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«Das ist nicht mehr ganz normal»

Fangewalt-Experte Roland Seiler ist schockiert von den Szenen unter Zürcher Fussball-Hooligans. Vor allem die Gewalt gegen Wehrlose irritiert ihn.

Die von der Stadtpolizei Zürich veröffentlichten Bilder des wütenden Mobs beim Prime Tower. Video: Stadtpolizei Zürich

Sie haben die Bilder der Schlägerei im Vorfeld des Cup-Halbfinalspiels zwischen dem FCZ und GC soeben gesehen und sie als krass betitelt. Wurde mit diesen Taten eine neue Gewaltstufe erreicht?

Was mich bei diesen Bildern sehr stark irritiert, ist vor allem, dass auch am Boden liegende und wehrlose Personen noch mit Tritten – auch gegen den Kopf – traktiert werden. Das ist nicht mehr ganz normal.

Kommen solche Täter noch aus dem Fussballumfeld oder sind es Krawallmacher?

Es interessieren sich ja ganz viele Personen für den Fussball. Das Problem ist, dass es innerhalb dieses Kontextes einen kleinen Teil gibt, der dies gewalttätig auslebt. Dies hat eine negative Wirkung auf andere Fangruppierungen, die dadurch ebenfalls als gewalttätig wahrgenommen werden – was ganz sicher nicht stimmt. Wie sehr sich diese Gruppen noch für Fussball interessieren, ist fraglich. Für manche ist die Bühne reizvoll, die der Fussball bietet, um die eigenen Gewaltfantasien auszuleben. Es braucht aber augenscheinlich keinen Auslöser mehr für Gewalt, wie es beispielsweise eine Niederlage oder ein Fehlentscheid des Schiedsrichters zugunsten der gegnerischen Mannschaft gewesen wäre. Diese Schlägerei fand ja im Vorfeld des Spieles statt.

Wo finden sich die Gründe für solche Aktionen?

Hier spielen mehrere Faktoren ineinander. Es herrscht eine allgemeine Verrohung im Umgang miteinander, wie es beispielsweise in Facebook-Kommentarspalten sichtbar wird. Vielleicht müssen sich auch die Medien nach ihrer Verantwortung fragen, wenn solche Situationen medial aufgebauscht werden, was den Tätern ein Gefühl von Wichtigkeit geben kann. Auch innerhalb einer Gruppe führte eine Schlägerei zu höherem sozialen Status.

Ist die Gewaltbereitschaft gestiegen?

Statistisch gesehen, wurde in den letzten Jahren eine sinkende Tendenz jugendlicher Gewaltstraftaten beobachtet. Die Statistik ist aber immer nur so gut wie die Fälle, die erfasst werden – ob eine Anzeige erstattet wird. Handelt es sich nicht um Offizialdelikte, wird nämlich häufig auf eine Anzeige verzichtet – was die Statistik dementsprechend verfälschen kann. Insgesamt stelle ich aber schon eine Verrohungstendenz fest, in den sozialen Medien, aber auch bei politischen Exponenten, die den rauen Umgangston zur Aufmerksamkeitssteigerung nutzen.

«Sobald sich eine Gruppe absetzt, greift die Selbstregulierung der Kurve nicht mehr.»

Wie sind solche Gruppen strukturiert? Handelt es sich um einzelne Schläger und viele Mitläufer?

In der sozialpsychologischen Dynamik, die ich untersuche, ergibt sich eine Solidarisierung innerhalb der Gruppe, die sich gegen andere richtet – sei es die Polizei, den Ordnungsdienst des Stadions oder eben andere Gruppierungen. Dies, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Durch diese Solidarisierung können sich auch Unbeteiligte plötzlich mit der gewalttätigen Gruppe identifizieren und somit eine neue soziale Identität entwickeln. Ob dies in dieser Situation der Fall war, kann ich nicht beurteilen.

Wie kann gegen solche Ausschreitungen vorgegangen werden? Wer ist gefordert?

In der Schweiz gibt es das «Good Hosting»-Konzept, mit welchem versucht wird, die Fans der Gastmannschaft auch wie Gäste zu empfangen und ein friedliches Fussballfest zu ermöglichen. Es geht darum, die Gäste nicht mit Polizisten oder uniformierten Sicherheitsdiensten zu empfangen, was als Provokation und Schikane empfunden werden könnte. Das hat zur Folge, dass es zwar schwieriger wird, kleine gewaltbereite Gruppierungen in den Schranken zu halten, hat aber den Vorteil, dass sich Unbeteiligte nicht durch Polizeipräsenz bedroht fühlen und sich mit den gewaltbereiten Gruppen solidarisieren. Zum «Good Hosting»-Konzept gehört aber auch, die verantwortlichen Störenfriede konsequent zu ahnden und Stadionverbote auszusprechen. Das bedingt natürlich, dass die Übeltäter identifiziert werden können, was mit diesem Video zweifellos versucht wird.

Hat die häufig diskutierte Selbstregulierung der Kurve versagt? Oder funktioniert sie nur im Stadion?

In der Kurve kann die Fangruppierung einzelne Individuen, die sich ungebührlich verhalten, zur Rede stellen. So sind beispielsweise rassistische Bemerkungen im Vergleich zu früheren Jahren eine Seltenheit in Schweizer Stadien geworden. Der Druck, vor allem aber die Kompetenz der Fangruppierungen, in einem gewissen Rahmen innerhalb der Kurve regulativ zu wirken, ist sehr gross. Das funktioniert auch bei Fantransporten oder -märschen gut. Aber sobald sich eine Gruppe absetzt, ist dies nicht mehr möglich.

Was halten Sie davon, dass die Polizei solche Videos online stellt?

Die Publikation und Verbreitung des Videos hängt mit der Strategie der Swiss Football League in Zusammenarbeit mit der Polizei zusammen. Die Straftäter sollen schnellstmöglich aus dem Verkehr gezogen werden. Da innerhalb der Gruppierungen mit grosser Wahrscheinlichkeit niemand die Täter identifizieren würde, besteht diese Möglichkeit, die Schläger zur Verantwortung zu ziehen. Persönlichkeitsschutz ist ein hoch zu messendes Gut, wenn aber jemand so massiv gegen geltende Regeln verstösst, soll dies zum Wohl der Gesellschaft geopfert werden.

Was passiert beim Betrachter solcher Videos?

Es beeinflusst ganz sicher die öffentliche Meinung und Wahrnehmung, und dadurch wird der Ruf nach massiven Strafen verstärkt, wobei dies auch in anderen Bereichen der Fall ist. Wenn es so weitergeht, bin ich mir sicher, dass gewisse politische Gruppierungen früher oder später die lebenslange Verwahrung von Hooligans fordern. Ich denke aber, dass die strafrechtlichen Methoden genügen, Fehlbare zur Verantwortung zu ziehen – insofern man sie identifizieren kann.

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