Er vergleicht Kirchengeläut mit hupenden LKWs – nun will er Ruhe

Briefe und Gespräche haben nichts genützt. Jetzt wird ein Zürcher politisch aktiv. Er fordert: Kirchen müssen sich in der Stadt an die Nachtruhe halten.

Das Kirchengeläut, das kennt er: Daniel Derron wehrt sich gegen die lauten Glockenschläge. Foto: Andrea Zahler

Das Kirchengeläut, das kennt er: Daniel Derron wehrt sich gegen die lauten Glockenschläge. Foto: Andrea Zahler

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Daniel Derron begreift nicht, warum Kirchen und ihre Glockengeläut eine Sonderbehandlung erfahren. «Die Stadt Zürich unternimmt so viel gegen Lärm: Tempo 30, Nachtfahrverbote, leise Strassenbeläge, teure Autobahneinhausungen, Einschränkungen für Gartenwirtschaften, sogar die Radkappen der Busse deckt sie deswegen ab. Doch Kirchenglocken dürfen 24 Stunden am Tag scheppern.» Für ihn ist es eine grosse Ungerechtigkeit, dass sich die Kirche dermassen über das Gesetz stellen kann.

Wo Derron wohnt, liegen nur 50 bis 100 Meter entfernt gleich zwei Kirchen: die Reformierte Kirche Friesenberg und die Katholische Kirche St. Theresia. Dreimal am Tag würden die Glocken jeweils für fünf Minuten läuten. Und jede Stunde und jede Viertelstunde nochmals schlagen. Eigentlich sollten diese Schläge die Zeit angeben. «Die beiden Kirchen lassen ihre Glocken gleichzeitig läuten, sie schlagen gegeneinander an.» Darum sei mitzählen auf dem Friesenberg gar nicht möglich. Der Sinn und Zweck der Glockenschläge sei so nicht mehr gegeben.

«Ich wurde belächelt»

Gegen das Glockengeläut in der Nacht hat Derron schon einiges unternommen. Er hat den Kirchgemeinden E-Mails geschrieben und das Gespräch mit den Kirchen gesucht. «Ich wurde belächelt. Sie meinten nur: ‹Wieder einer, der neben eine Kirche zieht und das Gefühl hat, die Kirche stört ihn.›» Er hat mit städtischen Stellen telefoniert, Hilfe gesucht bei der umstrittenen Organisation IG Stiller, eine Lärmklage eingereicht.

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Tatsächlich ist Derron erst vor zwei Jahren in seine Wohnung in der Nähe der Kirchtürme gezogen. Doch das sei nicht der Punkt. «Bei den unzähligen Kirchen in der Stadt sind viele Menschen vom Glockenlärm betroffen.» Doch noch immer werde das Glockengeläut als Kulturgut und nicht als Lärm deklariert. «Wenn täglich alle 15 Minuten ein hupender Lastwagen durch ein Quartier donnern würde, würde sofort reagiert.»

Die Glocken der Katholischen Kirche Friesenberg schlagen alle 15 Minuten. Bild: Doris Fanconi

Nun hat Derron beschlossen, erstmals in seinem Leben den politischen Weg einzuschlagen. Er hat beim Büro des Gemeinderats eine Einzelinitiative eingereicht. Darin fordert er, dass für alle die gleichen Regeln gelten sollen. «Das heisst auch die Kirchen sollen sich in der Stadt Zürich strikt an die Nachtruhe und Lärmverordnungen halten müssen!»

Innerhalb von sechs Monaten muss der Gemeinderat nun über den Vorstoss befinden. Erhält er mindestens 42 Stimmen, wird die Initiative dem Stadtrat überwiesen, der sie wiederum innerhalb von sechs Monaten überprüfen und einen Antrag an den Gemeinderat stellen muss. Nimmt die Einzelinitiative schliesslich alle Hürden, müssen die Zürcherinnen und Zürcher an der Urne darüber abstimmen.

Die Chancen, dass es dazu kommt, hält Derron selbst für klein. Er kennt die Bundesgerichtsurteile aus anderen Fällen, die sich für die Kirche ausgesprochen haben. Das neuste ist nicht einmal zwei Jahre alt und bewilligt der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Wädenswil, die Glocken weiterhin alle 15 Minuten schlagen zu lassen. Das Verwaltungsgericht hatte ihr ein Verbot zwischen 22 Uhr und 7 Uhr auferlegt. Die Bundesrichter meinten, dass die Zahl der Aufwachreaktionen nicht nennenswert zurückgehe, wenn die Glocken nicht mehr viertelstündlich schlagen würden. Der Gerichtsfall sorgte national für Schlagzeilen und Diskussionen. Trotzdem wehrt sich Derron weiter.

Wipkingens Glocken schweigen nachts

Wäre Derron nach Wipkingen gezogen, hätte er kein Problem mit dem nächtlichen Geläut. Die katholische Kirche lässt ihre Glocken seit Anfang dieses Jahres in der Nacht ruhen. Sie folgt damit den Empfehlungen des Generalvikariats und des Stadtverbandes der römisch-katholischen Kirche. «Die Kirchgemeinde Guthirt möchte mit der Umstellung des Glockenschlages einen Beitrag zur Förderung der Nachtruhe in Wipkingen leisten; einem Stadtteil, der seit Jahrzehnten unter den Emissionen des Durchgangsverkehrs leidet», schreibt die Kirchenpflege in einer Mitteilung. Auch die Glocken der reformierten Kirche schlagen nicht mehr.

Erstellt: 25.09.2019, 10:55 Uhr

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