«Es ist wie im Gefängnis hier»

Das rigide Sicherheitsregime im neuen Asylzentrum wird heftig kritisiert. Das Staatssekretariat für Migration hat dafür wenig Verständnis.

Im Betrieb gehen zurzeit die Wogen hoch: Bundesasylzentrum in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Im Betrieb gehen zurzeit die Wogen hoch: Bundesasylzentrum in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Es ist früher Nachmittag, als Samijullah mit seinen Freunden das Bundesasylzentrum verlässt. Auf dem Programm steht der Unterricht in einer öffentlichen Schule. Die Kinder tragen dicke Winterkleider und jagen sich freudig hinterher. «Endlich mal raus hier», sagt der Afghane in einer Mischung aus Englisch und Deutsch. Er wohnt seit zwei Wochen mit seiner Familie im Bundesasylzentrum. Von seiner Ankunft in der Schweiz ist er bitter enttäuscht: «Es ist wie im ­Gefängnis hier», sagt Samijullah. «Überall Verbote, Verbote. Verbote. Wir sind doch keine Verbrecher!»

Fleisch und Fisch verboten

Aussenstehende, die das Bundesasylzentrum auf dem Duttweiler-Areal betreten wollen, gelangen nur bis zum Empfang. Dort ­erklärt der Sicherheitsmann von ­Securitas freundlich, dass es ohne Genehmigung nicht weitergehe. Was bleibt, ist der Blick auf die verschlossene Tür. ­«Please always bring your receipt after shopping – bitte alle Quittungen für Einkäufe vorweisen», steht auf einem Plakat. Diese dienen als Beleg. Um sicherzustellen, dass reingebrachte Waren nicht geklaut worden sind. Daneben eine Auflistung von erlaubten und nicht ­erlaubten Nahrungsmitteln: PET-Flaschen erlaubt, Glasflaschen verboten, Backwaren erlaubt, Fleisch, Fisch und Milchprodukte verboten.

Nach welchen Kriterien wird hier entschieden? «Esswaren, die verderblich sind, dürfen nicht in die Anlage», sagt der Sicherheitsmann. Und was ist mit Kaugummi, die ebenfalls verboten sind? «Damit die Asylsuchenden nicht Möbel und Gegenstände verkleben.»

«Die Stimmung im Zentrum ist sehr aufgeregt», sagt eine Person, die den Betrieb von innen kennt und anonym bleiben will. Der öffentliche Druck wächst. Das Magazin «Das Lamm» berichtete am Mittwoch erstmals über die Restriktionen im Asylzentrum. Rund 30 Asylsuchende hätten letzte Woche lauthals protestiert, als eine Gruppe von Mitarbeitern des Staatssekretariats für Migration (SEM) das Zentrum besucht habe. «Help me», hätten einige gerufen. Andere beschwerten sich über ausufernde Personenkontrollen oder Sicherheitspersonal, das nach 22 Uhr in die Zimmer stürme, um die Nachtruhe durchzusetzen.

Blick auf den Innenhof des neuen Bundesasylzentrums auf dem Duttweiler-Areal. Foto: «Das Lamm»

Zeitgleich stieg der politische Druck. Am Mittwoch äusserte Sozialvorsteher Raphael Golta scharfe Kritik vor dem Stadtparlament: «Der aktuelle Zustand im Bundesasylzentrum muss so schnell wie möglich verbessert werden.» Auf TA-Anfrage bekräftigt Golta: «Für uns gibt es in der Umsetzung des Betriebs des neuen Zentrums momentan noch erhebliche Probleme.» Es sei nicht ersichtlich, weshalb ein Sicherheitsdispositiv, das im Testbetrieb in einer liberalen Auslegung sehr gut funktioniert habe, auf dem Duttweiler-Areal so streng umgesetzt werden solle.

Nicht nur der Stadtrat ist unzufrieden über den Betrieb im Bundesasylzentrum. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Asylorganisation Zürich (AOZ), die für die Betreuung der Asylsuchenden zuständig sind, äussern teils heftige Kritik an den «unhaltbaren Zuständen», die im Zentrum herrschten. Das geht aus einer internen Mail hervor, die dem TA vorliegt. Darin schildern AOZ-Mitarbeitende etwa das schwierige Verhältnis zu einigen Sicherheitsleuten. Den Jugendlichen würden die Kugelschreiber abgenommen, ohne die sie Hausaufgaben nicht erledigen könnten. Es herrsche ein «absurdes Spiel»: «Die Betreuung gibt Kugelschreiber, Securitas nimmt sie wieder weg usw.»

