Warum das neue Kunsthaus ein echtes «Zurich building» ist

Die Fassade des Erweiterungsbaus überrascht mit schnörkelloser Noblesse. Und verblüfft mit vielen Drahtseilen und Stahlankern.

Neue Fassade, bereits verbohrt: Das Kunsthaus ist auch Befestigungsstelle.

Neue Fassade, bereits verbohrt: Das Kunsthaus ist auch Befestigungsstelle. Bild: Andrea Zahler

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«Stadtbild», Nr. 003 – Bis die Kunsthaus-Erweiterung eröffnet wird, dauert es noch über ein Jahr, doch aussen ist das Haus weitgehend fertig. Und siehe: Es ist grossartig. Gross, aber elegant; grösser als die Umgebung, aber eingepasst. Das ist nicht der monströse Fremdkörper, den die Kritiker vor der Volksabstimmung beschworen haben. Der Kalkstein nimmt die Farbe des alten Kunsthauses auf; die senkrechten Rippen nehmen Bezug zum Anbau mit dem grossen Saal.

SVP und Alternative waren gegen den Neubau. Deshalb sollten sie nicht zur Eröffnungsfeier eingeladen werden.

Zu Recht heisst das Projekt «Aglaia», mit dem der Londoner Architekt David Chipperfield vor elf Jahren den Wett­bewerb gewonnen hat. Aglaia ist eine der drei Grazien, Göttin der Anmut und der Schönheit. 88 Millionen Franken haben die Stimmberechtigten im November 2012 dafür bewilligt. SVP und Alternative waren dagegen. Deshalb sollten sie nicht zur Eröffnungsfeier eingeladen werden.

Fehlt da nicht etwas? Genau: Der Haken dran. Foto: Andrea Zahler

Gerade weil die Fassade so elegant ist, stechen die vielen Drähte ins Auge, die mit Haken am Haus befestigt sind und an denen die Fahrleitungen für die Trams und einige Lampen hängen. Zehn Mauerhaken stecken auf der Seite Heimplatz, dreizehn auf der Seite Rämistrasse. 23 Mauerhaken an einem einzigen Gebäude – das ist rekordverdächtig. Was auch deshalb auffällt, weil auf den Visualisierungen, die das Projekt beworben haben, weder Haken noch Drähte zu sehen sind.

Über den grossen Strassen und Kreuzungen ist nicht der Himmel das Dach von Zürich, wie Zarli Carigiet einst sang.

So ist denn der optische Genuss dieser Fassade kurz getrübt. Doch bald meldet sich die Einsicht: Wer Zürich liebt, muss auch seine Mauerhaken lieben. Denn ohne sie gäbe es entweder keine Fahrleitungen, also keine Trolleybusse und die Trams müssten von den Fahrgästen geschoben werden. Oder es stünden in der Stadt mehr Masten herum als Pfosten.

Hakenphobiker aufgepasst!

Über den grossen Strassen und Kreuzungen ist nicht der ­Himmel das Dach von Zürich, wie Zarli Carigiet einst sang, sondern das Dach ist das Netz der Stromleitungen. Wenn man anfängt, auf Mauerhaken zu achten, sieht man sie überall; Hakenphobiker fühlen sich in Zürich ständig verfolgt. Das selbstbewusste Auftreten dieser Bolzen gründet in Paragraf 232 des Planungs- und Baugesetzes. Er erlaubt es den Gemeinden, an Häusern Einrichtungen von gering­fügiger Einwirkung auf die Grundstücknutzung unentgeltlich anzubringen.

Irgendwie gut: Der Erweiterungsbau von David Chipperfield. Foto: Andrea Zahler

Voraussetzung ist ein öffent­liches Interesse, was beim ÖV zweifellos zutrifft. Bei der Kunsthaus-Erweiterung sind die Mauerhaken und Drähte sozusagen eine Familienangelegenheit, denn die Stadt Zürich und das Kunsthaus bilden gemeinsam die Bauherrschaft. Dass es schliesslich so viele Haken geworden sind, hat auch ästhetische Gründe: Auf dem Heimplatz wurden Masten entfernt, um der Fassade des Neubaus einen besseren Auftritt zu ermöglichen.

Die Tiefe erschliesst sich erst jetzt

Sir Chipperfield sagte einmal, als er sein Projekt vorstellte, der Neubau sei wegen seiner ruhigen Ausstrahlung ein «Zurich building». Aber erst jetzt verstehen wir die ganze Tiefe dieser Aussage: Wie so viele Häuser in Zürich ist das neue Kunsthaus auch ein Fahrleitungsträger.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 17.10.2019, 12:57 Uhr

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