Es rumort in der Pionier-Tagesschule

Die Tagesschule Bungertwies war die Zürcher Vorzeigeschule schlechthin. Doch der Ruf des «Bungi» hat gelitten. Eltern nehmen ihre Kinder von der Schule und kritisieren die schlechte Stimmung.

Hat deutlich an Beliebtheit eingebüsst: Die Tagesschule Bungertwies. Foto: Raisa Durandi

Hat deutlich an Beliebtheit eingebüsst: Die Tagesschule Bungertwies. Foto: Raisa Durandi

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Sie wird liebevoll «Bungi» genannt und war lange Zürichs Vorzeigetagesschule schlechthin: die Tagesschule Bungertwies. Ihr Konzept – ein Schulbetrieb mit integrierter Hortbetreuung – funktionierte. Für alle war spürbar, dass hier ein besonderer Geist herrschte. Die Folge: Der Andrang war immens.

Doch nun sind Plätze frei. In keinem anderen Schuljahr wurden so viele Kinder von der Schule genommen wie in diesem. Was läuft schief im Bungertwies?

Ein Blick zurück. Es gab eine Zeit, da waren städtische Tagesschulen mit integriertem Betreuungskonzept rar. Die Stadt war weit davon entfernt, Tagesschulen flächendeckend einzuführen, wie sie es nun bis 2025 plant. Und anders als heute stand auch lange nicht für jedes Kind ein Hortplatz zur Verfügung. Umso attraktiver war für arbeitstätige Eltern das Bungertwies. 1990 startete das Bungi – als zweite städtische Tagesschule – seinen Betrieb. Ein gesamtheitliches pädagogisches Konzept sowie konstante Schülergemeinschaften während und nach der Schule zeichneten es aus.

Manchmal buhlten 100 Eltern um 30 Kindergartenplätze. Glücklich diejenigen, die ihre Kinder aufgrund des Losentscheids ins Bungi schicken durften. Man sprach vom «Bungi-Groove», den alle Beteiligten lebten und schätzten. Im eigenen Lied wird er besungen.

S Bungi isch cool und niemer isch fuul. Im Bungi isch immer öppis los, s Bungi isch eifach famos!

Heute sieht es anders aus: Von den rund 170 zu vergebenden Schulplätzen sind für das im letzten Herbst angelaufene Schuljahr derzeit 20 frei. Die vier anderen städtischen Tagesschulen sind komplett ausgebucht oder haben höchstens zwei unbesetzte Plätze.

Im Bungertwies haben fünf von zwölf Lehrpersonen auf Ende Schuljahr gekündigt, die leitende Hortnerin, die ihre Stelle im letzten Sommer angetreten hat, ist bereits wieder weg. Manch einer, der die Schule von innen kennt, sagt, um den famosen Ruf des Bungi sei es geschehen. Mit Namen hinstehen will freilich niemand – und alle bekräftigen, sie möchten keinesfalls das Tagesschulkonzept an sich infrage stellen.

Neuerungen brachten Unruhe

In einem Punkt sind sich alle Kritiker einig: Die Stimmung ist schlecht. Es sei nicht mehr so wie früher. Das Gemeinschaftsgefühl zwischen Schulleitung und Lehrkörper, das die Schule einst ausgemacht hat, sei nicht mehr da. Das Bungi-Markenzeichen – Lehrkräfte, Hortpersonal und Schulleitung ziehen in dieselbe Richtung – sei nicht mehr spürbar.

Es herrsche Unruhe, zu viel Bewährtes sei über den Haufen geworfen, Neues diskussionslos eingeführt worden. Der Blick fürs Ganze, ein gewisses Augenmass fehlten, wird moniert: «Eine neue, autoritäre Hierarchie ist spürbar, der Lehrkörper wird nicht mehr als echtes Team wahrgenommen.»

Im letzten Jahr ist der Unmut mehrerer Bungi-Eltern gegenüber der Schule derart gross geworden, dass sie ihre Kinder aus der Schule genommen und in eine andere öffentliche Schule umplatziert haben. Das blieb nicht ohne Folgen. Bald äusserten Ex-Kollegen dieser Kinder ebenso den Wunsch, die Schule zu wechseln. In einigen Fällen war dies für die Eltern der letzte Tropfen, der noch fehlte. Auch sie vollzogen den Wechsel.

