Eine vo ois

Köbi Kuhn aus Zürich-Wiedikon, der auf der Fritschiwiese tschutten lernte und heute 75 Jahre alt wird, ist immer ein einfacher Mann des Volks geblieben. Eine persönliche Gratulation.

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Ein Samstagmorgen im Jahr 2007, ich stehe in einem ruhigen städtischen Innenhof und schüttle lachend den Kopf. Der Grund: Eben hab ich mit Köbi Kuhn ein Telefoninterview führen können. Einfach so, ohne Voranmeldung. Im Internet die Nummer rausgesucht, angerufen, seine Frau Alice sagt «Kuhn», ich erkläre, was ich möchte, sie meint, sie müsse schauen, ob er schon wach sei, kurz danach ist er dran. Ich stelle komische Fragen, er gibt gewitzte Antworten, die Plauderei ist munter und dauert zehn Minuten – gerade so, als wärs die normalste Sache der Welt, am Samstagmorgen mal rasch mit dem Schweizer Nati-Trainer zu telefonieren.

Gut möglich, dass es genau das war. Als ich nämlich rund 35 Jahre vor diesem Samstagmorgen als Dreikäsehoch mit meinem Vater im Letzigrund sitze – es ist mein erster oder zweiter FCZ-Match –, da sagt er nicht: «Schau dort, der mit der Nummer 6, das ist der beste und wichtigste Spieler der Mannschaft.» Nein, er sagt (und solch väterliches Pathos vergisst man nie mehr): «Lueg det, de Sechser, de Köbi Kuhn, das isch eine vo ois.» Klar ist er das, er spielt ja in Blau-Weiss. Aber darum geht es nicht. Worum es wirklich geht, realisiere ich erst Jahre später.

Es gibt einige Fettnäpfchen

Beispielsweise als die FCZ-Legende nach ihrem Rücktritt vom Fussball im Jahr 1977 eine Versicherungsagentur eröffnet, also einen hundskommunen, geradezu bünzligen Job verrichtet. Oder als Kuhn 1982 auf der Liste der SVP für den Zürcher Gemeinderat kandidiert, was uns Jugendbewegte in eine tiefe Sinnkrise stürzt: Unser einstiges Fussballidol mutiert zum Vertreter unseres neben GC ärgsten Feindbilds (wenigstens wird er nicht gewählt). Und dann vor allem bei jenen Ereignissen, von denen ich altersbedingt erst vernehme, als sie längst «verjährt» sind.

Das eine ist die «Nacht von Sheffield» an der WM in England 1966, als sich der Jungstar aus Zürich-Wiedikon «über den Zapfenstreich hinwegsetzt», wie man damals zu sagen pflegt – und darum für das Spiel gegen Deutschland suspendiert wird. Das Zweite: dass er 1969 bei GC unterschreibt – ein grösserer Tabubruch wäre in jener Zeit wohl nur der Transfer eines katholischen Celtic-Spielers zu den protestantischen Glasgow Rangers gewesen (wenigstens hat er letztlich doch nicht gewechselt).

Genau darum ging es meinem Vater, genau darum geht es bis heute: Köbi Kuhn war und ist stets «eine vo ois» geblieben. Einer, der mal Lämpe hat, fragwürdige Entscheidungen trifft, Fehler macht, scheitert (seine Versicherungsagentur geht 1990 in Konkurs) – wie wir alle. Einer, der trotz sportlichen Meriten authentisch und am Boden bleibt. Der bei seinen Trainerjobs nicht als dozierender Fussballlehrer, sondern als väterlicher Kumpel punktet (weshalb, das als Randbemerkung, in seiner Nationaltrainer-Ära von 2001 bis 2008 sogar ich als Tifoso der Squadra azzurra ein bisschen für die Schweiz fieberte). Einer auch, der es immer irgendwie schafft, im «Blick» seine Würde zu wahren… und der womöglich auch wegen dieser seiner Normalität 2006 «zum Schweizer des Jahres» gewählt wird.

Die Rosenburg-Tradition

Würde es die Rosenburg zur Meyerei an der Zentralstrasse (und unweit der Fritschiwiese, wo Kuhn das Tschutten lernte) noch geben, die der ehemalige FCZ-Stürmer Ernst Meyer mit Frau und Sohn 1995 eröffnet hatte, wäre ich gestern dahin gegangen und hätte es Kuhn persönlich gesagt – mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte er nämlich mit alten Weggefährten da ein währschaftes Zmittag gegessen, wie er das in all den Jahren davor (fast) jeden Donnerstag tat. Leider aber hat die Quartierbeiz Ende 2017 geschlossen, darum nun halt auf diesem Weg: danke, Köbi, alles Gute zum Geburtstag! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2018, 21:29 Uhr

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