Erleben wir hier den Anfang einer wunderbaren bürgerlichen Freundschaft?

Die neuen Parteipräsidenten Konrad Langhart und Hans-Jakob Boesch haben beim TA ihr erstes Gipfeltreffen abgehalten.

Hans-Jakob Boesch (l.): «Wir fahren einfach unsere liberale Linie.»  Konrad Langhart: «Nur wegen mir wird sich das Image der SVP nicht ändern.» Fotos: Tom Egli

Hans-Jakob Boesch (l.): «Wir fahren einfach unsere liberale Linie.» Konrad Langhart: «Nur wegen mir wird sich das Image der SVP nicht ändern.» Fotos: Tom Egli

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Herr Boesch, Sie haben gerade Herrn Langhart begrüsst – als Gegner oder als Verbündeten?

Hans-Jakob Boesch: Das ist von Situation zu Situation verschieden. Aber zuerst jetzt vor allem Mal als Kollegen.

Ist es das erste Mal, dass Sie ­miteinander zu tun haben?

Boesch: Ja, aber wir haben uns 30 Minuten vor diesem Interview getroffen. Ich fand, es sei angenehmer, wenn wir uns erst zu zweit beschnuppern können statt unter den Augen von Journalisten.

Sehr freundlich war er Ihnen wohl nicht gesinnt, nachdem Sie öffentlich gesagt haben, die SVP sei mit ihrer Abschottung auf dem Holzweg.

Boesch: Ich merkte sofort, dass er ähnlich pragmatisch tickt wie ich. Wir haben klare Differenzen, aber auch Gemeinsamkeiten. Und wo wir die haben, wollen wir zusammenarbeiten.

Herr Langhart, wie gut ist mit einem Kirschen essen, der Ihrer Partei die Wähler abjagen will?

Konrad Langhart: Herr Boesch wird uns keine Wähler abjagen. Ich mag ihm den Erfolg gönnen, solange er nicht auf unsere Kosten geht, und bin überzeugt, dass die FDP auch anders zulegen kann.

Wie denn?

Langhart: Indem sie zurückholt, was sie an die Mitteparteien verloren hat, die jetzt wieder verschwinden.

An die SVP hat die FDP auch Wähler verloren.

Langhart: Ja, aber das ist schon etwas länger her.

Sie haben gesagt, dass Sie mit drei Kandidaten für die siebenköpfige Kantonsregierung antreten wollen. Herr Boesch, das riecht nach Ärger.

Boesch: Ich habe nicht Angst, dass wir einen Sitz an die SVP verlieren. Die FDP bringt traditionell immer sehr gute Leute für die Exekutive.

Herr Langhart, war Ihnen diese Ansage Ernst?

Langhart: Ja, aber das ist ein Fernziel für 2024. Dann wird man auch über den CVP-Sitz wieder reden müssen.

Das klingt alles sehr konziliant.

Herr Boesch, sind Sie eigentlich froh, dass Herr Langhart das ­Rennen gemacht hat bei der SVP?

Boesch: Ich finde die Atmosphäre bis jetzt sehr angenehm, aber ich hätte auch mit Herrn Zanetti leben können.

Der Unterschied ist: Jetzt können Sie sich als der forschere bürgerliche Parteipräsident profilieren.

Boesch: So sehe ich mich nicht, das ist Ihre Interpretation. (lacht)

Es ist offensichtlich, dass sich das Verhältnis umgekehrt hat: Zuvor war der FDP-Präsident der ­Super­diplomat und jener der SVP der angriffige.

Langhart: Der Präsident ist nicht der einzige Exponent der Partei. Alle anderen, die sich markant äussern, werden auch nächste Woche noch im Amt sein. Nur wegen mir wird sich das Image der Partei nicht ändern.

Boesch: Was sicher stimmt ist, dass es ein Neuanfang ist. Wir können all diese alten Geschichten hinter uns lassen und nach vorne schauen.

Hat die SVP nicht den Anspruch, dass der eigene Präsident dem aufmüpfigen FDP-Kollegen die Stirn bietet?

Langhart: Natürlich. Es gab während meiner Kandidatur immer diese Stimmen: Der gibt viel zu wenig Gas! Der ist zu wenig forsch! Aber letztlich wollten die Delegierten doch einen wie mich.

Warum?

Langhart: Es gibt in der Partei sicher solche, die Freude haben am dauernden Hickhack. Aber viele Leute an der Basis wollen Lösungen sehen. Sie wollen, dass wir etwas machen, was uns weiterbringt. Speziell bei uns auf dem Land ist das so, da weiss man das schon lange.

Apropos Lösungen: Wo werden Sie zusammen solche finden?

