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Eine Viertelmillion herzliche Grüsse

In der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich liegen Zehntausende Porträts und Fotografien, aber auch Ansichtskarten, auf denen die Welt fast immer in Ordnung ist.

Helene Arnet, Reto Oeschger, Lea Blum
Jochen Hesse, Leiter der Graphischen Sammlung und des Fotoarchivs, zeigt Postkarten aus Zürich von 1902 und mehr im Video. (Video: Reto Oeschger und Lea Blum)

Man kann sich kaum sattsehen: Eine Million Objekte liegen in der Graphischen Sammlung und im Fotoarchiv der Zentralbibliothek Zürich, und wer einmal darin zu stöbern beginnt, läuft Gefahr, sich zu verlieren. Denn hier lässt sich noch ganz handfest durch die Jahrzehnte ­zappen: vom Flugblatt, das schauerlich boulevardesk von einer Hexenverbrennung im 16. Jahrhundert erzählt, über die Totenmaske von Conrad Ferdinand Meyer zu unzähligen Porträts der Zürcher Patrizier bis zum Pressefoto des ­feiernden FCZ-Captains Köbi Kuhn anlässlich des Cup-Final-Siegs gegen Basel im Jahr 1973.

Die Graphische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich wurde 1854 gegründet und ist damit die älteste der sechs Spezialsammlungen der ZB. Sie hat die Aufgabe, den Zeitraum seit dem 15. Jahrhundert möglichst umfassend bildlich zu dokumentieren – nicht nur, aber vorab im Raum Zürich.

Jochen Hesse streift sich weisse Handschuhe über und zieht wahllos einige Ansichtskarten aus einer Schachtel mit dem Stichwort «Feldpost». Sie zeigen stets propere Schweizer Soldaten, meist fröhlich in Kameradschaft, manchmal diszipliniert bei Gefechtsübungen, selbst beim Robben im Feld sitzt die Uniform tadellos. Hesse ist der Leiter der Graphischen Abteilung der ZB, die seit einiger Zeit noch den Zusatz Fotoarchiv im Namen trägt, weil vor einigen Jahren das Pressebildarchiv des «Tages-Anzeigers», der «Handelszeitung» und von «Finanz und Wirtschaft» integriert wurden.

Selbst Kitsch ist hier Kultur

Seither machen Pressefotografien rund die Hälfte der Objekte der Sammlung aus, doch Hesses Augenmerk gilt im Moment vor allem den Ansichtskarten. «Das ist ein nicht nur für mich relativ neues Forschungsgebiet», sagt der Kunsthistoriker, der ursprünglich auf Eisenplastiken spezialisiert war. Ansichts- und Postkarten wurden erst in den 1970er-Jahren als Quellenmaterial entdeckt. «Sie geben ein unglaublich breites und eingängiges Bild davon, was den Menschen im Laufe der Zeit jeweils bemerkenswert schien.» Dabei stehe nicht der künstlerische Aspekt im Vordergrund, fährt Hesse fort. «Bei uns gibt es sogar das Schlagwort ‹Kitsch›.»

In der Regel aber werden die Karten, wo möglich, geografisch eingeordnet. Oder dann nach Motiven sortiert: Neujahrskarten, Weihnachtskarten . . . Für uns ungewohnt ist, dass bis etwa 1905 die eine Seite der Karte nur Platz für die Adresse liess und bis ungefähr 1908 drei Stempel aufwies: zwei vom Abgangsort, einen vom Bestimmungsort. Dafür wurde auf der Bildseite ein kleines Feld für individuelle Grüsse ausgespart – welch wunderbare Zeit für Schreibfaule!

Viele Ansichtskarten stammen aus der Wende zum vorigen Jahrhundert, denn damals gerieten Ansichtskarten so richtig in Mode. 1902 wurden allein in der Schweiz 22 Millionen Karten per Post verschickt. Beim Blättern fallen gewisse Stereotype auf. Die Fabrikschlote werden immer gut in Szene gesetzt und rauchen ordentlich, was zeigt: Das Geschäft läuft! Die Kirche ist immer im Dorf, das Wetter immer schön – und in der Stadt Zürich herrscht immer Föhn, so nah sind die Berge, die immer weiss gezuckert sind.

