Tempo 30 gegen Lärm: Nur wenige profitieren davon

Sie sollten Bewohner vor Lärm schützen. Doch die Tempo-30-Zonen bringen nicht den erhofften Erfolg. Es gibt jedoch eine Alternative.

An der Haltestelle Seilbahn Rigiblick gilt Tempo 30. Ob das Anwohnern hilft, ist umstritten. Foto: Samuel Schalch

An der Haltestelle Seilbahn Rigiblick gilt Tempo 30. Ob das Anwohnern hilft, ist umstritten. Foto: Samuel Schalch

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Jeder dritte Bewohner der Stadt Zürich ist gemäss Berechnungen der Stadt übermässigem Strassenlärm ausgesetzt. Insgesamt wohnen 140'000 Personen an den 230 Strassenkilometern in der Stadt, wo die Lärmpegel über den Immissionsgrenzwerten liegen. Bei 10'000 Personen liegen sie gar über dem Alarmwert.

Gemäss der eidgenössischen Lärmschutzverordnung ist die Stadt verpflichtet, Massnahmen zu treffen, um die Bewohner vor diesem Lärm zu schützen. Daran arbeitet der Stadtrat seit 2011 intensiv. Die effektivste Massnahme ist gemäss zahlreichen Studien die Temporeduktion.

So lässt sich der Lärm um bis zu 3 Dezibel reduzieren, wenn auf einer Strasse Tempo 30 statt Tempo 50 gilt. Also hat der Stadtrat Stadtkreis für Stadtkreis Temporeduktionen ausgeschrieben. Als Letztes tat er dies für die Kreise 1, 4 und 5.

Kaum jemand profitiert

Die Bilanz fällt indes ernüchternd aus: Lediglich 24'000 Anwohner, nicht einmal 20 Prozent aller Betroffenen, profitieren von der Temporeduktion. Viele andere erhielten in diesen Monaten von der Stadt ein Schreiben. Sie können den Einbau von Lärmschutzfenstern beantragen, weil es die Stadt nicht geschafft hat, mit anderen Massnahmen den Lärm zu reduzieren. Gemäss dem Auftrag des Bundes ist dies die letzte mögliche Massnahme, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Für die Stadt ist das Einbauen der Fenster mindestens dreimal so teuer wie das Einführen von Strassenabschnitten mit Tempo 30 – auch wenn der Bund einen Teil der Kosten übernimmt.

Entsprechend enttäuscht zeigen sich Gemeinderäte aus der Verkehrskommission: Als «mutlos» bezeichnet etwa Simone Brander (SP) die Massnahmen. Der Grüne Markus Knauss spricht gar von einem «Versagen des Stadtrats». Was ihn besonders ärgert: Der Stadtrat hat zwar für 90 verschiedene Strassenabschnitte Tempo 30 erlassen, doch wohnen dort kaum Menschen. An den dicht besiedelten Strassen war die Temporeduktion oft nicht möglich, verteidigt sich der Stadtrat. Knauss hingegen spricht von einer Verweigerung, den vom Bund vorgeschriebenen wirksamen Lärmschutz umzusetzen.

Sie könnten die Enttäuschung nachvollziehen, sagen Karin Rykart (Grüne) und Richard Wolff (AL) in einer gemeinsamen Stellungnahme auf Anfrage des «Tages-Anzeigers». Oft sei es nicht möglich, das Tempo auf 30 zu reduzieren, weil es sich um kantonale Strassen handle oder weil darauf der öffentliche Verkehr fahre, der zu stark ausgebremst würde (siehe Artikel unten). Als Vorsteherin des Sicherheitsdepartements (Rykart) und als Vorsteher des Tiefbaudepartements (Wolff) haben sie die Federführung bei der Strassenlärmsanierung, an der auch andere Departemente beteiligt sind. Sie würden sich aber noch weiterhin intensiv mit Tempo 30 beschäftigen, sagen Rykart und Wolff.

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Während die Linken darauf hoffen, dass die Stadträte ihre Position nochmals überdenken, befürchten Bürgerliche wie FDP-Gemeinderat Severin Pflüger genau dies. Er gibt seinen linken Ratskolleginnen und -kollegen zwar recht und sagt, die Lärmsanierung mit Tempo 30 sei in Zürich zu einer «Alibiübung» verkommen, weil sich der Stadtrat nicht mit dem Kanton anlegen wolle. Doch statt mehr Tempo 30 wünscht sich Pflüger andere Massnahmen wie etwa sogenannte Flüsterbeläge. Dabei handelt es sich um offenporigen Asphalt, der den Lärm stärker schluckt. Der Stadtrat zeigt sich diesbezüglich aber noch skeptisch, weil Langzeitstudien fehlen, der Belag teurer sei, die Wirkung nach kurzer Zeit bereits wieder nachlasse und er somit früher ersetzt werden müsse als herkömmlicher Asphalt.

Doch Pflüger ist überzeugt: «Der Stadtrat hat diesen Ansatz zu wenig verfolgt.» Der Belag sei heute längst nicht mehr so teuer und viel effektiver. Stattdessen verkaufe der Stadtrat Tempo 30 als einziges Mittel gegen Lärm. Daran stört sich auch Stephan Iten (SVP): «Wenn man nun schon derart flächendeckend Lärmschutzfenster einbaut, hätte man gerade auf Tempo-30-Zonen verzichten können. Oder wo neue Deckbeläge geplant sind, könnten Flüsterbeläge verwendet werden.»