Boesch: Bei der Leistungsüberprüfung des Kantons und bei der Unternehmenssteuerreform.

Langhart: In der Finanzpolitik sicher.

Ausser wenn die SVP die Steuern um 10 Prozent senken will.

Langhart: Das war vor meiner Zeit. Da bin ich Realist genug, um zu sehen, dass bei den aktuellen Herausforderungen Steuersenkungen kaum ein Thema sind.

Beim Schimpfen über die Energiewende finden Sie sich auch, oder?

Langhart: Dieser Begriff ist abgenutzt. Uns ist wichtig, dass die Energieversorgung funktioniert und die Wirtschaft günstigen Strom bekommt. Vorläufig gehört der Atomstrom dazu. Die neuen Wege werden sich durchsetzen, sobald sie wirtschaftlich sind.

Boesch: So wie die Energiewende jetzt aufgegleist ist, ist sie eine Katastrophe. Wegen der Subventionierung haben wir nur neue Probleme. Jetzt reden wir schon über Subventionen für die Wasserkraft. Das ist wie bei einem Tisch: Sägt man am ersten Bein, ist er schief, darum sägt man am nächsten – und am Schluss ist die Tischplatte am Boden.

Die SVP hält gerne die Fahne der Freiheit hoch, ausser in gesellschaftlichen Fragen. Wie halten Sie es mit einer liberalen Drogenpolitik, Sterbehilfe, dem Adoptionsrecht für Homosexuelle?

Langhart: Ich bin als Präsident in solchen Fragen sogar noch etwas konservativer als der Durchschnitt meiner Partei.

Haben Sie keine Angst, dass die FDP für freiheitliche Geister dadurch attraktiver ist?

Langhart: Das ist möglich, aber das ist nun mal die Linie unserer Partei.

Herr Boesch, ist das ein Feld, das Sie bearbeiten werden?

Boesch: Wir fahren einfach unsere liberale Linie, auch gesellschaftspolitisch. Ich bin überzeugt, dass wir damit Leute anziehen können, die bisher SVP gewählt haben. Aber es ist nicht unser oberstes Ziel, dieses Wählersegment zu bearbeiten. Ich wüsste auch gar nicht, wie das konkret vonstattengehen sollte.

Herr Langhart, wo wollen Sie eigentlich nach Wählern grasen?

Langhart: Mit unseren gesellschaftspolitischen Positionen wohl kaum bei der FDP. Und rechts von uns gibt es nichts mehr, da haben wir alles aufgesaugt. Unser Potenzial liegt bei jenen, die nicht wählen gehen, die von der Politik enttäuscht sind.

Wie soll Ihnen das gelingen?

Langhart: Das ist Knochenarbeit. Wir müssen an die Basis, mit den Leuten reden. Wir haben jetzt gemerkt, dass unsere PR-Kampagnen nicht nachhaltig sind. Damit kann man die Leute höchstens kurzfristig abholen. Ich stelle immer wieder fest: Es gäbe viele, die eigentlich einverstanden sind mit der SVP, sich aber an unserem Auftreten stören. Vielleicht ist das auch das Signal meiner Wahl: mehr unaufgeregte Sachpolitik – aber mit unseren Positionen.

Erleben wir hier gerade den Anfang einer wunderbaren bürgerlichen Freundschaft?

Langhart: Es ist erst ein schwaches Pflänzchen, aber es kann gut kommen. Die Zusammenarbeit wäre wichtig; denn wenn wir uns nicht einig geworden sind, haben immer die Linken gewonnen. Bei Meinungsverschiedenheiten sollten wir unaufgeregt bleiben, statt aufeinander rumzuhacken, und auf das Niveau achten.

Boesch: Ich habe immer gesagt, dass ich offen bin für die Zusammenarbeit. Deshalb begrüsse ich diese Resonanz seitens der SVP sehr.

Erstellt: 01.05.2016, 22:24 Uhr

Hans-Jakob Boesch: Der neue FDP-Präsident

Der 36-jährige Hans-Jakob Boesch ist St. Galler, erst seit fünf Jahren FDP-Mitglied und seit einem Jahr Kantonsrat. Er hat an der Uni Zürich Politikwissenschaft und Ökonomie studiert und mit einem Doktortitel abgeschlossen. Er wohnt in Zürich und arbeitet als Unternehmensberater.

Konrad Langhart: Der neue SVP-Präsident

Der 53-jährige Konrad Langhart ist Ingenieur Agronom und führt einen Bauernhof in Oberstammheim. Er hat 25 Mutterkühe, produziert Kartoffeln und hegt Reben. Er ist seit 2011 SVP-Kantonsrat, ist Vorstandsmitglied des Zürcher Bauernverbandes und Vizepräsident von Mutterkuh Schweiz.

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