Der Schoggi-König kämpft gegen Abtreibung und Homosexuelle

Jürg Läderach ist einer der bekanntesten Moralapostel der Schweiz. Mit langem Atem engagiert er sich gegen Pornos, Harry Potter und für «christliche» Werte.

«Marsch für s'Läbe» im September 2012 in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

«Marsch für s'Läbe» im September 2012 in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

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Die frommen Abtreibungsgegner haben sich durchgesetzt. Am nächsten Samstag zieht der «Marsch fürs Läbe» durch Zürich, um gegen das «systematische Eliminieren von behindertem Leben» zu demonstrieren. Prominentestes Mitglied im Vorstand des Vereins ist Jürg Läder­ach, Inhaber und Verwaltungsratspräsident der Läderach AG. Der Schokoladefabrikant präsidiert auch die in Zürich domizilierte Handelskammer Deutschland-Schweiz. Beim Verein «Marsch fürs Läbe» ist er Kassier, sein ­Kadermann Walter Mannhart, Leiter Einkauf bei Läderach, ist Aktuar. Die zwei sind ein eingespieltes evangelikales Gespann gegen den Moralzerfall.

Warum engagiert sich Läder­ach als Lebensschützer? Wird er am Samstag in Zürich auch demonstrieren, wo er besonders viele Filialen hat? Der Themenkreis betreffe das private und persönliche Engagement einzelner Mitglieder der Familie Läder­ach und werde durch das Unternehmen nicht kommentiert, mailt Elyne Hager, Leiterin Kommunikation der Läderach AG, auf Anfrage. «Für private Fragen steht Herr Jürg Läderach nicht zur Verfügung.» Private Fragen? Der «Marsch fürs Läbe» versteht sich als Kundgebung samt Bekenntnismarsch, ist also per se öffentlich.

Gegen «Jesus Christ Superstar»

Jürg Läderach moralisiert mit langem Atem. Seit 25 Jahren kämpft er gegen den «moralischen Niedergang weltweit» und für die «Erhaltung christlicher Werte in Politik und Gesellschaft». So das Ziel der Organisation «Christians for Truth» (CFT), die er seit 1994 präsidiert.

Der Verein, der sich seit kurzem «Christianity for Today» nennt, hat den «Marsch fürs Läbe» mitbegründet. Läderach vertritt dort zusammen mit Mannhart den Verein CFT, der gegen assistierten Suizid, vor- und ausserehelichen Verkehr, Pornografie oder «Harry Potter» Stellung bezieht.

Häufig unterzeichnen die beiden Schreiben gemeinsam, etwa an die Kiosk-AG, die doch bitte ihre Verkaufsstellen familienfreundlich, also pornofrei, gestalten soll. CFT ruft auch zu Kundgebungen gegen Erotikmessen, Männerstrips und das Musical «Jesus Christ Superstar» auf oder fordert auf Schulebene mehr Einfluss der Kreationisten.

Engagement weniger offen

Neben Abtreibung ist Homosexualität das zentrale Thema von CFT. Schon 2005 schrieben Läderach und Mannhart an Bundesrat Blocher: «Mit grosser ­Besorgnis und Betroffenheit erleben wir, wie gleichgeschlechtliche Paare einen anerkannten Status erhalten sollen . . . Dass Sie als Vertreter der Landesregierung diese starke Lobby in der Arena mit Ihrem Ja zum Partnerschaftsgesetz unterstützen werden, schwächt das Vertrauen in den Bundesrat, der seine Auf­gabe als Führer unseres Volkes in der Verantwortung vor Gott und seinen Ordnungen wahrnehmen sollte.»

Der erfolgreiche Schokoladenproduzent, der aktuell 850 Mitarbeitende beschäftigt und gemäss «Bilanz» einen Umsatz von 125 Millionen Franken macht, hält heute mit unverblümten ­Moralappellen zurück. Spricht der Confiserie-Unternehmer öffentlich über den Glauben, dann gerne als christlicher Patron, der seiner «Chocolate Family» Werte wie Liebe und Menschlichkeit ans Herz lege. Im Zürcher Programm des «Marschs fürs Läbe» erscheint Läderach nicht als Redner. Bilder wie das von 1996, das ihn als Sprecher konservativer Christen auf der Rütliwiese zeigt, gibt es heute kaum mehr.

Wie der Vater so der Sohn

Im vierteljährlich erscheinenden Bulletin von CFT lässt Läderach darum lieber andere gegen den Verfall der Moral anschreiben, Walter Mannhart etwa oder seinen ältesten Sohn, Johannes Läderach, der letztes Jahr seinen Vater als CEO der Läderach AG abgelöst hat.

Der 33-jährige Jungunternehmer stellte sich etwa hinter den SVP-Politiker und OK-Präsidenten des «Marschs fürs Läbe» Daniel Regli, als dieser 2017 im Zürcher Gemeinderat einen Eklat provozierte. Regli sagte, promiske Homosexuelle zwischen 30 und 40 würden sich das Leben nehmen, weil «der Analmuskel nicht mehr hält, was er verspricht». Die Empörung ging weit über das Zürcher Rathaus und die Fraktionen hinaus.

Johannes Läderach indes, wie sein Vater im Vorstand von CFT, zeigte sich in dessen Bulletin ­erstaunt, weshalb kein einziger Politiker und kein einziges Medium auf die Frage eingegangen sei, ob es ein solches medizinisches Problem tatsächlich gebe. Kein Arzt sei interviewt und keine Statistik zu Selbstmordraten sei überprüft worden.

