Eine Wohngemeinschaft gegen die Vereinsamung

Seit 40 Jahren leben France und Ueli Wildberger in der gleichen Zürcher WG. 130 Mitbewohner hatten sie schon. Jetzt wurde ihnen gekündigt.

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Ein durchgetretener Holzboden, wohlgeordnete Gewürzkisten, gelbe Anti-Atomstrom-Kleber an Holzverstrebungen. Der Geruch von tausend Linsengerichten in der Luft. Wer diese Wohnung betritt, betritt eine andere Welt. Eine von gestern.

An der Eckbank aus dunklem Holz, im einzigen Gemeinschaftsraum in der Wohnung, sitzen Ueli und France Wildberger zusammen mit drei ihrer insgesamt fünf jüngeren Mit­bewohnerinnen und Mitbewohner. Stimmung und Haushalt wirken aufgeräumt. «Kommen Sie herein, es hat gerade frischen Kaffee», sagt ein junger Mann am Tisch. Er ist einer von 130 Leuten, die mit den Wildbergers ­bereits unter diesem Dach gehaust haben.

8 Zimmer, 1800 Franken

Seit 1980 leben France und Ueli Wildberger, 74 und 75 Jahre alt, im obersten Stock im Haus an der Ecke Zypressen-/Agnesstrasse im Kreis 4. «Es ist etwas dunkel, aber ansonsten sehr gemütlich», sagt France zu Beginn.

Man merkt dieser Runde ihr Wohlsein an. «Gemeinsam zu wohnen, ist die richtige Form für uns», sagt Ueli. Alle nicken. Und eine günstige dazu: Knapp 1800 Franken bezahlen sie für die 8-Zimmer-Altbauwohnung ohne Lift und Türöffner. «Das war immer ideal für junge Leute und Studenten», sagt France.

Im Herbst 2020 müssen Wildbergers und ihre Mitbewohner ausziehen.

War? Die Zeit in dieser anderen Welt geht dem Ende zu. Im Herbst 2020 müssen Wildbergers und ihre Mitbewohner aus der Wohnung ausziehen, der Vermieter meldete Eigenanspruch an. Diese Welt von gestern, dieser wie ein Räderwerk funktionierende Haushalt, dieser über Jahrzehnte organisch gewachsene Inneneinrichtungs-Urwald, er ist bedroht.

Das Bedauern in der Runde ist deutlich spürbar. «Wir suchen etwas für uns alle», sagt Ueli. «Leicht ist das bisher nicht.» Dem Aussenstehenden stellt sich eine andere Frage: Wie konnte diese Wohngemeinschaft so lange überleben? Die Runde am Tisch hat darauf zwei Antworten.

Die offensichtliche: der freundliche Geist, der hier in dieser Wohnung vorherrscht. Drei Merkmale charakterisieren ihn. Erstens: Sie seien nicht Patronin oder Patron, sagen Ueli und France. «Alle haben das gleiche Mitspracherecht, Elternrollen hatten wir nie.» Zweitens: Gibt es Meinungsunterschiede, etwa was die Hygiene oder die Ordnung betrifft, spricht man das an. Als Drittes spricht Ueli Wildberger von einer «eisernen Regel»: Wer Geschirr benützt, wäscht immer grad ab.

Im Geist der 68er

Eine tiefer liegende Antwort auf die Frage, warum das alles schon seit bald 40 Jahren so rund läuft, hat ihren Ursprung in der Ideologie der 68er. Ueli Wildberger war damals Mitte 20 und studierte in Zürich und Berlin Theologie. Vom Geist der Gesellschaftskritik und der Revolte geprägt, wollte er nicht einfach Pfarrer werden, sondern verknüpfte seinen Glauben mit Protest. Er schloss sich dem Internationalen Versöhnungsbund (Ifor) an, einer Friedensbewegung, und protestierte gewaltlos gegen Waffenlieferungen, weltweite Kriege oder AKW.

Zu dieser Zeit blühte in Westeuropa die Idee auf, in Wohngemeinschaften zu leben. «Wir wollten ein Zeichen setzen gegen Bürgerlichkeit und Vereinsamung», sagt er. Dies liege dem Leben von ihm und seiner Frau, liege dieser WG zugrunde. Komfort oder Privatsphäre seien da zweitrangig.

