«Es hat Unmengen von Kapital, das nach Anlagen sucht»

Thomas Haemmerli hat in den Achtzigern in den besetzten Häusern der «Hellmi» gewohnt. Heute sagt er, die Europaallee nütze mehr als Widerstand.

An der Hellmutstrasse geht die Angst vor Mietzinserhöhungen um, weshalb sich Widerstand formiert. Im Kampf gegen die Aufwertung gäbe es aber wirkungsvollere Mittel, sagt Thomas Haemmerli.

An der Hellmutstrasse geht die Angst vor Mietzinserhöhungen um, weshalb sich Widerstand formiert. Im Kampf gegen die Aufwertung gäbe es aber wirkungsvollere Mittel, sagt Thomas Haemmerli. Bild: Reto Oeschger

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1984 sind Sie in eine WG an der besetzten Hellmutstrasse eingezogen. Heute wollen ehemalige Aktivisten um Hannes Lindenmeyer den Widerstand wiederbeleben. Eine gute Sache?
Es ist ein Reflex, dass man Widerstand leistet, wenn man sich vor Aufwertung fürchtet. In den 1970er-Jahren hat die Linke die Erfahrung gemacht, dass luxussaniert wird, wo ein Haus gekauft wird. Darum wollte man möglichst jede Veränderung stoppen. Und man schafft es vielleicht punktuell, dass eine Genossenschaft oder die Stadt etwas übernimmt und so günstiger Wohnraum bleibt. Generell halte ich diese Strategie aber für untauglich. Wir haben zurzeit zwei Probleme: Erstens hat es Unmengen von Kapital, das nach Anlagen sucht. Zweitens ist der Nachfragedruck gross, weil mehr Leute in der Stadt wohnen wollen, weil wir älter werden und Kinder haben. Die eine oder andere Liegenschaft zu halten, ist deshalb nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Kündigungen verhindern und für gemeinnützige Bauträger kämpfen ist sinnlos?
Für die Hellmutstrasse wäre es schön, übernähme eine Genossenschaft. Aber das Problem mit der Gentrifizierung und den steigenden Mieten löst Hannes Lindenmeyer damit sicher nicht. Ich wohne an der Zentralstrasse. In den letzten zwei Jahren sind dort rundherum x Häuser komplett saniert worden – selbstverständlich mit dem Ziel, höhere Mieten zu erzielen. Die Linke sagt dann immer: Das ist die böse Spekulation. Aber das Hauptproblem ist die riesige Nachfrage. An der Hellmutstrasse würden Sie morgen x Leute finden, die auch 2600 Franken für eine Wohnung zahlen.

«Was heute neu gebaut wird, ist am Anfang oft teuer, aber langfristig werden die Wohnungen günstiger.»

In Ihrem Film «Die Gentrifizierung bin ich» kritisieren Sie die Besetzer der 1980er-Jahre. Sie hätten günstigen Wohnraum verhindert. Wie meinen Sie das?
Eine Mehrheit der Hellmi-Besetzer war damals dagegen, dass die Genossenschaft Wogeno Häuser baut, weil eine Wohnung über 1000 Franken gekostet hätte. Zusätzlich spielte der linke Reflex, generell gegen Neubauten zu sein. Darum entstand ein Kompromiss: Man hat eine Baulücke gelassen und das Gebäude nicht fünfstöckig gebaut. Dabei wäre der fünfte Stock eine Antwort auf die damalige Forderung «Wo Wo Wohnige» gewesen. Jetzt hätte man dort einen zusätzlichen Stock mit günstigen Wohnungen.

Was ist mit den privaten Häusern, um die jetzt gekämpft wird?
Auch das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Ich habe in der Hellmi gewohnt, als dieser Bau entstand, habe den ganzen Baulärm ertragen. Wir fanden das damals furchtbar: Zu teuer! Da wird gentrifiziert! Und heute, 25 Jahre später, ist dieser Bau heruntergekommen, und die Mieten sind tief. Das lässt sich verallgemeinern: Was heute neu gebaut wird, ist am Anfang oft teuer, aber langfristig werden die Wohnungen günstiger.

Was also tun?
Das Einzige, was als langfristige Strategie taugt, ist eine energische Verdichtung. In Zürich müsste man sehr viel mehr und höher bauen. Nur so kann man etwas gegen den Nachfrageüberhang und die hohen Mieten tun. Beispiel Kalkbreite-Bau: Das ist gute Architektur, aber innerhalb der städtischen Jury schloss man von Anfang an ein Hochhaus aus. Obwohl man dort eines hätte bauen können. Hochhäuser sind eine gute Möglichkeit, sehr viel stärker zu verdichten.

«Die einzige Kritik, die ich an der Europaallee habe, ist, dass man nicht höher gebaut hat.»

