Im Moment seien sie daran, in Zusammenarbeit mit Arud (Zentren für Suchtmedizin) einen Info-Flyer zu entwerfen, den sie den Kunden bei Missbrauchsverdacht mitgeben können.

Apotheken in der Pflicht

Beim Zürcher Apothekerverband hält man die freiwilligen Lösungen für sinnvoller als eine zwingende Rezeptpflicht. Diese erforderte nur wieder einen Gang zum Arzt, meint Lorenz Schmid, Präsident des Verbandes und CVP-Kantonsrat. Auch eine Ausweispflicht für Jugendliche findet Schmid nicht zielführend: «Als Apotheker möchte ich das Suchtverhalten an und für sich verhindern, ungeachtet dessen, ob jemand unter 18-jährig oder älter ist.» Es sei deshalb am Apotheker, im Gespräch abzuklären, welche Indikation vorliege und welche Behandlung sinnvoll sei, um den Missbrauch zu verhindern.

Auch die kantonale Heilmittelkontrolle sieht in erster Linie die Apotheker selber in der Pflicht: «Grundsätzlich müssen Apotheker die Abgabe von Arzneimitteln an Personen verweigern, von denen sie wissen oder annehmen müssen, dass diese sie missbräuchlich verwenden», sagt Mediensprecher Daniel Winter. Und das klappt offenbar ganz gut. Nach Einschätzung der Behörde nehmen die Apotheken im Kanton Zürich ihre Sorgfaltspflicht «in den überwiegenden Fällen wahr».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2016, 22:01 Uhr

Risiken und Nebenwirkungen

Viele Hustenmittel enthalten psychoaktive Wirkstoffe, die in hoher Dosierung als Rauschmittel missbraucht werden können. Dazu gehören zum Beispiel Codein und Dextro­methorphan (DXM). Die psychoaktiven Stoffe wirken euphorisierend, halluzinogen und gleichzeitig dämpfend. Die Präparate können neben dem Rausch zu Verwirrtheit, Schläfrigkeit, Pulsbeschleunigung und Erbrechen bis hin zu Krämpfen, Herzrhythmusstörungen, verlangsamter Atmung und Koma führen. Eine grosse Gefahr stellt der Mischkonsum mit anderen Medikamenten oder mit Alkohol dar. Sowohl DXM und Codein als auch Alkohol wirken dämpfend und können laut Sucht­prävention Stadt Zürich in Kombination im Extremfall zum Tod führen. (roc)

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