Die Ratslinke hofft nun, dass mit den neu besetzten Departementen künftig mehr Strassen mit Tempo 30 eingerichtet werden. Denn immer, wenn eine von übermässigem Lärm betroffene Strasse saniert wird, muss der Stadtrat lärmsenkende Massnahmen prüfen. So könnten also künftig noch zahlreiche weitere Temporeduktionen folgen, da nun mit Rykart und Wolff zwei Stadträte auf den entscheidenden Posten sitzen, die Tempo 30 fördern wollen. Wolffs Vorgänger Filippo Leutenegger (FDP), der ins Schul- und Sportdepartement wechseln musste, soll in der Vergangenheit Tempo-30-Bemühungen gebremst haben, vermuten viele.

Zentrale Rolle der GLP

Die Strassenlärmsanierung sei aber eine Angelegenheit des Gesamtstadtrats, ist Severin Pflüger überzeugt, deshalb habe sich trotz der Departementswechsel nicht viel geändert. Er schätzt die Situation so ein, dass Corine Mauch und André Odermatt (beide SP) darauf bedacht seien, sich nicht mit dem Kanton anzulegen. Zusammen mit Michael Baumer und Filippo Leutenegger, die gegenüber einer Ausweitung der Tempo-30-Strassen skeptisch seien, stünden sie den Tempo-30-Befürwortern Daniel Leupi (Grüne), Raphael Golta (SP), Karin Rykart und Richard Wolff gegenüber. Die entscheidende Rolle spiele da Andreas Hauri, vermutet Pflüger.

Im Gemeinderat nimmt Hauris Partei, die GLP, die Rolle der Vermittlerin ein. So lehnt GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim die Temporeduktionen zwar nicht ab, betont aber auch, wie wichtig es sei, andere Massnahmen zu treffen. Gerade in Bezug auf den Flüsterbelag sei noch viel Innovation möglich.

Vor allem aber sieht Sobernheim Potenzial in der Elektro­mobilität. Diese würde nicht nur die Umwelt schonen, sondern die Fahrzeuge seien zudem leiser als der herkömmliche Verkehr, sagt der Gemeinderat und Verkehrsplaner.

Bis diese Fahrzeuge weit verbreitet sind, dürfte es allerdings noch lange dauern. So lange bleiben weit über 100'000 Zürcherinnen und Zürcher dem Lärm ausgesetzt, wenn sie auf ihrem Balkon sitzen – da nützen auch die Lärmschutzfenster nichts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2018, 21:24 Uhr

Stadtrat weist Tempo-30-Einsprachen ab 

Wenn immer der Stadtrat im Rahmen der Strassenlärmsanierung Temporeduktionen ausschrieb, gab es Einsprachen. So auch bei den Stadtkreisen 1, 4 und 5 vom November 2015. Die Zürcher Sektionen des Touring Club Schweiz (TCS) und des Automobil Club Schweiz (ACS) wehrten sich gegen die Reduzierung von Tempo 50 auf 30. Diese Einsprachen wies der Stadtrat vollumfänglich ab und bezog sich dabei auf Bundesgerichtsentscheide, die in ähnlichen Verfahren zugunsten der Stadt Zürich ausgefallen waren. Dies geht aus einem nicht öffentlichen Stadtratsentscheid von Ende August hervor, der dem TA vorliegt.

Die Zürcher Sektion des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) hingegen forderte statt weniger sehr viel mehr Tempo-30-Strassenabschnitte. Mit Ausnahme von zwei kleinen Strassenabschnitten lehnte der Stadtrat die Forderungen ab. In den meisten Fällen wegen des öffentlichen Verkehrs. Weil sich auch Tram und Bus an Tempo 30 halten müssen, würden diese auf gewissen Strecken Verspätungen von bis zu 53 Sekunden einfahren, schreibt der Stadtrat. Bereits ab sieben Sekunden Verspätung pro Rundfahrt würden der VBZ gewaltige Mehrkosten entstehen. Sie müssten dann zusätzliche Fahrzeuge einsetzen, um den Taktfahrplan einzuhalten. Diese Kosten wären unverhältnismässig, so der Stadtrat.

Der VCS kritisiert den Entscheid heftig: «Ein einziges Ärgernis, unvollständig begründet und voller Widersprüche.» Dies zeigt er an mehreren Beispielen auf. So führe der Stadtrat auf der Militärstrasse entlang des Kasernenparks Tempo 30 ein, wo kaum jemand wohne und ein Bus verkehre, nicht aber in der Verlängerung des Strassenzugs in der Militär-, der Schönegg- und der Feldstrasse, wo die Wohnbebauung viel dichter sei. Als weiteres Beispiel nennt der VCS die Ankerstrasse und die Kanonengasse zwischen dem Helvetiaplatz und der Europaallee. Da würden viele Menschen wohnen und kein ÖV verkehren, dennoch verzichte der Stadtrat auf die Einführung von Tempo 30.

Der Stadtrat sagt auf Anfrage: Tempo 30 auf diesem Streckenabschnitt wäre für die Verkehrsteilnehmer nicht nachvollziehbar, und die Autos würden auf andere Strassen ausweichen.

Ob der VCS den Entscheid weiterzieht, ist unklar. Kaum anfechten werden ihn die anderen Verbände. Nach den einschlägigen Bundesgerichtsurteilen werde man wohl darauf verzichten, heisst es beim TCS. 

Corsin Zander

(Tages-Anzeiger)

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