Plötzlich entdeckte seine Frau das Foto von der Quaibrücke

Ein Hochrad, die Titelseite des «Tages-Anzeigers» und ein überraschter Mann. Die Geschichte hinter dem 50-jährigen Bild.

«Vor allem Frauen und Kinder winkten mir zu»: Hans Keller bei seiner Fahrt durch Zürich, 1965. Foto: Pfändler, ATP, RDB

«Vor allem Frauen und Kinder winkten mir zu»: Hans Keller bei seiner Fahrt durch Zürich, 1965. Foto: Pfändler, ATP, RDB

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Anita Keller erkannte ihren Mann auf der Frontseite des «Tages-Anzeigers» sofort. Obwohl das Foto aus dem Jahr 1965 stammt und ihr Mann, Hans Keller, auf einem altertümlichen Hochrad sitzt. Unter dem Titel «Freiheit auf zwei Rädern» veröffentlichte der Tagi am 29. April dieses Jahres eine Reihe von Artikeln zum 200-Jahr-Jubiläum des Velos. Das Bild zeigt einen Mann, der aufrecht und unbeachtet von einem Passanten über die Zürcher Quaibrücke fährt.

Die Bildredaktion hat es im Fundus der heute nicht mehr existierenden Fotoagentur ATP gefunden, Datum: 27. November 1965. Im Hintergrund kann man, im Dunst zwar, noch die Masten der Saffa-Seilbahn erkennen. Sie wurde aus Anlass der Gartenausstellung 1959 erstellt und war bis 1966 in Betrieb. Bei Hans Keller rief das Foto eine andere, längst vergessene Geschichte in Erinnerung: Wie es dazu kam, dass er als 21-Jähriger auf einem Hochrad durch Zürich fuhr. Und auch die Geschichte eines Jahres, in dem sich für ihn vieles veränderte – zum Guten.

Eine seltene Gelegenheit

Das Thema Mobilität zieht sich wie ein roter Faden durch Hans Kellers Leben. Dass er es aber auf einem Hochrad sitzend auf die Frontseite des Tagi schaffte, ist reiner Zufall. Es war ein eisig kalter Novembertag im Jahr 1965. Hans Keller verbrachte einige Ferientage bei seinen Eltern, die am Goldbrunnenplatz seit 1939 das für seine Cremeschnitten berühmte Café Uetli betrieben. Er selbst arbeitete damals nach der Rekrutenschule als Koch in Genf, um sein Französisch aufzupolieren.

An diesem Morgen brachte er sein defektes Fahrrad zum Velomechaniker Germann an der Ecke Kalkbreitestrasse/Aemtlerstrasse und sah dort, in einem Winkel stehend, ein Hochrad. Historische Velos kannte er vom Sechseläuten, wo er mit seinem Zwillingsbruder und der Schwester in Biedermeierkostümen am Kinderumzug mitlief. «Die Mitglieder der Schneiderzunft kurvten auf hölzernen Laufvelos herum, wie sie dies heute noch tun», sagt Keller, und einmal habe er auch ein Hochrad gesehen.

So entdeckte seine Frau das Bild: Die Titelseite vom 29. April.

Velomech Germann sagte, es sei keine grosse Sache, sein Velo zu flicken, er könne einfach kurz warten. Mehr spasseshalber fragt Keller ihn, ob er in der Zwischenzeit eine Runde mit dem Hochrad drehen dürfe. Germann nickte, er habe soeben das Tretlager erneuert. Weshalb das Hochrad in dieser Werkstatt stand, in welcher der Inhaber auch an Töfflis und alten Autos herumbastelte, weiss Keller nicht. Es kümmerte ihn damals nicht.

Seine Frau entdeckte das Bild im «Tages-Anzeiger»

So kam es, dass der 21-jährige Hans Keller an einem eisig kalten Novembertag zuerst die Kalkbreitestrasse hinauf zum Goldbrunnenplatz fuhr, eine Runde drehte und hoffte, dass ihn seine Mutter nicht sieht, dann runter und über die Quaibrücke zum Utoquai radelte, um bei der Firma Amag das Autowunder «Ghia» von Ford Amerika zu bestaunen, das dort in einem Schaufenster ausgestellt war. Dass er dabei fotografiert wurde, wusste er nicht bis zu dem Tag, an dem seine Frau das Bild im «Tages-Anzeiger» entdeckte.

