Als Pfarrer Sieber mit einem Esel auf der Quaibrücke erschien

2018 ist der Zürcher Obdachlosenpfarrer gestorben. Nun erinnern vierzig Weggefährten an den «Populisten Gottes» und zeigen, wie vielschichtig er unterwegs war.

Wirkte – postum – als Vermittler: Ein neues Buch über Pfarrer Ernst Sieber ist erschienen. Foto: Urs Jaudas

Wirkte – postum – als Vermittler: Ein neues Buch über Pfarrer Ernst Sieber ist erschienen. Foto: Urs Jaudas

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Was haben die ehemalige LDU-Ständerätin Monika Weber und Alt-Rocker Chris von Rohr gemeinsam? Was verbindet SVP-Übervater Christoph Blocher mit einem ehemaligen Platzspitz-Junky? Weshalb erscheinen Beiträge von Alt-Stadträtin Monika Stocker (Grüne) und Transportunternehmer Ulrich Giezendanner, der zuerst für die Autopartei, dann für die SVP im Nationalrat sass, in demselben Buch?

Hier wirkte – postum – Ernst Sieber als Vermittler. Der Zürcher Obdachlosenpfarrer ist am 19. Mai 2018 gestorben. Nun ist ein Buch erschienen, in dem vierzig Weggefährten Erinnerungen an den «Populisten Gottes», wie ihn einst Monika Stocker bezeichnete, mit uns teilen. Darunter sind Erinnerungen, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind: Siebers Auftritt auf der Quaibrücke am 21. Juni 1980, als er sich mit einem Esel zwischen die aufmarschierenden «bewegten» Jugendlichen und die Stadtpolizei stellte. Stadtpräsidentin Corine Mauch ist überzeugt, dass dieses ungewohnte Bild damals dazu führte, dass die Demonstration friedlich verlief.

Zwängli und Stadtheiliger

Manche Erinnerungen zeigen aber auch einen anderen Ernst Sieber. Einen fordernden, ungeduldigen. Journalist Matthias Ackeret erzählt vom «Zwängli» Sieber, dem es durchaus schmeichelte, wenn er in den Medien als «Stadtheiliger» bezeichnet wurde. Und Monika Stocker erzählt, wie er einmal mit einer Rechnung von 800'000 Franken zu ihr ins Amt kam und diese mit den Worten einforderte: «So viel habe ich für die Stadt schon geleistet.» Natürlich wollte er das Geld nicht für sich. Natürlich erhielt er es nicht von der Stadt. «Stimmt, aber so geht das nicht», lautete denn auch die Antwort Stockers.

Im Gespräch: Im September 2001 unterhalten sich Monika Stocker und Ernst Sieber anlässlich einer Friedenskundgebung auf dem Bürkliplatz. Bild: Keystone

Er brachte das Geld dann doch irgendwie zusammen, wie er fast immer erreichte, was er wollte. Weihnachten für Hunderte von Obdachlosen im Fünfsternhotel Marriott zum Beispiel. Eine Zuflucht für Randständige im Tösstal. Das Überleben seiner Stiftung trotz struber Zeiten.

Es ist ein heiteres Buch mit besinnlichen Momenten, das im Übrigen mit bisher wenig bekannten Fotos illustriert ist. Vor allem aber mit eindrücklichen Bildern, die Sieber vor allem nachts und in aller Abgeschiedenheit gemalt hat. Sie sind bis heute nicht öffentlich zugänglich, man hat sie bis heute kaum je gesehen.

Das Buch zeigt nicht nur neue Seiten von Ernst Sieber, sondern auch von jenen, die ihn beschreiben. Chris von Rohr wünscht sich etwa, dass er als Bub einen Pfarrer wie ihn gehabt hätte. Einen «Guru-Engel», wie von Rohrs Tochter ihn einmal nannte. Allerdings habe Siebers Auftritt in einer TV-Show, die von Rohr produzierte, alles an Falschsingen getoppt, was er je erlebt habe.

Viktor Giacobbo erzählt, wie er es nur mit Müh und Not geschafft hat, seinen Talk-Gast Pfarrer Sieber in der Late-Night-Show zu bremsen, und Ulrich Giezendanner erinnert sich, wie er einst seinem Nationalratskollegen aus der Patsche half, als diesem im Wohnwagen der Strom ausging. So vielschichtig Ernst Sieber in diesen Erzählungen erscheint, so einfach war sein Rezept. Als EVP-Nationalrat nach seinem Parteiprogramm gefragt, lautete die Antwort schlicht: «Die Bibel.»

Speziell berührend und aufschlussreich sind die Erinnerungen der Tochter Ilona Sieber, etwa wie ihr Vater ihr und ihren Geschwistern auf einer Wiese vor dem «Ferienhüttli» in Ybrig das Schwimmen beibringen wollte. Sie lagen dabei bäuchlings auf der Wiese. Sie kommt zum Schluss: «Mit diesem Vater und dieser Mutter aufzuwachsen, gab mir den Boden und die Basis, nie aufzugeben, mutig zu sein und zu versuchen, alles im Leben zu meistern. Ein grosses Glück!» Vielleicht schreibe sie einmal mehr darüber. Es würde sich zweifellos lohnen.

Kämpft weiter, ich hab’s heiter: Hommage an Pfarrer Ernst Sieber
www.co-libri.ch
48 Franken

Erstellt: 24.12.2019, 09:44 Uhr

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