«Die Leute werden immer lärmempfindlicher»

Mit einem Sieben-Punkte-Plan möchte die Stadt Zürich die Probleme auf der Langstrasse entschärfen. Der Verein Pro Nachtleben hat eigene Vorschläge.

Hotspot für Feiernde: Piazza Cella an der Langstrasse während der Fussball-WM 2014. (TA Archiv)

Hotspot für Feiernde: Piazza Cella an der Langstrasse während der Fussball-WM 2014. (TA Archiv)

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Herr Bührig, haben Sie schon wild gepinkelt?
Nein, mein Verstand hat mich bisher davor bewahrt.

Das geht nicht allen so. «Wildpinkler» erleichtern sich oft an Hausfassaden und in Innenhöfen. Stadtrat Richard Wolff (AL) hat reagiert und installierte versuchsweise ein mobiles Pissoir an der Langstrasse. Glauben Sie, das Problem wird damit gelöst?
Stark Betrunkene, die nichts mehr kapieren, werden sich nicht abhalten lassen und weiter wild pinkeln. Doch es handelt sich um einen einfachen, kostengünstigen und hoffentlich effizienten Ansatz. Ganz im Gegensatz zu anderen Massnahmen, welche beschlossen wurden und mit denen wir gar nicht einverstanden sind.

Was sprechen Sie an?
Etwa die verstärkte Polizeipräsenz, die seit letztem Mai rund um die Piazza Cella gilt. So viel Repression schreckt ab, ist wirkungslos und verhindert ein freiheitliches Nachtleben.

Nur wer sich sicher fühlt, kann unbeschwert feiern.
An jeder Ecke steht inzwischen ein Polizist, ständig fahren Streifenwagen vorbei. Das drückt die Stimmung und wirkt sich hemmend auf das Nachtleben aus. Die Polizei sollte nur dann präsent sein, wenn sie wirklich gebraucht wird. Die Gefahr wird auch ein wenig herbeigeredet: Die Polizeipräsenz wurde in den letzten Jahren laufend erhöht, obwohl sich die Gefahrenlage kaum verändert hat. Die Stadtpolizei hat ein Problem mit ihrer Prioritätensetzung.

Sie beklagen Repression, sprechen sich aber auch gegen die Kampagne aus, die Partygänger für Lärm sensibilisieren soll.
Wir haben im Grunde nichts gegen Lärmkampagnen. Doch zumeist sind sie wirkungslos und deshalb eine Geldverschwendung. Ein negatives Beispiel dafür ist der MFO-Park in Oerlikon. Die dortige Sensibilisierungskampagne verpuffte wirkungslos. Als Konsequenz wurden Teile des Areals in den Nachtruhestunden geschlossen. Ein wichtiger Freiraum in Zürich-Nord ging verloren.

Sie versuchen sich in die Nachtlebendebatte einzuschalten, werden aber nicht an den runden Tisch des Stadtrats eingeladen. Ärgert Sie das?
Es war abzusehen, dass die Stadt nur Anwohner und Clubbetreiber zusammenbringen will. Die Stimme der Jugend geht oftmals vergessen, obwohl sie das Nachtleben am meisten mitprägt. Wir verschaffen uns mit anderen Mitteln Gehör.

Wie?
Unsere Petition für ein attraktives Nachtleben Zürich läuft nach wie vor. Im Sommer sollte sie eingereicht werden. Zudem wollen wir Bar- und Clubbetreiber schützen: Nur Anwohner, die vor einem Club in einer bestimmten Gegend lebten, sollen gegen Nachtlokale rekursberechtigt sein. Neuzuzüger müssen sich den vorherrschenden Bedingungen anpassen. Wer an die Langstrasse oder ins Niederdorf zieht, weiss, was ihn erwartet, und sollte entsprechende Einbussen in Kauf nehmen. Wir wollen das politisch so verankern, damit es nicht zu einer Klageflut gegen Club- und Barbetreiber kommt. Ein ähnliches Lärmklagesystem gibt es bereits rund um den Flughafen Zürich.

Bisher gab es jedoch kaum eine Einsprache. Überrascht Sie das?
Die Situation ist zurzeit noch erträglich. Doch gerade der Nachbarschaftsstreit mit der Roten Fabrik in diesem Frühjahr hat gezeigt: Die Leute werden immer lärmempfindlicher.

Die Polizei soll auch vermehrt sogenannte Problembetriebe kontrollieren. Wissen Sie, welche Lokale damit gemeint sind?
Der Begriff mutet etwas schwammig an. Wir vermuten, dass jene Clubs bestraft werden, die sich nicht dem runden Tisch angeschlossen haben. Ganz nach dem Motto: Wer sich nicht anpasst, wird drangsaliert. Dabei braucht das Zürcher Nachtleben eine lebendige Untergrundszene, die von ihrer Unberechenbarkeit lebt. Nur so kann eine gemeinsame Kultur und Identität entstehen. Überregulierung ist Gift dagegen.

Sie leben in der grössten Partystadt der Schweiz – zumindest, was die Zahl der Clubs und Bars betrifft. Noch in den 1990er-Jahren war Zürich diesbezüglich eine Trockenwüste. Vertreter der älteren Generation könnten Sie als verwöhnt bezeichnen.
Das Angebot ist grösser, aber auch teurer. Clubeintritte von 40 Franken können sich Lehrlinge oder Studenten kaum leisten. Mit Folgen: Das Nachtleben und damit der Lärm verschieben sich vermehrt nach draussen – zum Ärger der Anwohner. Es entsteht eine Situation, die nur Verlierer zurücklässt.

Erstellt: 15.06.2016, 13:16 Uhr

Marcel Bührig (22, Junge Grüne) ist Vizepräsident des Vereins Pro Nachtleben und Zürcher Gemeinderat.

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Einbindung der 24-Stunden-Shops: Die Betreiber von 24-Stunden-Shops sollen in die Pflicht genommen werden, auch in ihrem Aussenbereich für Sauberkeit zu sorgen. Die meisten Betreiber im fraglichen Perimeter haben sich bereit erklärt, einen entsprechenden Verhaltenskodex zu unterschreiben.

Kampagne: Eine Kampagne soll alle Besucherinnen und Besucher auf die Empfindlichkeit des Langstrassenviertels aufmerksam machen. Sie wurde von engagierten Club- und Barbetreibern und vom Nachtstadtrat ausgearbeitet und ist unter dem Slogan «Nachtleben und lassen» ab nächster Woche sichtbar.

Mobile Toiletten: Während der Fussball-Europameisterschaft wird an der Dienerstrasse, Höhe Lambada-Bar, eine erste mobile Pissoir-Station aufgestellt – zunächst als Versuch. Der Versuch soll zeigen, ob dadurch die Hinterhöfe und Hauswände entlastet werden.

Schutz der Innenhöfe: Die Innenhöfe werden als besonders empfindliche Zone definiert. Um sie vor Lärm zu schützen, werden auf die jeweilige Situation zugeschnittene Lösungen etabliert.

Problembetriebe: Die Stadtpolizei setzt ihr Augenmerk verstärkt auf die Probleme «Lärm» und «Abfall», sogenannte Problembetriebe werden häufiger kontrolliert.

Beschwerdetelefon für Anwohner: Anwohnerinnen können sich mit Beschwerden auch direkt an die Club- und Barbetreiber wenden.

Polizeipräsenz: Seit Mai 2016 ist die Stadtpolizei an den Wochenendnächten rund um die Piazza Cella mit zusätzlichen Patrouillen unterwegs. Auch SIP Züri ist dort stärker präsent.

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