Wie beurteilen Sie die Veränderungen im Kreis 4 generell?
Der Kreis 4 ist wie viele Stadtteile permanentem Wandel unterworfen. Als ich an der Hellmutstrasse wohnte, bekämpfte man die Verdrängung durch das Sexgewerbe. Später hat die Vertreibung des Sexgewerbes das Quartier aufgewertet. Und wenn der Verkehr beruhigt wird, wenn Asoziale rausgeschmissen und Alkoholiker vertrieben werden, dann wertet sich das Quartier noch mehr auf. Und deshalb glaube ich, dass Hannes Lindenmeyers Argument, die Europaallee sei schuld, kompletter Unsinn ist. Ich sehe die Europaallee als positiven Beitrag, weil sie einen Teil des Drucks auf den Wohnungsmarkt rausnimmt.

Die Europaallee als Mittel gegen die Gentrifizierung?
Wenn Sie die Wohnungen an der Europaallee nicht bauen, dann drängt dieses Geld in die luxussanierten Altbauten. Wenn massiv Wohnraum auf knappem Boden erstellt wird, ist das immer ein Teil der Lösung. Kommt hinzu: Wo die Europaallee steht, waren ja keine Wohnungen. Die einzige Kritik, die ich an der Europaallee habe, ist, dass man nicht höher gebaut hat.

Die Wohnungen dort sind nicht zu teuer?
Es wäre schöner gewesen, die SBB hätten dort günstigere Wohnungen gebaut. Und wenn Sie in kleinen Mikrogebieten denken, dann ist natürlich richtig, dass der Aufwertungsdruck auf die paar Strassen zwischen Kaserne und Langstrasse mit der Europaallee zunimmt. Es wird schicker, dort zu wohnen. Dieser Prozess ist aber älter als die Europaallee. Ich habe mit meiner Frau und meinen Kindern selbst bis vor kurzem im Kreis 4 gewohnt und weiss: Dort leben jetzt schon viele Akademiker, die zum Teil sehr gut verdienen.

«Irgendwann ist die Energie beim Kampf ums letzte Joghurt und um das letzte Votum an der Vollversammlung erlahmt.»

Warum?
Das Haus im Grünen ist etwas obsolet, speziell seit die Autogesellschaft an ihr Ende kommt. Es ist halt cooler in der Stadt. Und als Eltern sahen wir, wie im Kreis 4 viele Massnahmen für ausländische Kleinkinder getroffen wurden. Das haben aber vor allem Schweizer Akademikereltern in Anspruch genommen, die im Kreis 4 inzwischen eine Mehrheit sind. Das ist der Lauf der Dinge in einem Gebiet so nahe am Zentrum. Was der Gentrifizierung im Kreis 4 noch etwas entgegenwirkt, ist das Rambazamba jeden Abend in der Langstrasse. Wenn die Langstrasse noch weiter beruhigt würde, wäre der Aufwertungsdruck noch viel stärker.

Sie waren in den 1980er-Jahren stolz, nach einer Besetzung am Stauffacher und deren Räumung durch die Polizei «staatlich beglaubigter Hausbesetzer» zu sein.
Genau, das war sozusagen der Leumund, um in die Hellmi-Häuser einziehen zu können.

Heute sehen Sie die Szene kritisch. Was ist passiert?
Ich kann über die heutige Hausbesetzerszene nicht viel sagen. Ich finde aber, sie kommuniziert häufig schlecht. Und Sie finden wenig alte Besetzer, weil irgendwann die Energie beim Kampf ums letzte Joghurt und um das letzte Votum an der Vollversammlung erlahmt. Ich bin aber nicht gegen Hausbesetzungen. Die Drohung, dass Häuser besetzt werden, führt dazu, dass es weniger Leerstand gibt. Das ist sehr positiv. Abgesehen davon, sind Hausbesetzungen auch ein Experimentierlabor, in dem die Leute etwas lernen. Konkret auf mich bezogen, kann ich sagen: Man wird halt irgendwann älter und sieht, dass die Welt ein wenig komplexer ist. Wir haben in unserem Mikrokosmos für ein Haus gekämpft und geglaubt, die ganze Welt hinge daran, dass man dieses oder jenes Gebäude verteidigt. Das soll aber nicht heissen, dass man das im Einzelfall nicht machen soll.

Erstellt: 26.07.2019, 18:08 Uhr

Thomas Haemmerli

Der Filmregisseur, Autor und Journalist hat sich mit seinem Film «Die Gentrifizierung bin ich: Beichte eines Finsterlings» in die Debatte um Dichtestress, Aufwertung und Wohnungsnot eingeschaltet. Ab 1984 wohnte er für zehn Jahre in einem der besetzten Häuser an der Hellmutstrasse.

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