Einzigartig

Kurt Lambert ist der einzige Mensch von der Karibikinsel Barbados, der sich in den letzten 20 Jahren in der Stadt Zürich einbürgern liess. Was er hier tut, ist ebenso einmalig.

Karibische Lockerheit, Schweizer Fleiss: Kurt Lambert am Bellevue. Foto: Sabina Bobst

Karibische Lockerheit, Schweizer Fleiss: Kurt Lambert am Bellevue. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Einbürgerungsstatistik der Stadt Zürich tauchte letzte Woche erstmals ein Barbadier auf. Die meisten der «Bajans», wie sich die 280'000 Einwohner der Karibikinsel im kreolischen Dialekt selber nennen, sind Nachfahren von afrikanischen Sklaven, die Zuckerrohr anpflanzten. Dieser Barbadier las den entsprechenden Artikel auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet – und meldete sich auf der Redaktion. «Ich möchte Danke sagen», war seine Motivation. Migranten und Eingebürgerte würden häufig in negativem Kontext erwähnt.

Kurt Lambert legte im letzten Jahr die Einbürgerungsprüfung ab, musste beweisen, dass er sich auf Deutsch ausdrücken kann und etwas über die kulturellen, sozialen und politischen Hintergründe der Schweiz weiss. «Die sieben Bundesräte musste ich nicht aufzählen», sagt der in Jeans, Turnschuhen und sauber gebügeltem Hemd gekleidete 49-Jährige. Die Einbürgerungsbeamtin muss realisiert haben, dass der feingliedrige Bewerber mit den guten Manieren über die Schweizer Geschichte hinaus noch viel mehr auf dem Kasten hat.

Von Greenpeace zu Hedgefonds

Aufgewachsen in der barbadischen Hauptstadt Bridgetown – Vater abgetaucht, Mutter Krankenschwester –, kam Kurt Lambert mit 17 nach New York. Das erste Jahr dort hat ihn wohl mehr geprägt als alle seine späteren Studien. Er arbeitete ein Jahr lang für Greenpeace, klopfte an Haustüren, um Geld zu sammeln, demonstrierte gegen die Atomenergie und die Apartheid in Südafrika. Dann studierte er Mathematik und Anthropologie und machte in Austin, Texas, den Master in Ökonometrie. Wegen eines berühmten Harvard-Professors, der auch in Lausanne lehrte, zog er in die Westschweiz und doktorierte über Währungspolitik. «Französisch zu lernen, war einfach – ohne geht es in der Westschweiz gar nicht.»

Zum Spezialisten für Hedgefonds wurde Lambert, der sich auch intensiv mit Entwicklungspolitik befasste, nur durch Zufall. Nach einem Jahr bei der UBS betraute ihn die Bank Leu in Zürich mit der Entwicklung von Hedgefonds. Das sind alternative, hochkomplexe Finanzinstrumente. Noch bevor Lambert 30 war, gründete er unter dem Namen Harcourt seine eigene Firma, benannt nach seinem Bruder, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Mit 35 verkaufte Lambert seinen Anteil als Hauptaktionär der Firma, die inzwischen vier Milliarden Franken Kundengelder verwaltete, an die Bank Vontobel.

Heute ist Kurt Lambert massgeblich in fünf Firmen und Stiftungen engagiert, die sich im Bereich Ökonomie, Ökologie und Soziales bewegen. Juwel in seinem Tätigkeitsfeld als Verwaltungsratspräsident ist die Zürcher Firma Reprisk, eine weltweit führende Institution, welche Grossfirmen auf Reputationsrisiken in den Bereichen Umwelt und Sozialstandards überprüft. Zu den Kunden gehören UBS, Credit Suisse, ZKB, J. P. Morgan, die Bank of America, die Deutsche Bank, Roche, BASF oder die Unicef. Mit Suchalgorithmen werden die Firmen überprüft, ob sie im Zusammenhang mit Kinderarbeit erwähnt werden oder in ihrer Tätigkeit Mensch und Natur bedrohen.

