Eis, zwei, drü, Krawall

Sie kifften, organisierten Partys, besetzten ein Stadion: Der neue Verein Swiss Music Archives sammelt Relikte der Jugendkultur. Wir zeigen Zürichs Meilensteine.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der neu gegründete Verein Swiss Music Archives (SMA) sammelt, dokumentiert und präsentiert in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Sozialarchiv Quellenmaterial und Fachliteratur zur Geschichte der populären Musik in der Schweiz. Historiker Erich Keller sagt, dass es höchste Zeit für ein Schweizer Musik-Archiv war.

Warum erst jetzt ein Archiv, das sich des Schweizer Pop annimmt?
Den Schweizer Jugendkulturen wurde bisher schlicht nicht jene Wertschätzung entgegengebracht, die sie eigentlich verdient hätten. Zudem: Die 68er kommen langsam in die Jahre, einige ihrer Vertreter sind bereits gestorben.

Welchen Wert messen Sie den Jugendkulturen bei? Manchmal markieren sie ja den Anfang von gesellschaftlichen Umwälzungen.
Popmusik war ganz generell gesprochen verantwortlich für eine internationalisierte Gesellschaft. Davon bin ich überzeugt. Durch sie entstand ein Austausch an Gütern und Ideen. In der Schweiz trug die Popmusik zur Liberalisierung der gesellschaftlichen Strukturen bei, das sind die langfristigen Wirkungen von Globus- oder Opernhauskrawall. Klar, ist es dabei mitunter heftig zugegangen.

Heute scheint eine schlechte Zeit für Jugendkulturen. Es sind nirgends starke Strömungen auszumachen. Wo sehen Sie die Gründe dafür?
Das Stör- und Provokationspotenzial in der Popmusik hat tatsächlich nachgelassen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Jugendbewegungen – oft verbanden sie sich mit Punk und Alternativmusik – sehr erfolgreich waren und viele Forderungen der Jugendlichen erfüllt wurden. Gab es früher etwa kaum Möglichkeiten für Bands, aufzutreten, leben wir heute mit einer sehr breiten, stark kommerzialisierten Konzert- und Partyindustrie. Selbst Geschichtsstudenten wissen heute erstaunlich wenig über Jugendkulturen – das sehen wir jetzt auch bei Führungen durchs Sozialarchiv. Unsere Veranstaltungen sollen darum auch zum Forschen animieren.

Das Archiv ist bis jetzt erst mit ein paar wenigen Stücken ausgestattet. Warum?
Das Sammeln ist nicht einfach. Im Bereich des Pop gibt es Tausende private Sammler, die den Wert ihrer Sammlungen kennen. Das macht es für Archivare schwierig, an die Stücke heranzukommen. Es ist aber auch so, dass wir interessante Objekte wie Fotos oder Plakate ausleihen, sie dann professionell scannen und nach speziellen Kriterien aufarbeiten. Aktuell ist es eine Sammlung von knapp 200 Plakaten, die wir auf unserer Website präsentieren.

Ihre persönlichen Highlights in der Sammlung?
Was mich besonders freut: dass uns ein privater Sammler wie der Rolling-Stones-Experte Felix Aeppli seine riesige Kollektion anvertraut hat. Er weiss, dass seine jahrzehntelange Sammelarbeit so der Nachwelt erhalten bleibt. Wir wünschten uns natürlich noch ein paar mehr solche Sammlungen. Sie bewegen sich seit langem in der Heavy-Metal-Szene. Ihr prägendstes Zürcher Konzert?
Da gibts einige. Bemerkenswert war sicher das Konzert mit Venom und Metallica im Februar 1984. Es war klar, hier passiert etwas Bedeutendes. Und wir hatten recht. Wenige Jahre später war die Untergrundmusik namens Heavy Metal zum Mainstream geworden. Mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2016, 08:43 Uhr

Artikel zum Thema

Die Wiege des Punk

Fotoblog Inmitten der Moshpits dokumentierte Fotograf Derek Ridgers in London die Anfänge einer rebellischen Jugendkultur. Zum Blog

«Der IS ist ein Stück weit Jugendkultur»

IS-Jäger Nr. 1 nennt ihn «Bild», Peter Neumann. Er hat Europas Jihadisten studiert und sagt: «Wer früher provozieren wollte, wurde Punk. Heute geht er zum IS.» Mehr...

Singen, bevor es dunkel wird

Älterwerden war in der Jugendkultur des Rock nie vorgesehen, höchstens schnelles Sterben. Am besten altern jene, die das stoisch oder heiter akzeptieren. Am peinlichsten sehen jene aus, die sich dagegen wehren. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Schöner Lärm: Ein Flugzeug fliegt in der Nähe von Pfaffhausen vor dem Supermond durch. (20. Februar 2019)
(Bild: Leserbild: Peter Schwager aus Fällanden) Mehr...