Er habe schon bemerkt, dass er auf dem unüblichen Gefährt Aufsehen erregte, erzählt er. «Vor allem Frauen und Kinder winkten mir zu.» Und die Autos machten einen grossen Bogen um ihn. Aber er war voll und ganz damit beschäftigt, mit dem «gstabigen» Rad nicht umzukippen. Keller war zwar ein versierter Radfahrer, war mehrmals mit Kollegen per Velo über den Gotthard ins Tessin gefahren und beherrschte auch bereits das Fahren auf einem Rad. «Doch das Hochrad war eine echte Herausforderung», erinnert er sich. Zum einen schleiften die Bremsen auf den Vollgummipneus, weshalb er nur mit den Pedalen die Geschwindigkeit drosseln konnte. Geradezu abenteuerlich wurde es aber, wenn er anhalten sollte. «Ich musste immer eine Stange suchen, um mich festzuhalten, oder ein Mäuerchen zum Abstützen.»

Am Abend schlug seine Mutter die Hände über dem Kopf zusammen und schalt über seinen Leichtsinn, als er ihr von seiner ungewöhnlichen Spritztour in die Vergangenheit der Velogeschichte erzählte. Und selber war er ganz froh, als er das Hochrad gegen sein Fahrrad mit Gangschaltung und funktionstüchtigen Bremsen eintauschen konnte und noch alle Knochen heil waren. Kein Wunder, dass die Hochräder nicht lange in Gebrauch waren. 1885 waren sie in Mode gekommen, doch schon drei Jahre später wurden sie von den sogenannten Sicherheitsniederrädern mit Kette und Hinterradantrieb abgelöst.

Notlandung in London

Für Hans Keller war die Hochradfahrt nur eine Episode in einem schicksalsträchtigen Jahr. Wenig später wollte er in einer Clipper 707 der amerikanischen Fluggesellschaft Pan Am von Paris nach New York fliegen, wo ihn eine neue Stelle erwartete. Es war sein erster Flug, und die Clipper 707 war das modernste Düsenpassagierflugzeug, das die damalige Welt je gesehen hatte. «Eine Sensation», erzählt der 73-Jährige heute noch mit glänzenden Augen. Dass die Maschine wegen eines defekten Bugfahrwerks in London notlanden musste und auf einem Schaumteppich über die Piste schlitterte, war weniger erspriesslich.

Anruf des «Cocktailkönigs»

Von New York wurde Keller schon bald in ein grosses Hotel auf die Bermudas versetzt, wo er am ersten freien Abend, bei einer Bloody Mary, seine künftige Frau kennenlernte. Dort erreichte ihn dann der Anruf des «Cocktailkönigs» Harry Schraemli, dessen «Lehrbuch der Bar» noch heute ein Standardwerk ist. Ob er nicht in Kenias Hauptstadt Nairobi im Rahmen eines Entwicklungsprojekts eine Hotelfachschule aufbauen wolle. Er sagte zu – denn Hans Keller wollte nicht nur auf dem Rad hoch hinaus.

Es folgten Anstellungen bei Mövenpick und Hotelplan, in deren Diensten er auf der ganzen Welt herumkam. Später wurde er Geschäftsführer von Gastro Zürich, dem kantonalen Wirteverband, der damals im Umbruch und verschuldet war. Diese Aufgabe erfüllte er bis zu seiner Pensionierung. Und eben ist er aus Phnom Penh zurückgekehrt, wo er im Mandat von Swisscontact, einer privaten Stiftung für internationale Entwicklungszusammenarbeit, einer Hotelkette hilft, sich zu positionieren.

Kein Wunder, hat Hans Keller in all der Zeit kaum mehr an seine Fahrt mit dem Hochrad über die Quaibrücke gedacht. Bis ein Foto davon auf der Titelseite des «Tages-Anzeigers» erschien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2017, 21:35 Uhr

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