Fragen zum Firmengewinn

Stattdessen habe man nur auf den Mann gespielt und Reglis Thesen abstrus, menschenverachtend genannt. Der Politiker könne von Glück reden, zitiert Läderach die Kritiker, dass sich die Rassismus-Strafnorm nicht auf Homosexuelle beziehe, sonst müsste er mit einer Anzeige rechnen. Folgerichtig debattierte Johannes Läderach an der CFT-Jahreskonferenz 2018 zusammen mit dem Churer Bistumssprecher Giuseppe Gracia über «Meinungsfreiheit – eine Illusion?».

Die Läderach AG, ein nicht börsenkotierter Familienbetrieb, muss seine Zahlen nicht offenlegen. Wie andere Familienunternehmer verwende man den Gewinn auch für Tätigkeiten, die aus Sicht der Familie wichtig seien, zitiert die Zeitschrift «Idea Schweiz» Johannes Läderach. «Wir unterstützen auch Projekte im christlich-sozialen Bereich.» Also auch den «Marsch fürs Läbe»?

Die Aussage von Johannes Läderach sei missverständlich, korrigiert ihn die eigene Kommunikationsbeauftragte Hager: Die Firma Läderach investiere «in keiner Weise in christlich-soziale Projekte». Sie fördere vielmehr in ihrem direkten Einflussgebiet Aktivitäten zugunsten einer nachhaltigen Geschäftstätigkeit – etwa in der Kakaobeschaffung, Energieeffizienz oder Waste Management. Richtig und öffentlich bekannt sei, «dass sich einzelne Familienmitglieder für christlich-soziale Projekte oder Forschungstätigkeiten im Gesundheitsbereich engagieren».

Im Gesundheitsbereich? Nicht vielmehr im Bereich Lebensschutz? Läderachs «Christians for Truth» hatten massgeblich die Initiative für Mutter und Kind unterstützt, welche Abtreibungen grundsätzlich und selbst bei Vergewaltigungsopfern verbieten wollte. Sie wurde am 2. Juni 2002 vom Volk massiv verworfen. Im Initiativkomitee sassen mehrere Mitglieder des Missionswerks KwaSizabantu, der Mutterorganisation von CFT.

Eigene Freikirche

Das Missionswerk war vom deutschstämmigen Südafrikaner Erlo Stegen gegründet worden, der sich als Gesandter Gottes sieht. Der von Südafrika aus weltweit missionierende Prediger ist mit der Familie Läderach und dem Schweizer Zweig von KwaSizabantu verbunden. Domiziliert ist das Missionswerk im Hof Oberkirch im sanktgallischen Kaltbrunn. Jürg Läderach präsidiert die Hof Oberkirch AG, zu der auch die christliche Privatschule Domino Servite gehört. Seine Kinder haben diese Schule besucht, seine Frau ist dort Lehrerin.

Zurzeit ist dort viel in Bewegung: Gerade haben sich die Organisationen auf Hof Oberkirch eine Imagekorrektur samt Namensänderung verpasst. Die Privatschule Domino Servite heisst jetzt Christliche Schule Linth. Sie bezweckt nach wie vor, «die Kinder und Jugendlichen zur Ehrfurcht vor dem dreieinigen Gott und zu lebenstüchtigen, reifen Menschen zu erziehen». Das Missionswerk KwaSizabantu wurde in «Evangelische Gemeinde Hof Oberkirch» umbenannt. Sie soll etwa 200 Mitglieder haben und ist gemäss dem Religions- und Sektenexperten Georg Otto Schmid eine «evangelikale Gemeinde am konservativen Rand der Freikirchenszene».

Erstellt: 12.09.2019, 06:14 Uhr

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Schokolade-Fabrikant Jürg Läderach. Foto: Sogl

Demonstrationsroute bleibt aus Sicherheitsgründen geheim

Diese Gruppen sollten sich lieber nicht begegnen: Am Samstag findet in Zürich zum ersten Mal seit Jahren ein «Marsch fürs Läbe» von christlichen Abtreibungsgegnerinnen und -gegnern statt. Der Marsch wird jedes Jahr am Samstag vor dem Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag angesetzt. «Wir haben viel Grund zum Danken und Beten», sagt Pressesprecherin Gall. «Vor allem für das Leben.»

Unter dem Motto «Vowäge fürs Läbe» haben linke Kreise zeitgleich zur Gegendemonstration aufgerufen. Die Stadtpolizei Zürich bewilligte ein entsprechendes Demonstrationsgesuch der Juso. Die Gegendemonstration soll um 14 Uhr am Helvetiaplatz im Kreis 4 starten. Die ­Abtreibungsgegner treffen sich zeitgleich am Turbinenplatz im Kreis 5.

Welche Route die Abtreibungsgegner nehmen, will das Sicherheitsdepartement aus Sicherheitsgründen nicht bekannt geben. Letztes Jahr in Bern demonstrierten rund 1500 am «Marsch fürs Läbe» auf dem Bundesplatz. Es kam zu einer unbewilligten Gegendemonstration mit rund 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Der Bundesplatz musste vollständig durch Absperrgitter gesichert werden.

Der Zürcher Stadtrat wollte zunächst aus Sicherheitsgründen ebenfalls nur eine Platzdemonstration bewilligen – und wurde vom Statthalter zurückgepfiffen. Er hiess eine Beschwerde der Organisatoren gut und bewilligte einen Umzug, wogegen der Stadtrat wiederum Beschwerde einreichte. Am Samstag sollen nun trotzdem beide Demonstrationen parallel stattfinden. (rar)

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