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«Er hat sehr wichtige Dinge gesagt»

Der Architekt Vittorio Lampugnani sprach am «Tages-Anzeiger»-Meeting – und erhielt dafür viel Lob. Er blickte auf das Kleine und erklärte damit das Grosse: das Wesen des Städtebaus.

Der Architekt und ehemalige ETH-Professor Vittorio Magnago Lampugnani über bedeutsame Belanglosigkeiten. Video: Lea Blum

Über 350 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien waren der Einladung von Tamedia-Verleger Pietro ­Supino und Konzernchef Christoph Tonini ans traditionelle «Tages-Anzeiger»-Meeting im Schiffbau gefolgt. Er freue sich sehr über den diesjährigen Referenten, betonte Supino. Er schätze Vittorio Magnago Lampugnani ganz ausserordentlich. Der Architekt und langjährige ETH-Professor für Geschichte des Städtebaus habe ihn und Tamedia sehr fruchtbar unterstützt, als es um die Entwicklung des Werd­strasse-Neubaus gegangen sei. Dieser wurde schliesslich vom japanischen Architekten ­Shigeru Ban entworfen. Auch an einem weiteren, derzeit in Planung begriffenen Tamedia-Neubau sei Lampugnani beteiligt – und zwar als Architekt.

Dabei habe die Architektur denselben Wesenskern wie der Journalismus, so Supino: Es gehe darum, öffentliche Räume zu schaffen. Trotz der aktuellen Verunsicherung sei er davon überzeugt, dass es langfristig eine Nachfrage nach unabhängigem Qualitätsjournalismus gebe – und auch eine Zahlungsbereitschaft dafür. Voraussetzung seien jedoch Veränderungswille und Entwicklungsfähigkeit. «Darum stellen wir uns laufend selber infrage und investieren in die Innovation unseres Metiers.»

Supino übergab das Wort an Lampugnani, indem er auf eine weitere Parallele zwischen architektonischem und journalistischem Universum verwies: Die technologischen Möglichkeiten sollten «nicht zum Selbstzweck werden», sondern vielmehr mithelfen, «unsere grundlegenden Werte zu pflegen, zu erneuern und in eine gute Zukunft zu führen».

Bilder: Gäste des «Tages-Anzeiger»-Meetings

Corine Mauch: Stadtpräsidentin.
Corine Mauch: Stadtpräsidentin.
Reto Oeschger
Tilla Theus: Architektin.
Tilla Theus: Architektin.
Reto Oeschger
Vittorio Lampugnani und Pietro Supino: Gastredner und Gastgeber.
Vittorio Lampugnani und Pietro Supino: Gastredner und Gastgeber.
Reto Oeschger
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Vittorio Lampugnani blickte in seiner klugen Rede auf die «bedeutsamen Belanglosigkeiten», also auf «die kleinen Dinge im Stadtraum» (siehe dazu den nebenstehenden Artikel). Dieser Zugang ermöglichte es ihm, quasi über die Hintertür auch zentrale städtebauliche Fragen anzusprechen. Letztere vertiefte er im anschliessenden Gespräch mit «Tages-Anzeiger»-Chefredaktorin Judith Wittwer.

Aus dem Publikum bekam Lampugnani grosses Lob – gerade auch von Fachleuten, etwa von Tilla Theus: «Er hat sehr wichtige Dinge gesagt», so die Architektin, «zum Beispiel, dass man den Verkehr nicht ganz aus der Innenstadt verbannen darf. Man nimmt ihr sonst die Lebendigkeit.» Überhaupt sei es wichtig, dass Städte nicht zu clean würden, so Theus: «Plakatsäulen, Sitzbänke – solche Dinge sind wichtig. Die Möblierung des öffentlichen Raums trägt dazu bei, dass die Leute Vertrautheit empfinden.»

