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«Es gibt ein Bedürfnis nach Gespräch und Entscheidungshilfe»

Die ehemalige Chefärztin Brida von Castelberg regt sich darüber auf, dass zu viel operiert werde.

Mit Brida von Castelberg sprach Susanne Anderegg
«Es hilft, das Feindbild Arzt abzubauen»: Brida von Castelberg über ihr Engagement als Vizepräsidentin des Schweizer Patientenschutzes. Foto: Urs Jaudas
«Es hilft, das Feindbild Arzt abzubauen»: Brida von Castelberg über ihr Engagement als Vizepräsidentin des Schweizer Patientenschutzes. Foto: Urs Jaudas

20 Jahre lang waren Sie Chefärztin in der Frauenklinik am Triemli, 2012 liessen Sie sich pensionieren. Was haben Sie seither gemacht?

Zuerst arbeitete ich ein Jahr beim Swiss Medical Board mit, einem Fachgremium, das Behandlungen auf ihre Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit überprüft. Etwa das Brustscreening bei Frauen über 50.

Sie haben für Aufsehen gesorgt mit Ihrer Meinung, standardmässige Mammografien seien nicht nützlich, sondern eher schädlich. Sind diese Screenings jetzt vom Tisch?

Keineswegs. In diese Sache wurde so viel Geld und Aufbauarbeit investiert, dass man nicht davon ablassen will. Einige Kantone haben das Brustscreening eingeführt. Die Krankenkassen zahlen es ohne Selbstbehalt.

Wie gings dann weiter bei Ihnen?

Ich habe ein Jahr lang Käse gemacht in einer Hofkäserei in Dietikon. Danach arbeitete ich ziemlich lange an einem Brustselbstcheck mit. Wir haben dazu eine App entwickelt. Denn es genügt nicht, das Mammografie-Screening einfach abzulehnen. Irgendeine Sicherheit müssen wir den Frauen geben. Diese besteht darin, dass sie sich auf ihren eigenen Körper verlassen können. Wenn sie ihren Körper kennen, müssen sie nicht vor allem Angst haben.

Seit kurzem sind Sie Vizepräsidentin des Schweizer Patientenschutzes (SPO). Was ist dort Ihre Aufgabe?

Ich schaue die gynäkologischen Fälle an und beurteile, ob ein Fehler passiert ist und ob es weitere Abklärungen braucht. Zudem arbeite ich bei generellen Stellungnahmen mit, etwa zum elektronischen Patientendossier. Dass ich als Ärztin bei der SPO tätig bin, hat auch einen standespolitischen Grund: Es hilft, das Feindbild Arzt abzubauen.

Wie häufig werden Sie im Café Med beraten?

Zweimal im Monat. Und wenn ich nicht da bin, kümmert sich Judith Pok um die gynäkologischen Fragen. Sie war viele Jahre leitende Ärztin im Unispital.

Was ist Ihre Motivation?

Mein Traum war immer ein eigenes Café, eine Art Wiener Café, wo man Zeitung lesen und schreiben kann. Das ist der ideale Rahmen, um ein Gespräch in Ruhe und ohne Druck zu führen. An Veranstaltungen werde ich oft angesprochen: «Darf ich Sie etwas fragen?» Dabei geht es selten um die Krankheit als solche, sondern darum, dass die Patienten zu wenig aufgeklärt wurden. Auch bei der SPO sehe ich, dass in den meisten Fällen die mangelnde Kommunikation das Problem ist. Das alles zeigt, dass es ein Bedürfnis gibt nach Gespräch und Entscheidungshilfe. Wir sagen den Leuten nicht, was sie zu tun oder zu lassen haben. Sondern wir wollen mit ihnen zusammen herausfinden, welches der richtige Weg ist. Da unterscheiden sich die Menschen.

Müssen Patienten die Vorschläge der Ärzte hinterfragen?

Ein Physiotherapeut sagte mir einmal: «Wenn Sie privatversichert sind, sind Sie eine Hochrisikopatientin. Denn diese Patienten werden häufiger operiert.» Wenn man solche Dinge weiss, muss man Behandlungen hinterfragen.

Was läuft schief?

Vieles. Beunruhigend finde ich, wie gewisse Operationen zunehmen, ohne dass es eine Instanz gibt, welche die Indikation überprüft, das heisst, ob der Eingriff wirklich nötig ist. Zum Beispiel gibt es im internationalen Vergleich zu viele Rückenoperationen und zu viele Eingriffe an Knie und Hüfte. Oft höre ich auch von Frauen, dass der Gynäkologe die Gebärmutter rausnehmen will, ohne dass starke Beschwerden bestehen.

Wie merken Patienten, dass etwas nicht gut läuft?

Es ist ein Bauchgefühl, man ist unsicher, fühlt sich nicht verstanden, hat den Eindruck, nicht gefragt worden zu sein.

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