Endlich ein richtiger Platz

Der Münsterhof ist seit dem Umbau einzigartig in der Stadt Zürich.

Ein Ort der Begegnung: Der neu gestaltete Münsterhof während des Kinderumzugs am Sechseläuten 2016. Foto: Doris Fanconi

Ein Ort der Begegnung: Der neu gestaltete Münsterhof während des Kinderumzugs am Sechseläuten 2016. Foto: Doris Fanconi

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In Zürich heissen Orte «Plätze», die gar keine Plätze sind – wie etwa der Meierhofplatz, der Manesse- oder der Judith-Gessner-Platz (wo ist denn der?). Umgekehrt heisst der Ort, der im klassischen Sinn ein Platz ist, «Hof»: der Münsterhof. Was den Verdacht nährt, dass im engen Zürich das Verständnis für das Wesen des Platzes eher klein ist. Sonst hätte der Münsterhof wohl nicht 100 Jahre als Parkplatz Frondienst leisten müssen.

Im Unterschied zum Park besteht ein Platz aus Stein und ist von Häusern gerahmt. Sein Wesen ist Offenheit, sein Zweck Begegnung, sein Ideal die Leere. Der neue, von Parkplätzen befreite Münsterhof ist genau das – Zürichs einziger Platz im reinen Stil: viele Pflastersteine, wenige Bänke, ein Brunnen, fertig. Sienas Piazza del Campo auf Zürcherart.

Auch Ida- und Röntgenplatz kommen dem Ideal des gefassten Platzes nahe, doch sind sie mit ihren Installationen und Bäumen auf gemütlich getrimmt. Der Lindenplatz in Altstetten ist zwar schön quadratisch und steinig, doch auf einer Seite ungeschützt. Der Turbinenplatz in Zürich-West könnte ein ganz grosser sein, doch hat man ihm mit merkwürdigen Holzbänken, Laternen, Pflanzbecken und Wasserrinnen die Grosszügigkeit ausgetrieben.

Kein Platz, eine Zumutung

Was sich in Zürich Platz nennt, sind meistens Kreuzungen. Diese Plätze sind gespickt mit Lichtsignalanlagen, und in der Mitte steht ein Tramhäuschen. Von der Form her wäre der Parade- ein idealer Platz, und er war es ja auch, als es beim heutigen Sprüngli noch die Tiefenhoflinde gab, unter deren Blättern die Stadtjugend handfeste Anatomiestudien betrieb. Doch längst ist der Paradeplatz eine nervöse Tramstation, wo niemand verweilen will mit Ausnahme der Gewerkschaften, die dort am 1. Mai die Banken verfluchen möchten. Die meisten Plätze sind neben den Trams auch noch von Autos beherrscht, es sind Verkehrsmaschinen: vom Tessiner- zum Albisriederplatz, vom Kreuz- zum Seebacherplatz. Der Bürkliplatz ist ein Hohn auf den Platzgedanken: Ausser Gleis, Strasse und Stau ist nichts. Nebenan, wo es Platz hat, befindet sich die Stadthausanlage. Der Bahnhofplatz am anderen Ende von Zürichs bekanntester Strasse ist auch kein Platz, sondern nur eine Zumutung.

Plätze als Verkehrsknoten auszunützen, ist allerdings keine Zürcher Erfindung, sondern weltweit die einfachste Methode, um Autos durch die Stadt zu führen. Paris hat aus der Place de la Concorde einen Hochgeschwindigkeitskreisel gemacht. Eine Zürcher Erfindung hingegen war, selbst jene Plätze mit Autos zu belegen, die es für den Verkehrsfluss gar nicht braucht. Viele Jahrzehnte mussten verstreichen, bis aus der Sechseläutenbrache mit dem angeschlossenen Parkfeld endlich ein Platz wurde.

Vergiftete Politik

Es waren die Verkehrsideologen, die das Naheliegende verhinderten. Die Bürgerlichen wollten mehr Parkplätze, viel mehr Parkplätze; die Linken viel weniger. Beide konnten sich nicht durchsetzen, produzierten Stagnation und eine vergiftete Politik. Erst als sich Mitte der 90er-Jahre SP, FDP und CVP zum «Historischen Kompromiss» zusammenrauften, entstand das politische Fundament für die heute so gefeierten Plätze.

Der Kompromiss besagte: Die Anzahl Parkplätze in der Innenstadt bleibt gleich, was oben abgebaut wird, muss unterirdisch kompensiert werden. So wurde das Parkhaus Opéra möglich, das 299 oberirdische Parkplätz verschlang, auch jene in der Nähe des Bürkliplatzes. Dorthin wurden in einem zweiten Schritt die 55 Parkplätze des Münsterhofs verlegt. Das Volk hiess dies im Mai 2003 mit 69 Prozent Ja gut. Einzig SVP und Grüne waren dagegen: Den einen war das Opernhaus-Parking zu klein, den andern zu gross. Trotz dieses klaren Votums hätten wir heute keinen Sechseläutenplatz, wenn es nach SVP und FDP gegangen wäre. Sie lehnten 2012 den 17-Millionen-Kredit für die Neugestaltung ab. Für die SVP war das viel zu teuer; die FDP störte der Abbau einer 70 Meter langen Abbiegespur. Überhaupt: Wer Plätze mag, ist bei den Bürgerlichen schlecht aufgehoben.

Vor fünf Jahren wehrten sich SVP und FDP auch gegen den Vulkanplatz in Altstetten. Dort galten 4 Millionen Franken als Geldverschleuderung. Der Münsterhof hat 8 Millionen Franken gekostet. Durch seine Leere erhält das unverstellte Fraumünster ein ganz neues Gewicht – ähnlich dem Opernhaus, das vom weiten Sechseläutenplatz pathetisch inszeniert wird. Das Grossmünster gilt zwar als Zürichs Hauptkirche, einerseits wegen Zwingli, anderseits wegen der zwei Türme. Doch wird es nicht von einem klar strukturierten Platz in Szene gesetzt. Mit dem freien Münsterhof erlebt das Fraumünster jetzt eine Aufwertung, die seiner historischen Bedeutung entspricht. Im 12. und 13. Jahrhundert hatte die Äbtissin das Zoll-, Markt- und Münzrecht sowie die Gerichtsbarkeit inne und war damit die eigentliche Stadtherrin von Zürich.

Weisser Hirsch weist den Weg

Die neue Weite und Ruhe auf dem Münsterhof lässt sich am bequemsten von den Stühlen der Restaurants Waag und Münsterhof geniessen. Auch das Zunfthaus zur Meisen hätte Platz für ein Boulevardcafé, wenn es sich für Laufkundschaft öffnen würde – wie einst zu Gottfried Kellers Zeiten. Wenns dann dämmert in lauer Sommernacht, erscheint vielleicht wieder der weisse Hirsch mit dem leuchtenden Geweih, der im Jahr 853 den Königstöchtern Hildegard und Bertha den Weg durch den dunklen Wald gewiesen und den Standort der Fraumünsterabtei bestimmt hat. Auf jeden Fall wird sein Erscheinen auf dem ruhigen Platz mit jedem Glas wahrscheinlicher.

Erstellt: 12.05.2016, 21:50 Uhr

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