Auch die für die Gestaltung, Entwicklung und Vermarktung der Stadt Zürich zuständigen Exponenten zeigten sich beeindruckt von Lampugnanis Rede. Stadtpräsidentin Corine Mauch gefiel, dass der Referent das Kleine in den Mittelpunkt gestellt habe: Achtsamkeit gegenüber dem scheinbar Belanglosen sei wichtig, weil dieses subtil den Stadtraum präge. Welches «kleine Ding» ist der Stadtpräsidentin in Zürich das liebste? «Mich faszinieren die vielen Brunnen – in der Stadt Zürich gibt es 1200! Ausländische Touristen sind immer wieder sprachlos, wenn sie erfahren, dass man aus diesen sogar trinken kann.»

Und das liebste Züri-Detail?

Der Leiterin der Stadtentwicklung, Anna Schindler, und dem Chef von Zürich Tourismus, Martin Sturzenegger, hat die Mahnung Lampugnanis gefallen, die Gestaltung der Stadt vom öffentlichen Raum aus zu denken. Bei der Entwicklung von Zürich-West habe man dies versäumt – entsprechend unbefriedigend sei das Ergebnis. Auch Lampugnani verhehlte im Gespräch mit Judith Wittwer sein Zürich-West-Missfallen nicht. Anders, so Schindler und Sturzenegger, liege der Fall bei der Europa­allee. Dort habe man die Planung bewusst vom öffentlichen Raum aus gedacht, weshalb etwas Gelungenes am Entstehen sei. Und das liebste Züri-Detail? Für Tourismus-Chef Martin Sturzenegger ist es die Helvetica-Schrift, welche in Zürich für die öffentliche Beschriftung verwendet werde.

Für Philipp Kutter, Wädens­wiler Stadtpräsident und CVP-Nationalrat, war Lampugnanis Rede «eine grosse Inspiration». Sie habe ihn ermutigt, in «seiner» Gemeinde die Gestaltung des öffentlichen Raums voranzutreiben. «Wir in der Agglo haben noch Potenzial, was diese Gestaltung betrifft.» Und welches kleine Ding ist ihm das liebste und wichtigste? «Die Sitzbänke – sie laden zum Verweilen ein und sind damit ein ganz wichtiges Möbel.»

Applaus erhielt der emeritierte ETH-Professor ebenso von Unternehmer und Kunstsammler Thomas W. Bechtler: «Alle kleinen Dinge zusammen bilden das grosse Bild, welches eine Stadt ausmacht – dabei reicht manchmal ein einziges Detail, damit dieses Bild ins Positive fällt. Oder ins Negative.» Bechtlers Lieblingsdetail in Zürich? «Auch wenn er für ein ‹Detail› etwas arg gross ist: der Sechseläutenplatz.»

Mit Witz, Charme und Klugheit

In die Höhe statt in die Weite ragen die liebsten «Stadtmöbel» von Tamedia-Verleger Supino. Seiner Wahl dürften auch viele Zürcherinnen und Zürcher zustimmen: «Mir gefallen die schönen Bäume.»

Für Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist war Lampu­gnanis Rede eindrücklich, weil der Städtebau-Professor im übertragenen Sinn auch viel über die Menschen gesprochen habe: «Im Kleinen wird die Identität einer Stadt geschaffen. Und das heisst: Die scheinbar belanglosen Sorgen, Nöte und Freuden der sogenannt kleinen Leute machen eine Stadt aus.» Damit, so der Pfarrer, «sind wir mitten in ‹meinem› Geschäft».

Lampugnani, in Rom geboren, in Mailand und Zürich zu Hause, antwortete auf die Fragen der Tagi-Chefredaktorin wie auch auf jene aus dem Publikum mit Witz, Charme und Klugheit. Nur eine Frage liess er offen: Welches ist die schönste Stadt? Eine nicht repräsentative Umfrage im Publikum ergab einen klaren Sieg für Zürich. Ausserdem gab es Punkte für Venedig, Paris und Bologna. Und eine klare Aussage von Architektin Tilla Theus: «Es ist gut, dass Herr Lampugnani diese Frage nicht beantwortet hat. Man kann diese Frage schlicht nicht beantworten.»

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