«Eine velofreundliche Stadt ist auch autofreundlich»

Zürich wäre eine ideale Velostadt, sagt die holländische Expertin Saskia Kluit. Doch nur mit autofreien Velorouten, wie sie die Linken fordern.

Ein Velostreifen allein genügt aus der Sicht der Radexpertin nicht, da sich Radfahrer so zu wenig sicher fühlen. Es brauche autofreie Radwege, damit mehr Personen aufs Velo umsteigen.

Ein Velostreifen allein genügt aus der Sicht der Radexpertin nicht, da sich Radfahrer so zu wenig sicher fühlen. Es brauche autofreie Radwege, damit mehr Personen aufs Velo umsteigen. Bild: Thomas Egli

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Wie bekannt ist die Velostadt Zürich?
Müsste ich weltweit die zehn Städte mit den besten Velonetzen aufzählen, gehörte Zürich nicht dazu. Aber Zürich zeigt mit seinem Masterplan zumindest Ambitionen, daran etwas zu ändern. Die Stadt ist geradezu prädestiniert für mehr Veloverkehr.

Zürich ist hügelig, was den Veloverkehr einschränkt. Wo sehen Sie Zürichs Potenzial?
Die Schweiz ist bekanntlich eine Wandernation. Die Schweizer – und damit auch die Zürcher – bewegen sich gerne. Auch bergauf. Zudem haben die Schweizer eine Affinität für E-Bikes – ebenso wie wir Holländer.

Die SP der Stadt Zürich will in der Stadt 50 Kilometer autofreie Velowege bauen. Ist das ein Schritt in Richtung Velostadt mit Ausstrahlung?
Definitiv. Ein Netz aus Routen, auf denen Velos und Autos getrennt geführt werden, ist das zentrale Mittel der Veloförderung. Die Velofahrer zu mehr Sensibilität für Risiken und Gefahren erziehen zu wollen, nützt dagegen wenig.

Warum?
Auf abgetrennten Routen ist die Sicherheit für die Velofahrer grösser als auf normalen Radstreifen. Es zählt nicht die messbare Sicherheit, sondern ob sich die Velofahrer sicher fühlen. Ist dem so, fahren mehr Leute Velo – dann nutzen Kinder das Velo für den Schulweg und Senioren für kurze Ausflüge. Zudem verhält sich jeder Autofahrer, der auch auf dem Velo unterwegs ist, rücksichtsvoller gegenüber Velofahrern.

Gefahren auf dem Fahrrad erkennen. Video: Dienstabteilung Verkehr Zürich

Die Stadtregierung verweist bei Forderung nach getrennten Routen jeweils auf den beschränkten Platz.
Das heisst es überall. Schaut man genau hin, stimmt das jedoch nicht. Die Autos brauchen zu viel Platz. Viele Strassen werden nicht effizient genug genutzt. Nehmen wir eine Strasse mit Parkplatzreihen auf beiden Seiten. In den Autos, die auf dieser Strasse in die Stadt fahren, sitzt meistens nur eine Person. Hebt man die Parkplatzreihen auf und ersetzt sie durch abgetrennte Velowege, könnte sich darauf ein Vielfaches an Radfahrern in der Stadt bewegen. Der Platz für abgetrennte Velo-und Fussgängerwege kann immer geschaffen werden, wenn man will.

Die bürgerlichen Parteien sind da ganz anderer Ansicht.
Zu Unrecht. Einige Autolenker würden aufs Velo umsteigen, wären die Bedingungen besser. Dadurch nähme der Autoverkehr ab und das Autofahren würde angenehmer. Neueste Studien zeigen, dass die velofreundlichsten Städte auch die autofreundlichsten sind. Die bürgerlichen Parteien sollten sich zudem bewusst sein: Die Förderung des Veloverkehrs hat langfristig einen Spareffekt.

Wo genau sehen Sie diesen?
Die Gesundheitskosten sinken. Velofahrer sind gesünder, physisch und psychisch. Auf dem Velo sind sie ständig im Kontakt mit der Umwelt und anderen Menschen. Zudem wird der öffentliche Raum durch Velofahrer belebt, die Kriminalität sinkt, was ebenfalls die Kosten senkt. Überdies könnte beim öffentlichen Verkehr gespart werden, weil dieser weniger frequentiert würde. Zusätzlich stärkt Velofahren das Vertrauen der Stadtbewohner untereinander, weil diese beim Fahren in Schwärmen ständig gegenseitig Rücksicht nehmen müssen. Kurz: Sicheres Velofahren macht eine Stadt glücklich und lebenswert – das gilt auch für Zürich.
Die Unterschriftensammlung für die Initiative «Sichere Velorouten für Zürich» startet am Samstag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2017, 15:02 Uhr

Saskia Kluit

Die holländische Radexpertin

Saskia Kluit, 44, ist Geschäftsführerin des holländischen Veloverbundes Fietsersbond und Vorsitzende der Dutch Cycling Embassy. Als Expertin für nachhaltige urbane Mobilität berät sie weltweit Städte, wie sie ihre Einwohner fürs Radfahren motivieren können und welche Massnahmen Regierungen dafür umsetzen müssen. Sie hat auch die SP der Stadt Zürich bei der Lancierung der Initiative beraten. Kluit wohnt mit ihrer Familie in Utrecht.

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