Er will von Zürich aus den Freistaat Bayern ändern

Michael Lindner hat in München eine Klage eingereicht. Sein Ziel: Er möchte als Ausland-Bayer für ein politisches Amt kandidieren.

Will als Bayer in Zürich «etwas Grosses schaffen»: Michael Lindner. Foto: Sabina Bobst

Will als Bayer in Zürich «etwas Grosses schaffen»: Michael Lindner. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Heimatgefühle wollen nicht aufkommen. Hinter der Theke redet die Türkin, der Mann davor, das Kind bei der Tür: laut, unverständlich, anders. «Migration betrifft auch jene, die auswandern», sagt Michael Lindner (34) am Tisch vor seinem Kamillentee. Auswandern, so wie er es einst selbst tat. Er kommt oft in die türkische Bäckerei am Berninaplatz in Oerlikon, lebt um die Ecke, seine Heimat aber ist Volkach in Bayern. Zu provinziell sei der Ort gewesen, den er vor 14 Jahren zuerst für Potsdam, dann für Zürich verliess. Es war ihm zu eng. Das unterscheidet ihn kaum von anderen, die in der Ferne ihr Glück suchen. Ausser in einem Punkt: Die Ferne brachte ihm seine Heimat näher und ihn dazu, eine Klage, 48 Seiten, beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof in München einzureichen.

Von der direkten Demokratie in der Schweiz inspiriert, las er vor drei Jahren die bayerische Verfassung und realisierte, dass er als Ausland-Bayer zwar den Deutschen Bundestag, nicht aber den Bayerischen Landtag wählen und vor allem nicht für ein politisches Amt in Bayern kandidieren darf. Doch genau das würde ihn interessieren: Bei den Landtagswahlen 2018 will er sich, seit 15 Jahren SPD-Mitglied, vielleicht für die Liste der Sozialdemokraten aufstellen lassen. «Seit 40 Jahren versucht es die Partei mit Kandidaten vor Ort. Vielleicht wäre es doch besser, den Blick nach aussen zu richten», sagt er. Doch für beide Wahlrechte müsste er in Bayern wohnen, mindestens drei Monate. Das diskriminiere ihn und andere, die ausserhalb von Bayern leben. Michael Lindner will das nicht so hinnehmen. «Ich habe in der Schweiz einen anderen Blick und ein anderes Selbstverständnis bekommen», sagt er.

Vier Stunden pendeln

In Zürich lebt er seit elf Jahren und hat erfahren, wie eigenständig Gemeinden und Menschen in der Schweiz sind, weil sie abstimmen und mitreden dürfen. Bei der Klage geht es ihm vor allem ums Prinzip. «In einem Land wie Nordrhein-Westfalen können 18 Millionen Einwohner weniger mitbestimmen als die 16'000 Einwohner im Kanton Appenzell Innerrhoden», sagt er. Es geht Lindner auch darum, wie er etwas unbescheiden sagt, etwas Grosses zu schaffen. «Ich habe ein juristisches Rätsel ans Licht geholt, das 70 Jahre versteckt war.»

Der gläubige Katholik, Bart, Schnauz und kurzes Haar, der gerade seinen Husten zu überwinden versucht, redet leidenschaftlich über Bayern, die Schweiz, das Gemeinsame: ein Bauernland, früher arm, heute reich. Über seine Herkunft: Er kommt aus Franken, ein Gebiet, das die Bayern vor 200 Jahre annektierten – was ihnen die Franken noch nicht verziehen haben. Und über Zahlen: Lindner hat Volkswirtschaft studiert, die letzten Jahre an der Universität Zürich. Er will Zahlen verstehen. In seiner Freizeit recherchierte er, warum im 19. Jahrhundert die Sterblichkeit von Säuglingen in einigen Bezirken bei 50 Prozent lag und in anderen bei 15 Prozent. Das nützt ihm auch im Beruf: Er arbeitet beim Bundesamt für Statistik in Neuenburg.

