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Einmal Hipness und zurück

Vor 20 Jahren eröffnete die Yonex-Badminton-Halle auf dem Geroldareal. Damals war das ein Ort, den man mied. Heute ist es der letzte Überlebende des einstigen Trendquartiers.

Sie waren die Ersten – und sind immer noch da: Gründer und Besitzer Philipp Kurz in der Yonex-Halle. Bild: Urs Jaudas
Sie waren die Ersten – und sind immer noch da: Gründer und Besitzer Philipp Kurz in der Yonex-Halle. Bild: Urs Jaudas

Das Geroldareal hat fünf Phasen durchgemacht seit 1997: Leere. Aufbruch. Hype. Business. Insel. So sieht es Philipp Kurz. Und er muss es wissen. Vor genau 20 Jahren eröffnete der frühere Badminton-Profi mit seinem Kumpel Thomas Münzner die Yonex-Badminton-Halle. Seither ist er mit dem Geroldareal praktisch verheiratet.

1997 diente dieses vor allem als Abstellfläche – für Occasionsautos, Baugeräte, Schrott aller Art. Es galt als Unort, umtost von Strassen- und Zuglärm. «Als wir Investoren von unseren Plänen erzählten, hörten wir oft: Tolle Idee, aber unmöglich an dieser Lage», sagt Kurz. 20 Jahre später wird diese Lage von sämtlichen Reiseführern als «hip» angepriesen. Am Wochenende steigen modisch gekleidete Menschen auf den Freitag-Tower, kaufen vegane Pullover oder essen selbst gezogenes Gemüse. Später formieren sie sich vor den Nachtclubs zu langen Schlangen.

Gegenentwurf zum neuen Zürich-West

Wenn Philipp Kurz seine Sporthalle aufschliesst, dreht er als Erstes die Stereoanlage an. Meist erklingt Country, seine Lieblingsmusik. Die Plakate, Lampions und Bierwerbungen, die überall hängen, stammen aus Japan. Kurz bringt sie von den Reisen mit, die er regelmässig an den Yonex-Hauptsitz in Tokio unternimmt. Nur die riesige ovale Bar, die den Eingangsbereich fast ausfüllt, ist einheimisch. Sie stand einst im Restaurant Terrasse. Kurz und Münzner haben sie dort eigenhändig zersägt und hinausgetragen. «Ich achte sehr genau auf die Atmosphäre», sagt der 47-Jährige. «Hier drinnen soll nicht das Gleiche geschehen wie sonst überall in Zürich-West.»

Schon als Badminton-vernarrte Teenager in den 80er-Jahren wollten Kurz und Münzner eine Halle in Zürich gründen. «So etwas gab es nicht.» 1996 – Kurz war Badminton-Profi, Münzner arbeitete bei einer Bank – machten sie Ernst. Auf einem Streifzug durch die Stadt entdeckten sie eine Halle mit den perfekten Ausmassen. Wie durch ein Wunder suchte deren Pächter gerade neue Mieter. Und er mochte die Badminton-Idee. Es fehlte nur noch das Startkapital, 600’000 Franken waren nötig. Zehn Monate und viel Nerven brauchten die zwei Begeisterten, um das Geld zusammenzutragen.

Rundherum im Geroldareal erwachten damals die ersten, viel versprechenden Nutzungen. Der junge Veloblitz dirigierte von hier aus seine Kuriere, Künstler machten aus Lagerhallen Ateliers, der erste Nachtclub auf dem Areal, die Katakombe (heute Hive), hatte gerade eröffnet. «Davon merkte man noch wenig. Meist war es tot hier», sagt Kurz. Die Leute seien mit dem Auto zum Badminton gefahren, an solche Orte kam man nicht zu Fuss oder mit dem Velo.

Plötzlich wollten alle hin

Dann ging es richtig los. Überall in der Nachbarschaft öffneten Bars, Galerien und Clubs, die Kreativwirtschaft übernahm die leer stehenden Industriebauten. «Wir konnten zusehen, wie rasch sich alles veränderte», sagt Philipp Kurz.

