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Er ist das Gedächtnis der Roten Fabrik

Filmrollen, ein Gong und eine 100-jährige Rechnung: Hans X. Hagens Sammlung birgt Schätze aus der Frühzeit des Areals.

Der Mann, der allen auf dem Areal hilft: Seit 1978 engagiert sich Hagen in der Roten Fabrik. Fotos: Dominique Meienberg
Der Mann, der allen auf dem Areal hilft: Seit 1978 engagiert sich Hagen in der Roten Fabrik. Fotos: Dominique Meienberg

Auf einem Gestell türmen sich Schachteln von Filmrollen, nebenan stehen Schallplatten, eine Wand ist voll von Werkzeugen, auf den Tischen stapelt sich Papier. Von den fünf Uhren stehen vier still. Das Atelier in der Roten Fabrik zeugt von Hans X. Hagens Leidenschaft: dem Bewahren. Er sagt. «Mich fasziniert das Alte, und es hilft mir, die Gegenwart besser zu verstehen.»

Seit 1978 engagiert sich Hagen in der Roten Fabrik. Dem Elektromechaniker und Super-8-Kameramann gefiel die kreative Atmosphäre auf dem Areal, die so viel Neues möglich machte. Hagen war von Anfang dabei beim Open-Air Kino Film am See. Bald war er der Mann, der allen auf dem Areal half, wenn sie einen Fachmann für Licht, Ton oder nur einen Handwerker brauchten. Einige Truppen begleitete er auf Tourneen ins Ausland, 25 Jahre lang war er fürs Theater Spektakel tätig. Heute nennt er sich Kulturtechniker und ist Operateur im Filmpodium. «Zum richtigen Künstler hat es eben nicht gereicht.»

Dank des Kunstmäzens

Irgendwann begann Hagen, sich auch über die Geschichte des Ortes Gedanken zu machen. In Antiquariaten im In- und Ausland fragte er nach Dokumenten über die Rote Fabrik nach. Seither ist er deren Archivar.

Aus einem Ordner zückt er ein Plastikmäppchen mit einer Originalrechnung der Seidenfabrik von Gustav Henneberg. «Allein dieser imposante Briefkopf sagt schon viel über den Mann aus, dem wir den schönen Bau zu verdanken haben.»

Bildstrecke: So begann alles mit der Roten Fabrik

Die Flugaufnahme von Ballonfahrer Spelterini zeigt den Bau mit dem Kamin und den Sheddächern im Jahr 1920.
Die Flugaufnahme von Ballonfahrer Spelterini zeigt den Bau mit dem Kamin und den Sheddächern im Jahr 1920.
Dominique Meienberg/Sammlung Hans X. Hagen
Hans X. Hagen sammelt in seinem Atelier in der Roten Fabrik alles über die Rote Fabrik – und einiges andere.
Hans X. Hagen sammelt in seinem Atelier in der Roten Fabrik alles über die Rote Fabrik – und einiges andere.
Dominique Meienberg
Hagens kostbarstes Stück ist ein Protokollbuch der Arbeiterkommission aus der Zeit, als das Fabrikareal der Horgner Firma Stünzi und Söhne gehörte.
Hagens kostbarstes Stück ist ein Protokollbuch der Arbeiterkommission aus der Zeit, als das Fabrikareal der Horgner Firma Stünzi und Söhne gehörte.
Dominique Meienberg
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Henneberg war um 1880 ein angesehener Seidenfabrikant in Zürich. An der Bahnhofstrasse verkaufte er Satin, Damaste, Brokate und Sammet. Auf dem neu aufgeschütteten Land an der Seestrasse liess er sich zwischen 1892 bis 1895 von Architekt Arnold Séquin eine mechanische Seidenstoffweberei bauen. Die markanten Sheddächer von damals sind mehrheitlich erhalten geblieben, der turmartige Aufbau rechts des Haupteingangs indes nicht. «Eigentlich war er Kunstmäzen», sagt Hagen. 1899 verkaufte Henneberg deswegen die Fabrik. In seiner palastartigen Villa mit einem Bacchus-Fries am Alpenquai richtete er eine Galerie mit Weltruf ein, darunter waren Werke von Ferdinand Hodler. Besagter Fries ziert heute die Seeuferpromenade in Riesbach.

«Von der Zeit danach stammt das Kostbarste in meiner Sammlung. Einen Moment», sagt Hans X. Hagen, verschwindet hinter einem Regal. Noch finde er alles Gesuchte. Manchmal, räumt er ein, brauche er jedoch zwei Anläufe.

Die Originalrechnung der Seidenweberei Henneberg hat Hans X. Hagen auf Ricardo erworben.
Die Originalrechnung der Seidenweberei Henneberg hat Hans X. Hagen auf Ricardo erworben.