Einfachheit als Ideal: Blick ins WG-Zimmer.

Mehr noch: Einfachheit und Gemeinschaft sind Werte, die sie gewählt haben. Noch heute prangern France und Ueli Wildberger die «Atomisierung», die Vereinzelung in der Gesellschaft, an. Zusammenleben ist für sie heute mehr denn je ein Mittel, dem entgegenzutreten. Auch die anderen Anwesenden am Tisch sind sich in diesem Punkt einig.

Wer bei ihnen wohne, müsse ein Gespür für gesellschaftliche Fragen mitbringen, ein ökologisches Bewusstsein oder die Bereitschaft, Gemeinschaft zu pflegen, fasst es France zusammen. «Ein Banker passt vielleicht nicht so gut», sagt Ueli. «Es wäre aber auch spannend», entgegnet eine am Tisch. Ob er auch an die Demonstrationen gegen das Weltwirtschaftsforum WEF in Davos mitkommen würde, so etwas wie der jährliche WG-Ausflug, bezweifeln alle.

Alle genannten Kriterien eingeschlossen, finden sie immer noch genügend Leute, die sich auf die Inserate bei ihnen melden. Mehr als hundert sind es in der Regel. Bisher hat ihr Auswahlverfahren funktioniert, aus der Wohnung werfen mussten sie bisher noch niemanden. Dass die meisten der 130 Mitbewohner mehrere Jahre bei ihnen blieben, zeigt ebenso den Erfolg ihres Modells. An die Zusammenkünfte, die sie alle paar Jahre organisierten, kämen jeweils an die 50 ehemalige Bewohner.

Der Zweck hat sich geändert

Das gemeinschaftliche Leben, das Ende der 60er-Jahre in Zürich in Form von Wohngemeinschaften und Kommunen Einzug hielt, hat das Leben in der Stadt geprägt. Rund jeder zehnte Zürcher lebt heute noch gemeinsam mit anderen unter einem Dach. Es sind etwa 32'000 Leute ohne Kinder und etwas mehr als 18'000 mit.

Zudem hat sich in den letzten Jahren auch – und da sind sich die Soziologen einig – der Zweck der Wohnform WG verändert. Ja, ins Gegenteil verkehrt. Waren früher noch ideologische, antibürgerliche Kriterien ausschlaggebend, sind es heute immer mehr finanzielle. Viele, auch Berufstätige, können und wollen sich die Wohnungen in den Innenstädten alleine nicht leisten. Die einstige studentische Zwischenstation WG ist zu einem Dauermodell für Berufstätige geworden.

Etablierte Gemeinschaften

Einen Gegentrend setzen die Zürcher Genossenschaften, etwa in der Kalkbreite oder auf dem Hunzikerareal in Oerlikon. Dort haben sich Gross-WGs mit Gemeinschaftsküchen und offenen Essräumen etabliert.

Das Ehepaar Wildberger beobachtet die Veränderungen in der Stadt mit einiger Skepsis, insbesondere die im Kreis 4. Während nicht weit von ihnen vor zehn Jahren noch unaufhörlich der Verkehr rollte, gibt es heute rund um den Bullingerplatz Tempo-20-Zonen. Die Mieten der Häuser im Quartier haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Dieser Mikrokosmos soll andernorts weiterleben.

In der Wohnung an der Agnesstrasse ist von diesem vom freien Markt geprägten Geist nichts zu spüren. Im Gegenteil: Diese Wohnung, in der sich Material aus 40 Jahren Wohnen sammelt, wirkt wie aus der Zeit gefallen. Sie erinnert an ein Zürich, das zwar in den Genossenschaften weiterlebt, ansonsten aber langsam verschwindet.

Mit der Agnesstrasse ist in einem Jahr zwar Schluss. Doch soll dieser Mikrokosmos andernorts weiterleben. «Die Zusammensetzung stimmt gerade. Ich liebe die Leute hier», sagt France. In einer neuen Bleibe möchte sie am liebsten mit den gleichen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern weiterwohnen.

Eine letzte Frage an das Ehepaar Wildberger: Wäre es nicht langsam an der Zeit, nach so vielen Jahren einmal zu zweit in eine Wohnung zu ziehen? «Wir sind dafür noch nicht bereit», meint France, «aber bald.»

Erstellt: 12.05.2019, 22:08 Uhr

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