Dass es im Bungertwies-Schulteam tatsächlich rumort, zeigt auch dies: Seit einigen Monaten durchlaufen Lehrer, Schulleiterin und Hortpersonal einen «Teamentwicklungsprozess», der von der Schulpflege eng begleitet wird. Solche Massnahmen werden in der Regel getroffen, um eine Gruppe zu einer Gemeinschaft zusammenzuschweissen. Will heissen: zu einem Team, das am gleichen Strick zieht und Konflikte konstruktiv austrägt. Der Anstoss für diesen Prozess kam aus dem Hortteam. Die Schulleitung hat ihn daraufhin für das ganze Team angeordnet.

Folgenreicher Mobbingfall

Die Wende zum Ungünstigen muss um das Jahr 2010 eingesetzt haben. Damals begannen die Wechsel in der Schulleitung. Brigitte Harder, die während elf Jahren die Schule zum Lern- und Lebensraum aufgebaut hatte, gab 2009 die Leitung ab. Nach zwei Jahren orientierte sich Harders Nachfolgerin neu. Seither ist Lilian Hurschler Schulleiterin.

Hurschler hatte sich nach kurzer Zeit mit einem Mobbingfall in einer Klasse auseinanderzusetzen. Wie die Fronten verliefen, war anscheinend relativ schnell klar. Gemäss den Kritikern soll die Schulleitung aber zu lange zugeschaut haben. Der Fall zog sich über ein Jahr lang hin. Erst der Schulaustritt eines Schülers brachte Entspannung.

Der Fall scheint bei der Schulleitung ein Umdenken bewirkt zu haben. Seither greife sie rigoros durch, sagen Eltern. Es herrsche ein «Null-Toleranz-Regime». «Es kommt einem vor, als würde nun mit Kanonen auf Spatzen geschossen.» Gewaltprävention ist seit letztem Jahr fester Bestandteil des Schullebens; bereits am ersten Schultag werden die Erstklässler, nach kurzem Begrüssungsritual, umfassend in die Schulhausregeln eingeführt. Das hat manche Eltern irritiert. Auch der Lehrkörper soll nicht voll und ganz dahinterstehen.

«Es gibt Meinungsverschiedenheiten»

Ähnlich verhält es sich beim Entscheid, den die Schulleitung im jüngsten Quintalsbrief kommuniziert: Die Klassen werden nach dem dritten Schuljahr künftig nicht mehr neu gemischt, sondern von der ersten bis zur sechsten Klasse in gleicher Zusammensetzung geführt. Begründung: Die Durchmischung finde beim altersdurchmischten Lernen (ADL), wie es seit 2008 im Schulhaus praktiziert werde, ohnehin jährlich statt. Das wird von aussen anders beurteilt: Die Kinder, die jeweils neu zu den Klassen stossen, seien in einem anderen Alter als die bereits dazu gehörenden. Schwierige Klassenkonstellationen würden sich so nicht aufbrechen lassen.

Mirella Forster, Schulpräsidentin des Schulkreises Zürichberg und FDP-Mitglied, bestätigt: «Es gibt am Bungertwies Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Schulentwicklung.» Das sei aber nichts Aussergewöhnliches in einem Schulbetrieb mit 40 Mitarbeitenden. Mehr will Forster dazu nicht sagen. Es sei eine betriebsinterne, organisatorische Sache. Als Präsidentin begleitet sie den Prozess.

Nur noch eine von vielen

Lilian Hurschler gibt in einem Betreuungsraum des Schulhauses Auskunft. «Die Schule von heute ist stetig im Wandel und eine andere als noch vor zehn Jahren», sagt sie. Hurschler ist Mitte 40, Mutter von drei Kindern, ehemalige Religionslehrerin und war Zuger Kantonsrätin für die Grünen.