240 000 Ansichtskarten werden in der Graphischen Sammlung in grauen, säurefreien Schachteln aufbewahrt, 1800 ausgewählte konnten bisher dank dem vom Lotteriefonds unterstützten Projekt DigiTUR digitalisiert werden. Sie werden von Ortshistorikern angefordert, die wissen wollen, wie eine Gemeinde früher aussah, von Architekten, von Lithografen, die alte Drucktechniken studieren, aber auch von Glaziologen, um etwa festzustellen, wie weit der Gletscher bei Grindelwald vor hundert Jahren reichte.

Kehrseite der frühen Neuzeit

Die Postkarten sind vielleicht das sinnenfreudigste Gut der Graphischen Sammlung, aber nicht das bemerkenswerteste: Weit über die Landesgrenze hinaus von Bedeutung ist etwa der weltgrösste Bestand an Fotochrom, einem Flachdruckverfahren, mit dem hochwertige Farbreproduktionen hergestellt werden können. Dazu kommen bedeutende Künstlernachlässe, darunter derjenige von Gottfried Keller oder das druckgrafische Gesamtwerk von Salomon Gessner; auch Kartonmodelle für Stahlplastiken von Gottfried Honegger bewahrt sie auf oder 220 Entwürfe für die Globi-Bücher von Robert Lips.

International bedeutend ist die «Wickiana» des Zürcher Geistlichen Johann Jakob Wick. Dabei handelt es sich um 440 meist kolorierte Holzschnitte aus der Zeit zwischen 1560 und 1588, welche damals als Flugblätter unter das Volk gebracht wurden und in Text und Bild über aussergewöhnliche Ereignisse berichteten: seltsame Himmelserscheinungen, einen explodierenden Pulverturm oder eben eine Hexenverbrennung. Eine Art «Kehrseite» der frühen Neuzeit.

Meist wurden und werden die Neuzugänge der Sammlung geschenkt. Selten kauft die ZB Objekte an, weil sie einen vorhandenen Bestand vervollständigen oder einen ganz speziellen Bezug zu ­Zürich haben.

Ein farbenfroher Gehängter

Vorsichtig schlägt Hesse ein Jugendstilalbum mit der Aufschrift «Saharareise» auf. Es handelt sich um einer Kartensammlung als Reiseerinnerung aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Neben Karten von Kamelkarawanen und Sonnenuntergängen über Sanddünen finden wir mit der Beschriftung «Scènes et Types» versehen auch eine farbenfrohe Ansichtskarte von einem Galgen – samt Gehängtem. Schwungvoll öffnet Hesse dann ein Leporello mit einem Dutzend Ansichtskarten der Seegfröörni aus dem Jahr 1929, dann betrachten wir eine ­Neujahrskarte, deren Buchstaben mit feinster Nadel gestickt sind.

Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste: Und Jochen Hesse hat noch lange nicht genug. Am liebsten würde er selber auf Flohmärkten nach Ansichtskarten stöbern, doch fehlen dazu Zeit und Geld. Nun veranstaltet er im Rahmen des 100-Jahr-Jubiläums der Zentralbibliothek einen Postkartenwettbewerb. Er ruft die Bevölkerung auf, der Sammlung Postkarten zu schenken, die mindestens hundert Jahre alt sind und ein Motiv aus dem Kanton Zürich zeigen. Ausgewählte Postkarten werden danach ausgestellt und reproduziert.

Dass diese Form von Nachrichten-Übermittlung wohl bald Geschichte ist, zeigte ihm kürzlich der Besuch einer Schulklasse: Die Fünfzehnjährigen blätterten staunend und etwas irritiert in dem Fundus: So hat man früher Feriengrüsse verschickt? Kaum mehr vorstellbar in Zeiten von Facebook, Twitter und Instagram.

Postkarten-Aktion: Einsenden bis zum 2. März an ZB, J. Hesse, Zähringerplatz 6, 8001 Zürich, Voraussetzung: mindestens 100 Jahre alt, Motiv aus dem Kanton Zürich. www.zb100.ch/wettbewerbe

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