Selbst der Metallica-­Drummer kommt zu seinem Punk-WEF

Fabian Hediger organisiert das Worldwebforum, die wichtigste Digitalkonferenz der Schweiz.

Wie wird die Zukunft? ­Fabian Hediger mit Modell der Zeitmaschine aus «Back to the Future». Foto: Raisa Durandi

Wie wird die Zukunft? ­Fabian Hediger mit Modell der Zeitmaschine aus «Back to the Future». Foto: Raisa Durandi

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Er tippt mit dem Finger auf das Modellauto auf der Tischplatte: «Ja, das ist der ­DeLorean aus ‹Back to the Future›.» Die Zeitmaschine aus dem Hollywoodfilm steht im Kleinformat nicht nur auf dem Sitzungstisch von Fabian Hedigers Firma Beecom an der Aargauerstrasse in Zürich, sondern prangt hundertfach golden auf der schwarzen Tapete hinter ihm. Den 1985 erschienenen Kultstreifen hat er als 14-Jähriger das erste Mal gesehen – und war gefesselt. Die Zukunft, wie sie vor 35 Jahren dargestellt wurde, ist so nie eingetroffen. Und wirkt heute veraltet. Teil­weise gar lächerlich.

Für Hediger ist das Modellauto ein Symbol, das zeigt, wie heikel es ist, die Zukunft vorauszusagen. Doch genau dieses Ziel hat er mit dem Worldwebforum, das er mit seiner Firma heute und morgen im Stage One in Oerlikon zum achten Mal durchführt. 2000 Franken bezahlen die 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die beiden Tage, um namhaften Referenten zuzu­hören oder an Workshops der grössten und wichtigsten Digitalkonferenz der Schweiz teilzunehmen. Und das nur ein paar Tage bevor sich die allermächtigsten Männer der Welt am WEF in Davos treffen.

Politiker und Rockstars

Angereist für Hedigers diesjähriges Forum sind unter vielen anderen der deutsche Politiker Joschka Fischer, die Whistleblowerin Brittany Kaiser von Cambridge Analytica; auftreten wird auch der ehemalige Fifa-Chef Sepp Blatter. Und schliesslich ist wie jedes Jahr ein Rockstar vor Ort, dieses Jahr Metallica-­Drummer Lars Ulrich.

Ein Google-Manager hat das Worldwebforum, das zum achten Mal stattfindet, als die Punk-Version des WEF in Davos bezeichnet. Auch die Titel tönen nach schnellen, harten Rocksongs: «Wanted: Leader» in diesem Jahr, «Master or Servant» im Jahr davor. Die Aussage des Google-­Mannes schmeichelt Hediger zwar, das spürt man im Gespräch. Er ist ein Freund von lauter Musik und Ideen, die starre Strukturen aufbrechen. Doch der Vergleich mit Davos ist ihm nicht geheuer. Er ist nicht auf einer politischen Mission. Die Frage, die sein Forum beantworten soll, ist eine andere: «Wie muss ich ein Unternehmen heute führen, damit es morgen auch noch erfolgreich ist?»

Das Rezept dazu habe er selber nicht, sagt er. Und wenn es Lösungen gebe, die im Silicon Valley funktionierten, heisse das nicht, dass sie auf die Schweiz übertragen werden könnten. «Generell gilt aber: Ein Unternehmen muss eine Technologie sehr gut beherrschen und sehr schnell sein. Über diese Technologie muss sich das Unternehmen ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten. Und dann muss sie, um in hohem Masse erfolgreich zu werden, international tätig sein», sagt Hediger.

Der erste Partner ist heute 30 Milliarden wert

Dass die Technologie für Hediger selber dabei im Digitalen liegt, versteht sich von selbst, wenn man seine Geschichte anschaut. Mit zwei Mitstudenten der Uni St. Gallen gründete er im Jahr 2000 die Firma Beecom, die er heute noch leitet und die Software-Lösungen für Unternehmen anbietet. Sie ist eigenfinanziert, Gewinne investiert Beecom in die Weiterentwicklung. Und innerhalb der Firma gilt ein gemeinsames Motto: «Teams be­fähigen, mit radikalen Veränderungen erfolgreich zu sein».

Radikal ist auch der Zeitpunkt der Unternehmensgründung: Es war das Jahr, in dem die Dotcom-Blase platzte. «Wir sagten uns, dass sich mit dem Internet für uns ein Feld öffnet, auf dem wir enorm viel entwickeln können. Genau das ist passiert.» Es folgte etwa die erste Partnerschaft mit dem kleinen Unternehmen Atlassian, das heute 30 Milliarden Franken Wert hat.

Hediger selber ist nicht Software-Entwickler. «Ich verstehe aber, wie diese Typen funktionieren und was sie brauchen, damit sie Freude an der Arbeit haben.» So vermittelt er zwischen den Nerds, die sich hinter dem Computer verkriechen, und den Kunden, die Ansprüche stellen.

Diese Rolle spielt Hediger auch beim Worldwebforum. Er lernt Leute kennen, spricht mit ihnen und pflegt die Kontakte. «So kommen wir an unsere Referenten. Einer kennt den einen, ein anderer den anderen.»

Der Drucker auf dem Mond

Beim Fototermin ist Hediger locker. Er plaudert über seine Familie, mit der er in Weiningen lebt, und den Film, erzählt von Burning Man. Am neuntägigen Festival mitten in einer ­Wüste im US-Bundesstaat Nevada hat er teilgenommen. 75'000 Menschen schleppen ­alles für das Happening an: vom Wasser über Esswaren und Zelte bis hin zu futuristischen Verkleidungen und skurrilen Fahrzeugen. Und lassen schliesslich nichts in der Wüste zurück.

Beim Erzählen entwickelt ­Hediger seine Gedanken weiter. Sie schweifen in die Zukunft, in den Weltraum – einer Gegend, so unwirtlich wie die Wüste in Nevada. Und er macht den Link zum Forum. Unter den Referenten ist Jordan Noone mit seinem Start-up Relativity. Dieser hat den grössten 3-D-Drucker der Welt entwickelt, mit dem könne er Raketen samt Triebwerk drucken. «Damit könnte man auf einer ­Basis auf dem Mond Raketen herstellen, um weiter auf den Mars zu fliegen.»

Erstellt: 15.01.2020, 22:14 Uhr

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