Nun liegt das Protokollbuch der Arbeiterkommission der Firma Stünzi Sohne, 1907 von Hand geschrieben, vor ihm. Die Seidenweberei aus Horgen hatte das Areal übernommen. «Bei der Lektüre habe ich viel über die Textilproduktion gelernt.» Dass die Kunstfaserfäden die Firma ins Verderben gestürzt hätten etwa und dass der Zusammenhalt in der Arbeiterschaft gross gewesen sei. So sammelte sie für eine benachteiligte Familie Kartoffeln. Hagen blättert weiter, will die alte Schrift zu entziffern – scheitert. «Ich könnte mich Stunden darin vertiefen», sagt er. Deshalb suche er jemanden für eine Abschrift.

Aus dieser Zeit stammt auch die farbige Lithografie der Fabrik. Nur wer sie angefertigt hat, hat Hagen noch nicht herausgefunden.

«Mein Sammeln hat doch etwas Gutes, wenn es auch andere interessiert.»

Hans X. Hagen

Wieder geht Hagen zu einem Gestell und streift dabei mit der Hand über einen Gegenstand an der Wand. «Der Pausengong der Standard Telephon und Radio AG», ruft er. Ihr gehörte das Areal nach dem Niedergang der Seidenindustrie 1942 bis zum Erwerb der Stadt. Auch Schauspieler Walter Roderer sei da an der Relaisstation gesessen.

Heute dokumentiert Hagen das Areal selber. Der Fotoapparat hängt stets an seinem Gurt. Am liebsten fotografiert er vom Kamin aus. Lange hatte sich Hagen gefragt, ob das Archiv überhaupt Sinn macht. Dann kontaktierte ihn eine Frau, die über Wollishofen ein Buch schreiben will, Studenten und Schulklassen fragten nach Informationen. Hagen sagt: «Mein Sammeln hat doch etwas Gutes, wenn es auch andere interessiert.»

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«Eltern gingen weinend heim»

Der SP-Politiker Beat ­Locher aus Wollishofen war einer der treibenden Kräfte hinter den Anfängen des Kulturzentrums und erinnert sich.

«Es war damals wie heute mit den Klimaaktivisten: Erst als die Jungen auf die Strasse gingen, fanden unsere politischen Forderungen Gehör.

Ich war Anfang der 1970er-Jahre nach Wollishofen gezogen. Zürich kam mir vor wie eine Greisenstadt ohne Quartierleben. Als die Stadt 1972 die Rote Fabrik für eine breitere Strasse abreissen wollte, sammelten wir Unterschriften für eine Volksinitiative zum Erhalt der Anlage für ein öffentliches Kultur- und Freizeitzentrum. 1977 stimmte die Bevölkerung dem Anliegen zu, unsere Forderung war also demokratisch legitimiert. In der Folge fanden in der Fabrik aber nur wenige Kulturveranstaltungen statt. Die Stadt hielt sich nicht an den Auftrag bezüglich kultureller Nutzung. Sie vermietete Räume ans Opernhaus und an Gewerbetreibende. Deshalb gründeten wir Anfang 1980 die Interessengemeinschaft Rote Fabrik (IGRF).

Das Klima unter den Jugendlichen in der Stadt war damals sehr aufgeladen. Sie lechzten nach Freiräumen. Im Frühjahr 1980 veranstalteten Jugendliche in der Aktionshalle Rockkonzerte. Der damalige Stadtpräsident Sigi Widmer (LdU) zeigte wenig psychologisches Gespür, sagte gar, Rockmusik sei keine ­Kultur. Er beantragte der Stadt 60 Millionen für die Renovation des Opernhauses und lehnte ein autonomes Jugendzentrum ab. Während des Umbaus sollte die Rote Fabrik als Kulissenlager und Proberaum dienen. Vor der Abstimmung über den Umbau forderte die IGRF deshalb öffentlich die Teilinbetriebnahme der Roten Fabrik. Als Ende Mai 1980 für den Opernhauskredit geworben wurde, kam es zu den «Opernhauskrawallen». Zwei Tage nach den ersten Unruhen lud Stadtpräsident Widmer die IGRF zu Verhandlungen ein.

Im Oktober 1980 eroberten die Jugendlichen die Rote Fabrik mit einem für mich unvergesslichen Eröffnungsfest. Tausende kamen und verhalfen der Roten Fabrik mit Farbe zu einem neuen «Aussehen». Endlich konnten sie ihrem Frust freien Lauf lassen. Dabei wurde auch der Fundus des Opernhauses geplündert. Wir hatten grosses Glück, dass es am Fest zu keinen Unfällen kam. Viele Jugendliche haben die Nacht in der Roten Fabrik verbracht. Am Sonntag fuhren die Eltern mit dem Mercedes vor und wollten ihre Kinder abholen. Diese verweigerten ihnen den Zutritt, sagten, dass sie alles Materielle bekommen hatten, aber wenig Liebe und Zuwendung erfahren durften. Die Eltern gingen ohne Kinder weinend heim. Diese Erlebnisse haben mir öfters schlaflose Nächte bereitet. Heute bin ich mir sicher, dass die Rote Fabrik dank der Jugendbewegung eine Existenzberechtigung bekommen hat.»

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