«Statt dass man den Geflüchteten ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht, herrscht absolute Restriktion.»Ezgi Akyol, Gemeinderätin AL

Die interne Mail umfasst eine Mängelliste mit rund 15 Punkten. Darin verweisen die AOZ-Mitarbeitenden unter anderem auf mangelnde Privatsphäre oder auf Kinderwagenverbote in den Gängen, was Eltern dazu zwinge ihre Kinder auf dem Arm zu tragen. Einfachste Vorgänge werden verkompliziert. Etwa der Bezug von neuem WC-Papier: Nur wer gleichzeitig eine leere Kartonrolle zurückbringt, erhält eine neue Rolle.

Für Ezgi Akyol, Gemeinderätin der AL, ist der Fall klar: «Diese Menschen werden schikaniert. Statt dass man den Geflüchteten ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht, herrscht absolute Restriktion.» Dem pflichtet Hanna Gerig vom Zürcher Solinetz bei. «Die Situation im Duttweiler-Areal entspricht mit Sicherheit nicht dem, was in der Stadt Zürich eine Mehrheit gutheissen würde», sagt sie. «Das sind keine Insassen, sondern verletzliche Personen. Das angeschlagene Sicherheitsregime ist unbegründbar.»

Im Schreiben wird auch auf die sogenannten Besinnungsräume hingewiesen. Im Bundesasylzentrum gebe es gleich deren drei. Gemäss einer Weisung des SEM können darin Bewohner, die sich akut auffällig verhalten, für maximal zwei Stunden untergebracht werden. Im Zürcher Testzentrum Juch gab es keinen solchen Besinnungsraum.

Für die Sicherheit im Zentrum wurde nicht nur die Securitas, sondern auch die Sicherheitsfirma Protectas vom Bund beauftragt. In der Ausschreibung begründete das SEM die Wahl der Securitas mit der höheren Qualität, das Engagement der Protectas, die den Empfangsdienst verantwortet, mit dem günstigeren Preis.

Bund bleibt hart

Gemäss Golta gilt grundsätzlich: «So viel Sicherheit wie nötig bei so wenig Intervention in den Alltag wie möglich.» Personen- und Zimmerkontrollen ohne Anlass würden nicht dazugehören. Er sei im Kontakt mit dem SEM, damit möglichst schnell Änderungen vorgenommen würden. «In der Stadt Zürich muss ein Bundesasylzentrum anders geführt werden, als das im Moment der Fall ist», sagt er.

Auf Anfrage zeigt sich das SEM überrascht über Goltas Kritik. «Das Sozialdepartement Zürich wurde von Anfang an in die Planung des Bundeszentrums miteinbezogen», sagt SEM-Sprecher Daniel Bach. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb der Sozialvorsteher nun so harsche Kritik äussere. Viele der Vorschläge des Sozialdepartements seien umgesetzt worden. Etwa, dass Kinder und Jugendliche jeden Tag die Volksschule besuchen dürfen. «Diese Regelung ist schweizweit einzigartig», sagt Bach. Das Bundesasylzentrum erfülle die gängigen Standards aller Zentren. Dafür sei auch die UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR konsultiert worden.

«Wir befinden uns immer noch in der Anfangsphase», sagt Bach. Da sei es normal, dass noch nicht alles rundlaufe. Am Sicherheitscheck will das SEM festhalten. Erwachsene, Jugendliche und Kinder müssen sich bei jedem Eintritt in die Unterkunft einer Leibesvisitation unterziehen. Bei anderen Restriktionen ist das SEM inzwischen zurückgekrebst. So sei es den Asylsuchenden ab sofort erlaubt, Kugelschreiber und Schminkutensilien ins Zentrum zu nehmen, sagt Bach. Zuvor war dies aus ­Sicherheitsgründen verboten. «Einzelne Sicherheitspersonen haben ihren Auftrag anfänglich ein wenig zu ernst genommen.»

Erstellt: 14.11.2019, 22:36 Uhr

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