Eine WG fürs Leben

Manche Wohngemeinschaften existieren weiter, auch wenn sich ihre Bewohnerinnen längst zerstreut haben.

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Ich war bei einem Nachtessen in einer lebhaften Runde aus der Innerschweiz gelandet, Männer und Frauen Mitte 40. Sie hatten in ihrer Jugend zusammengewohnt, als sie das Lehrerseminar in ihrer ländlichen Heimat besuchten. Sie kamen aus kleinen Dörfern, heute leben sie alle in Zürich und Umgebung.

Lehrer oder Lehrerin sind sie nicht mehr. Das heisst, eine Frau macht noch ab und zu Vertretungen, um als Künstlerin durchzukommen. Die anderen arbeiten in den Medien, im Sozialen, im IT-Business. Sie haben Kinder, leben alleinerziehend oder im Patchwork oder in der Kleinfamilie. Was auffällt, ist, wie weltläufig sie sind, die meisten haben Jahre im Ausland verbracht, einige fanden ihre Partner in Übersee. Ein grosser Hunger trieb sie aus ihren Dörfern hinaus in die Fremde, ins Abenteuer. So ist Zürich, dachte ich. Viele Menschen kennen die Welt aus eigener Anschauung.

Später am Abend wollte die Bande noch weiterziehen in einen Club, wie zu ihren WG-Zeiten, tanzen, bis es hell wird. «Haben wir seit Jahren nicht mehr geschafft, aber träumen ist immer gut», lachte einer. «Immerhin, wir sind die letzte Generation, die noch ausgeht», sagte jemand, «in der Zeitung stand, dass die Jungen lieber zu Hause bleiben.»

«Sie schauen Netflix und lassen sich Essen liefern», wusste ein anderer. «Das hätte uns auch gefallen, in unserer WG.»

«Die Jungen sind müde», warf jemand ein, «die haben ein strenges Leben, nicht wie wir damals.»

Sucht eine WG neue Bewohner, wird zuerst der Instagram-Account der Bewerber durchsucht.

Dann sprachen wir über das moderne Leben, dass es für alles eine App gibt. Jemand erzählte, eine junge Frau in der Siedlung habe sich beklagt, es passiere nichts mehr spontan in ihrem Leben. «Wenn du im Ausland unterwegs bist, weisst du schon vor der Abreise, auf welchem Sofa du schlafen wirst. Du hast im Internet alles abgecheckt, deine Gastgeber, die Cafés in der Nachbarschaft, wer von deinen Freunden auch in der Stadt ist.»

«Du erlebst keine Überraschungen mehr», sagte jemand. Ihr junger Neffe studiere jetzt, und sie hätten in der WG Mieter für ein leeres Zimmer gesucht, «die wussten von jedem Bewerber, der zur Tür hereinkam, wie er denkt, was er zum Frühstück isst, kannten seinen Kleidergeschmack, wussten, ob er straight oder gay ist, die hatten alles von seinem Instagram-Account gescannt». Ihr Neffe habe es mit leisem Bedauern erzählt, sagte die Innerschweizerin. «Wahrscheinlich hätten wir damals mit Instagram nie zusammengefunden», meinte ein anderer. «Gehen wir jetzt tanzen?»


Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

Erstellt: 12.01.2020, 18:20 Uhr

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