Einmal abreissen und wieder aufbauen, bitte

Das Hotel Savoy am Paradeplatz ist in den Siebzigern dem Erdboden gleichgemacht worden. Aber nur vorübergehend.

Als stünde es seit 100 Jahren da: Das Hotel Savoy heute. Bild: Urs Jaudas

Als stünde es seit 100 Jahren da: Das Hotel Savoy heute. Bild: Urs Jaudas

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Es gibt diese irritierende Fotoserie aus den Siebzigern. Das erste Bild zeigt das Hotel Savoy am Paradeplatz, dessen Anblick in Zürich jedem vertraut ist. Es folgen Aufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie dieser Bau Stück für Stück abgetragen wird, bis er verschwunden ist. Und wie er dann wieder aufgebaut wird, Stück für Stück, bis er dasteht wie auf dem ersten Bild. Die Fotoserie erstreckt sich vom Herbst 1975 bis zum Herbst 1977. Wer die Hintergründe nicht kennt, kann sich keinen Reim auf diese Verrücktheit machen.

Diese Geschichte zu erzählen, lohnt sich in Zeiten, in denen Zürich von einem konservatorischen Geist besessen scheint. Dieser manifestiert sich exemplarisch an zwei Fällen: Da war 2008 das neue Kongresszentrum am See, das an der Urne scheiterte, weil eine Mehrheit den Altbau aus den Dreissigern des Architekturbüros Haefeli Moser Steiger nicht opfern wollte. Und da ist gegenwärtig das neue Hochschulquartier, das wegen des Heimatschutzes mühsam ums alte Spital von Haefeli Moser Steiger herum gebaut werden muss – obwohl dieser Bau als Spital nicht mehr taugt.

Anderer Umgang mit historischen Häusern

Am Hotel Savoy zeigt sich, dass Zürich auch schon anders umgegangen ist mit lieb gewonnenen historischen Häusern. Dass es Schattierungen gibt zwischen Erhalt und Abriss. Ganz egal, wie man diese letztlich bewertet.

Hauptakteur des ersten Teils dieser Geschichte ist ausgerechnet Max Haefeli, der Vater jenes Haefeli, der zum Trio Haefeli Moser Steiger gehörte. Er löste 1906 mit seinem Büropartner Otto Pfleghard eine Kontroverse aus, als er sich forsch am Hotel Savoy zu schaffen machte, das damals noch Baur en Ville hiess. Das war nicht irgendein Haus, sondern eine Institution: das allererste Hotel in Zürich, wo es zuvor nur Gasthöfe gegeben hatte. Als es 1838 vis-à-vis der Postkutschenstation eröffnet wurde, war die heutige Bahnhofstrasse noch ein Wassergraben und der Paradeplatz ein Schweinemarkt. Eine markante Fassade mit klassizistischer Säulenreihe hatte das Gebäude schon damals, aber es war zwei Stockwerke niedriger.

Der ursprüngliche Bau von 1838. Bild: ETH Bildarchiv

Haefeli und Pfleghard sollten das in die Jahre gekommene Hotel umbauen und wollten es modernisieren – im neobarocken Stil, mit runden Balkonen statt Säulen. Der Heimatschutz rebellierte, die Öffentlichkeit war empört.

Der erste Entwurf für den Neubau der Architekten Haefeli und Pfleghard. Bild: Archiv Savoy Hotel Baur en Ville

Die Architekten überarbeiteten daher ihre Pläne, um «dem lebhaften Wunsche der Stadtbevölkerung» Rechnung zu tragen und das Erscheinungsbild des Paradeplatzes «möglichst zu schonen», wie die Fachpresse schrieb. So gewann das Haus sein heutiges Aussehen: zwei Stockwerke höher, mit Säulen statt Pfeilern. Eine logische Weiterentwicklung des Ursprungsbaus. Man kann das mutlos finden. Oder ziemlich clever.

Gleiches Spiel, anderer Ausgang

In den Siebzigern wiederholte sich das Spiel, aber mit anderem Ausgang. Das Hotel war erneut baufällig geworden – ein Albtraum für Feuerpolizei und Gesundheitsinspektorat, für die Betreiber nicht mehr zu brauchen. Die logische Folge wäre gewesen: Abbruch und Ersatzbau. Aber am Paradeplatz wirkte noch das Trauma des modernen UBS-Gebäudes aus den Fünfzigern nach, das bis heute ein Fremdkörper geblieben ist. Für den städtischen Denkmalpfleger war klar: Ein neues Hotel im Stil der Zeit hätte diesen Ort kaum bereichert. So kam die Idee auf, das Haus auszukernen und nur die Fassaden zu erhalten. Aber das Risiko erwies sich als zu gross, es drohte ein Einsturz.

Deshalb fiel der Entscheid auf eine radikale Alternative: das Gebäude komplett abzutragen, ein neues zu errichten und dabei die historische Fassade wieder aufzubauen. Diese wurde bis ins letzte Detail dokumentiert. Manche Teile wurden aufbewahrt und wieder verwendet, andere mittels Abgüssen kopiert und rekonstruiert – zum Teil in Kunst- statt Sandstein. Fünf Millionen Franken betrug der Aufwand für die Hotelbesitzer. Geld, das sie freiwillig aufwarfen, denn das Haus stand nie unter Denkmalschutz.

Wer das Hotel Savoy heute unvorbereitet betritt, erlebt deshalb eine Überraschung. Nur der erhaltene Festsaal im Obergeschoss erinnert an die lange Geschichte des Hauses. Der Rest ist modernisierte Siebzigerjahre-Architektur. Oder anders gesagt: Das Hotel Savoy ist ein Vierzigjähriger mit dem gelifteten Gesicht eines Hundertjährigen, der wie ein 180-Jähriger aussehen will. Man kann das pervers finden. Oder ziemlich unverkrampft.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Die weit über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 14.05.2019, 15:00 Uhr

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