1998 wurde Zürich-West medial zum «Trendquartier» ausgerufen. Die Aufbruchsstimmung steigerte sich zum Hype. Alle strömten in Zürichs «Wilden Westen». Gleichzeitig kündigte sich bereits dessen Zähmung an: Die Neubebauung der Grundstücke wurde geplant, das grosse Abreissen begann. Spätestens 2011, als der gläserne Prime Tower das Quartier überragte, wurde klar, worum es im neuen Zürich-West ging: um Business. Und um schicke Wohnungen.

Nur nicht auf dem Geroldareal. Die zerstückelten Besitzverhältnisse verhinderten eine rasche «Entwicklung». Im Gegenteil: In den Gebäuden beim Bahnhof Hardbrücke zogen 2004 das Helsinki und das Restaurant Rosso ein. Sie gaben dem Geroldareal den nächsten Schub, machten es zu einem Lieblingsort der Zürcher Ausgeh- und Kulturszene.

Rundherum ist alles durchnormiert

Dabei wird es noch ein Weilchen bleiben. Die Pläne für ein neues Kongresszentrum scheiterten 2013. Seither haben die beiden grossen Grundbesitzer, die Stadt Zürich und Gerold Mayer-Sommer, der das Areal mit seiner Mieterauswahl geprägt hatte, keine neuen Pläne verkündet. Viele Mieter haben ihre Verträge bis ins Jahr 2021 verlängert bekommen.

So überlebt hier, was Zürich-West einst so abenteuerlich machte: die Mischung aus Clubs, Läden, Ateliers, untergebracht in unübersichtlichen Altbauten. Rundherum habe man alles hübsch gemacht und durchnormiert, sagt Philipp Kurz, als Beispiel nennt er die Viaduktbögen gleich nebenan. Heute fühle er sich auf dem Geroldareal wie auf einer wilden Insel.

Das bestätigen andere langjährige Mieter, etwa Bernhard Braschler, der in direkter Nachbarschaft seinen Comestibles führt. Den Rest von Zürich-West erkenne man im Vergleich zu 1997 kaum wieder, sagt Braschler. «Nur bei uns sieht es aus wie damals. Wir haben auch noch viele der alten Nachbarn.»

Lieber die alte als die neue Halle

Dem Geschäft von Philipp Kurz hat der grosse Quartierumbau nicht geschadet. «Wir wurden von Beginn weg überrannt. Daran hat sich nichts geändert. Heute haben wir einfach mehr Geschäftsleute über Mittag.» Die Badminton-Halle lief so gut, dass Kurz und Münzner zwei weitere eröffneten, eine in Albisrieden, die andere in Winterthur, die sie später weiterverkauften. 2003 übernahmen sie zudem den Schweizer Vertrieb ihres einstigen Sponsors, des japanischen Sportartikelherstellers Yonex. Heute zählt die Firma rund 20 Mitarbeiter; Yonex sponsert Tennisspieler wie Stan Wawrinka oder Belinda Bencic.

Die Geroldhalle bleibe aber das Zentrum ihres Unternehmens, sagt Kurz, gerade wegen ihres provisorischen Charakters. Wie stark sich die Zürcher nach dem Unfertigen sehnten, zeige die zweite Yonex-Halle in Albisrieden. Sie befindet sich in einem Neubau, bietet jeden Komfort, ideale Temperaturen. «Trotzdem wollen viele nur in der Geroldhalle spielen. Wegen der Stimmung.»

Am Freitagabend steigt das 20-Jahr-Jubiläumsfest. Es spielt der Texaner Ramsay Midwood, ein Lieblingsmusiker und Freund von Philipp Kurz. Ab 20 Uhr. Am Samstag kann man zwischen 10.45 und 18.15 Uhr gratis Badminton spielen. Yonex-Badmintonhalle, Geroldstrasse 5.

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