Rennfahrerbier und Kaffee

Seit dem Verkauf der Hedgefondsfirma hat Lambert die Mittel, um zu tun, was ihm wirklich am Herzen liegt. Am meisten beeindruckt haben mag die Einbürgerungsbeamtin sein Engagement für ein kultiges Zürcher Süssgetränk: das einst als Rennfahrerbier (Tour-de-Suisse-Sponsor) bekannte Vivi Kola aus Eglisau. Zusammen mit seinem Lebenspartner, dem Eglisauer Grafiker Christian Forrer, hat Lambert 2010 die Traditionsmarke nach altem Rezept wieder zum Sprudeln gebracht. Das Getränk mit der Afrikakarte auf der Etikette hatte 1986 gegen die amerikanischen Giganten Coke und Pepsi keine Chance mehr. Heute ist Vivi Kola wieder Kult und an vielen Anlässen und Open Airs präsent, so auch am Zürcher Idaplatz-Fest, wo Vivi Kola sogar auf den Gewinn verzichtet, um den Anlass zu unterstützen.

Beflügelt vom Hype um Vivi Kola, ­haben Lambert und Forrer die Schwesterfirma Vicafé gegründet, eine Kaffeerösterei im alten Bahnhof Eglisau und zwei Espresso-Bars in Zürich, am Bellevue und am Goldbrunnen-Platz. Damit ist das Unternehmertum von Kurt Lambert längst nicht ausgeschöpft. In seiner ­Heimat Barbados baut die Forlam Foundation Kliniken, die Africa Foundation ist in Bildungs- und Naturschutzprojekten in Südafrika und Tansania engagiert. Lambert erteilt jungen Leuten Managementkurse.

Abstimmen als Pflicht

Im Beirat von Lamberts Firma Reprisk sitzt die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala. Sie nennt Kurt Lambert einen «grossartigen Menschen», weil er intellektuell brillant sei, den unternehmerischen Zeitgeist spüre, aber auch eine warmherzige, elegante Person mit einem grossen sozialen Engagement sei.

Kurt Lambert wohnt seit 20 Jahren im gleichen Mehrfamilienhaus in Wipkingen – früher als Mieter, inzwischen hat er das ganze Haus gekauft und vermietet Wohnungen an gute Freunde. «Als Schwarzer hatte ich in Zürich noch kein einziges negatives Erlebnis», sagt er, «oder ich habe es nicht bemerkt.» Schweizer zu sein, erfülle ihn mit Stolz. Natürlich hat er am Willkommens­apéro von Stadtpräsidentin Corine Mauch teilgenommen und seit der Einbürgerung noch keine Abstimmung verpasst.

«Ich verdanke der Schweiz sehr viel, weil ich mich hier beruflich und persönlich verwirklichen konnte.» In New York oder London würden Herkunft und Netzwerke viel mehr zählen. «In Zürich konnte ich meine Firmen ohne Ressentiments von Kunden und Geschäftspartnern aufbauen.» Sagts, trinkt noch einen Espresso in «seiner» Bar am Bellevue und eilt davon. Er muss schon bald in Los Angeles sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2016, 22:08 Uhr

Artikel zum Thema

Diese 64'000 Menschen haben sich in Zürich einbürgern lassen

Datenblog Ein Rekord, eine Premiere, viele Nationen: eine kurze Einbürgerungsgeschichte der Stadt Zürich in Zahlen. Zum Blog

Wie sich eine Einbürgerung wirklich anfühlt

Nächtliche Visiten, Befragungen von Nachbarn, komplizierte Fristen: Ausländer, die sich einbürgern lassen wollen, müssen einiges über sich ergehen lassen. Mehr...

Als zwei Jahre für den roten Pass reichten

Ausländer einbürgern, um sie zu integrieren: Was eine neue Studie nahelegt, hat die Schweiz vor hundert Jahren bereits praktiziert. Sogar Zwangseinbürgerungen wurden erwogen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...