Ausdruck dieses Wandels sei, dass das Bungi heute unter dem Schuljahr freie Plätze vergeben könne. Und dass der Text des «Bungi-Lieds» inzwischen etwas antiquiert sei.

D Buebe spieled Fuessball, d Maitli sind im Singsaal, s Bungi isch cool und niemer isch fuul.

Mit Wandel meint Hurschler die Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Strukturen. Weil seit Einführung des neuen Volksschulgesetzes jedes Kind das Recht auf einen Hortplatz hat, habe sich die Stellung der Tageschule geändert. «Für viele Eltern ist das Bunginicht mehr die einzige Lösung.»

Auch dass Mittelstufenkinder aus dem Schulkreis Zürichberg in eine andere Schule umplatziert werden, ist aus Sicht von Schulleitung und Schulpflege nichts Besonderes. Nicht wenige Mittelstufenkinder wollten ihre Freizeit nicht bis 16 Uhr in der Tagesschule verbringen. Dazu komme der Anspruch der Eltern, dass es ihr Kind ans Gymi schafft. Viele befürchteten, dass dies in altersdurchmischten Klassen nicht gewährleistet sei.

Doch die Einführung der ADL-Klassen liegt acht Jahre zurück, der Trend, dass viele Eltern vom Zürichberg ihre Kinder ans Gymi bringen wollen, besteht seit Jahren. Dass die Schule ihrer Meinung nach trotz freier Plätze gut läuft, will Hurschler mit Zahlen belegen. Im Kindergarten seien meist alle Plätze vergeben, auf der Mittelstufe gebe es pro Jahr drei bis vier Neueintritte.

Regelblatt im Schwimmbad

Hurschler führt durchs Schulhaus, zeigt Hort, Werkstatt und Kindergarten. Vor einem Klassenzimmers korrigiert eine Lehrerin Arbeiten, im Zimmer lernen die Schüler ruhig. Im Erdgeschoss steht das Hortpersonal für die Znüniausgabe bereit. Man grüsst freundlich, aber distanziert. Kleine Plaudereien zwischen Chefin und Schulpersonal bleiben aus. Auf dem Pausenplatz preist die Schulleiterin den neuen Schulhausgarten.

Für Hurschler, so macht es den Anschein, sind die Unstimmigkeiten kein Problem. Sie sei eine, die nach vorne schaue, anpacke, sagt sie. Eine, die Konfrontation nicht scheue. Die zahlreichen Abgänge auf Ende Schuljahr, notabene nicht die ersten unter ihrer Leitung, hält sie deshalb nicht für alarmierend. «Alle Kündigungen erfolgten aus nachvollziehbaren Gründen.» In einem Team dieser Grösse gebe es praktisch jedes Jahr Wechsel, das sei normal. Nicht ohne Stolz sagt sie, dass sie für vier von fünf Lehrpersonen bereits Ersatz gefunden habe – vier Frauen. Die Betreuung leitet neu ein Mann. Hurschler betont: «Alle, die am Bungi arbeiten, identifizieren sich stark mit dieser Tagesschule.»

Eltern wollen die Haltung zurück

Dass der Mobbingfall nicht spurlos an ihr vorübergegangen ist, wird im Gespräch aber offensichtlich. «Mir als Schulleiterin ist es ein Anliegen, mit präventiven Massnahmen Mobbing entgegenzuwirken», sagt sie wiederholt. Damit meint sie die neuen, klaren Verhaltensregeln. Sie sollen die Kinder darin bestärken, sich für andere einzusetzen und bei Bedarf Hilfe zu holen. Die laminierten A4-Blätter hängen in jedem Schulzimmer, selbst im Schwimmbad.

Auch wenn Hurschler sagt, die Entwicklung, die das Team derzeit durchlaufe, sei eine positive – der Wunsch der Kritiker und vieler Eltern ist ein anderer: Sie wollen etwas von der Haltung zurück, die den guten Ruf des Bungi geprägt und die vom Miteinander gelebt hat. Konkret: eine Schule, in der gemeinsam konstruktiv um Verbesserungen gestritten wird und es keine Optimierungsdirektiven von oben gibt.

Erstellt: 01.06.2016, 01:03 Uhr

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