Die Zugfahrt von Zürich in die Westschweiz, zwei Stunden hin und zwei zurück pro Tag, nutzte er, um sich ins Verfassungsrecht einzuarbeiten, das Manuskript zu schreiben. Für ihn ist klar, dass das an einen Ort gebundene Wahlrecht verfassungswidrig ist. «Die Leute sind heute mobiler, arbeiten von zu Hause aus», sagt Lindner, für ihn könnte seine Heimat innovativer sein. Die Globalisierung hat auch vor Bayern nicht haltgemacht. Junge Fachkräfte wandern ab, gehen nach Frankfurt oder Düsseldorf. Könnten sie in Bayern kandidieren, bliebe dem Gebiet ihr Wissen erhalten, sagt Lindner. Er stosse eine lange fällige Diskussion an.

Kleinere Einheiten als Bayern

Draussen erstarrt Oerlikon in der Kälte, drinnen ist die türkische Bäckerei inzwischen leer. Obschon Michael Lindner sich seiner Heimat zugehörig fühlt, seine Freunde Schotten, Deutsche und Italiener sind, ist die Schweiz nicht mehr von ihm zu trennen. Wenn er nicht rechnet, geht er tanzen und liest Thomas Mann. In einem Jahr könnte er sich einbürgern lassen – er überlegt noch.

Hier hat er gelernt, dass die Grossstadt überschätzt wird und mittelgrosse Städte wie Luzern oder St. Gallen etwas ausstrahlen. «Das ermöglicht das System Schweiz», sagt er. Bayern könne von der Schweiz viel lernen. Würde Lindner kandidieren, würde er versuchen, die Städte mit 70?000 Einwohnern nach Schweizer Vorbild stärker zu fördern – Bayreuth etwa, das vor und nach den Opernfestspielen niemand wahrnimmt. Kantone einführen fände er eine gute Lösung, alte Verkrustungen auflösen.

Doch zuerst muss Lindner abwarten, wie der Verfassungsgerichtshof reagiert und wie sich die Regierung äussert. Er ist optimistisch. Rückendeckung bekommt er von Professor Josef Franz Lindner, ein Verfassungsrechtler an der Universität Augsburg. Er teilt die Meinung seines nicht verwandten Namensvetters. Kommt die Klage durch, wäre Bayern das erste von 16 Ländern in Deutschland, welches eine Wahl nicht ausschliesslich an den Wohnsitz knüpft.

In eineinhalb Jahren, sagt Lindner, wisse er mehr. Diese Zeit wird ihm kurz vorkommen. Denn einem wie ihm wird es nie langweilig.

Erstellt: 19.01.2017, 09:55 Uhr

Auslandschweizer

Wer als Schweizer im Ausland lebt, kann Volksinitiativen und Referenden unterzeichnen, den Nationalrat wählen (aktives Wahlrecht) und sich in den Nationalrat, Bundesrat und ans Bundesgericht wählen lassen (passives Wahlrecht). So ist Tim Guldimann, der in Berlin lebt, seit den Schweizer Parlamentswahlen 2015 für die SP im Nationalrat. Beim Ständerat dagegen hängt es davon ab, ob der zugehörige Kanton das briefliche Stimmrecht für Auslandschweizer vorsieht. Einige Kantone gewähren ihnen auch ein Stimmrecht auf Kantonsebene. Die Kantone Basel-Stadt und Zürich gehören jedoch nicht dazu. Die Mehrheit des Zürcher Kantonsparlaments verweigerte den Auslandschweizern das Stimmrecht mit der Begründung, es brauche Vertrautheit mit den örtlichen Gegebenheiten. (ted)

Artikel zum Thema

«Auslandschweizer sind für Banken wie Risikokunden»

Die Organisation der Auslandschweizer feiert in Bern ihr 100-Jahr-Jubiläum. Es gibt aber nicht nur Grund zur Freude. Mehr...

«E-Voting für alle Auslandschweizer, sofort!»

Die Auslandschweizer-Organisation feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Neben Musik wurden auch politische Forderungen laut. Mehr...

Der unbekannte Multimillionär auf der SVP-Liste

Der Auslandschweizer John McGough will in den Nationalrat. Selbst die Parteigrössen der SVP wissen nicht, welches Kaliber auf ihrer Liste steht. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Was für eine Plage: Eine Bauernstochter in Kenia versucht mit ihrem Schal Heuschrecken zu verjagen. (24. Januar 2020)
(Bild: Ben Curtis) Mehr...