Berührender Abschied im Grossmünster von Ernst Sieber

Zürich sagte Adieu zum berühmtesten Pfarrer der Stadt. Heitere Zwischenrufe inklusive.

Das Grossmünster war bei der Abdankungsfeier für Ernst Sieber bis auf den letzten Platz besetzt.
Video: SDA-Key

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«Wir weinen zum Himmel, weil wir loslassen müssen», begann Pfarrer Christoph Sigrist seine Predigt bei der Ab­dankungsfeier für den Zürcher Pfarrer Ernst Sieber. Kaum hatte Sigrist zu sprechen begonnen, schrie einer von Siebers Schützlingen: «Let’s Rock ’n’ Roll!» Sieber, Pfarrer der Aussenseiter, der Obdachlosen und Randständigen, der psychisch Kranken, Drogenabhängigen und Aidskranken, hätte seine helle Freude daran gehabt. Auch daran, dass sein «Sünneli», seine Frau Sonja, wegen des Verkehrs zu spät zur Abdankung kam. Seine Sonja, ohne die er nicht der hätte sein können, der er war. Pfarrer Sigrist sagte nach dem Gottesdienst: «Es war Sieber-like.» Denn dieser Ausnahmemensch kümmerte sich nie darum, was andere über ihn sagten oder dachten, Hauptsache, sein Gegenüber hatte ein Stück Brot, wenn es hungrig war.

«Ich freue mich aufs Ende», hatte er vor ein paar Jahren dem «Tages-Anzeiger» gesagt. Er wisse zwar auch nicht, was nachher sein werde, doch er wolle parat sein, wenn der Herrgott ihn hole. Am Pfingstsamstag hat er ihn zu sich ­gerufen. Über tausend Leute, Familie, Freunde, Schützlinge und die hohe ­Politik sind gestern zur Abdankungsfeier im Grossmünster erschienen, um von dem Mann Abschied zu nehmen, der sein Leben in den Dienst der Ärmsten stellte. Dessen Markenzeichen Demut war, der sein Herz den Benachteiligten schenkte, sie in die Arme nahm und für sie da war.

Die einen Trauergäste waren schön gekleidet, trugen Schwarz und Krawatte, andere kamen, wie sie waren, in Jeans und T-Shirt. Auch das hätte Pfarrer Sieber gefallen, denn obwohl er nicht ganz frei von Eitelkeit war, Kleider spielten in seinem Leben keine Rolle. Ausser seinen Markenzeichen, Schlapphut und Schal.

«Ich wett hei», hat er gesagt

Vor dem Grossmünster stand ein Tisch, an dem jeder seine Gedanken über den Verstorbenen niederschreiben konnte. Die losen Blätter werden später zu einem Kondolenzbuch gebunden. Der Gottesdienst begann mit Orgelklängen. Vorn bei der Kanzel sassen die Vertreter der Regierung, Stadträtin Corine Mauch (SP), Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) und Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP). Auf der anderen Seite die Trauerfamilie, in ihrer Mitte Pfarrer Siebers Frau Sonja.

Pfarrer Sigrist sprach von einer der letzten Begegnungen mit Sieber im Spital. Seine Augen hätten die seinen getroffen, lang und tief hätten sie sich angeschaut. Er, der unendlich viele Male an einem Bett stand, wo gestorben wurde, lag jetzt selbst im Bett. «Ich wett hei», habe Sieber gesagt und mit der Hand nach oben gezeigt.

Zwischen den Worten von Pfarrer Sigrist sprach auch Siebers Göttibub und Neffe, Christian Landis. Er beschrieb den über Zürich hinaus bekannten Pfarrer als nachdenklichen, besonnenen Mann. Er sehe ihn noch vor sich, wie er mit seinem Deux-Chevaux in den Ybrig kam, wo er einen Schopf besass. Bereits flitzte am Boden der Asphalt vorbei, so gross war das Loch im Wagenboden. Sieber sei der Grund, weshalb er Theologie studiert habe, sagte Landis. Etwas habe ihn sein Leben lang begleitet, Siebers lebendige Augen, die jetzt für immer geschlossen seien. «Halleluja», rief jemand.

Auch die Erinnerungen des Journalisten Markus Gilli sind tief verwurzelt. Vierzig Jahre lang hatte er ihn medial ­begleitet. Er erinnert sich an den Platzspitz, an das Elend, und mittendrin ­morgens um zwei Uhr Pfarrer Sieber, der Menschen stützte, ihnen Obdach bot. Er erinnert sich an die Jugendunruhen, als es auf der Quaibrücke zu einer gefährlichen Eskalation zwischen der Polizei und den Demonstranten kam.

Am Grossmünster gedenken Passanten und Politiker dem berühmten Geistlichen. Video: Tamedia

Da habe Pfarrer Sieber sich mit einem Esel zwischen die Fronten gestellt und gerufen: «Zuelose statt schlegle!» Sieber sei die echte Kommunikation in die Wiege gelegt worden, nicht aufs Handy. Schmunzelnd erinnert sich Gilli an einen Auftritt Pfarrer Siebers im «TeleZüri Talk». Da kam er nicht mit der Bibel und dem Kreuz, sondern mit zwei Geissen. «Flöckli», seine Lieblingsgeiss, hatte sich schon im Lift versäubert, und vor lauter Nervosität frass sie auch noch den Studiovorhang an. «Es ging bei uns zu wie auf der Arche Noah», sagte Gilli. Und Pfarrer Sieber hatte seine helle Freude an diesem Chaos.

Mit Humor dem Elend getrotzt

Siebers Frau Sonja sang mit zwei Töchtern, Ilona und Jasmin, das Lied «Swing Low» und erntete tosenden Applaus. Ein Streichquintett spielte «Andante Cantabile» von Peter Tschaikowsky und «Crisantemi» von Giacomo Puccini.

Auch die Stadtpräsidentin hatte nur bewundernde Worte für den Verstorbenen. «Sein Wirken war für Zürich ein Segen», sagte Corine Mauch. «Seine Menschenliebe hat jeder sofort gespürt.» Sie schloss ihre Rede mit den Worten: «Ich bin traurig, dass ich Ernst in diesem Leben nicht mehr treffen kann.»

Der Obdachlosen-Pfarrer nutzte das Fernsehen geschickt für seine Botschaften. Video: Tamedia

Regierungsrätin Jacqueline Fehr würdigte den Verstorbenen als humorvollen, heiteren Menschen, trotz des Elends und der Not, die er in seinem Leben gesehen habe. Nicht die Schatten hätten sein ­Leben geprägt, sondern das Licht. Er habe vorgelebt, wie man die Menschen in die Arme nimmt, Brücken geschlagen zwischen Kirche und Politik, aber auch Grenzen markiert, die wir nicht überschreiten dürften. Fehr erinnert an Siebers Worte im Nationalrat: «Manchmal braucht es Ungehorsam, um im Leben weiterzukommen.»

Zum Schluss der Abdankungsfeier gab Sänger und Schauspieler Christian Jott Jenny «Mis Dach isch de Himmel vo Züri», ein Lieblingslied des Verstorbenen, zum Besten. Der Applaus war überwältigend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2018, 06:32 Uhr

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