«Es wurde eng und ungemütlich»

Die älteste Afterhour der Street Parade kostet neu Eintritt – und ist trotzdem bereits ausverkauft. Was das Geheimnis ihres Erfolgs ist und was geschieht, wenn ein DJ verloren geht.

Party an der frischen Luft: Die Lethargy-Afterhour im August 2014. Bild: Giorgia Müller

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Sie ist beinahe so alt wie die Street Parade selbst und gehört mittlerweile zum Event wie die Love-Mobiles und die DJs. Das Lethargy-Festival startete als eine ironische Antwort auf die Energy, die während Jahren als offizielle Party im Anschluss an die Street Parade stattfand und zu ihrer Blütezeit weit über 20’000 Technofans ins Hallenstadion lockte. Inzwischen hat die Lethargy die Energy überlebt – nicht zuletzt, weil sie sich über die Jahre treu geblieben und für viele fast so etwas wie ein Familientreffen zum Partymachen geworden ist.

Das Festival wird heuer bereits zum 23. Mal auf dem Areal der Roten Fabrik in Wollishofen durchgeführt. Und wie in den Jahren davor wird auch dieses Mal am Sonntag die traditionelle Lethargy-Afterhour stattfinden – allerdings mit einem Novum: Anders als bisher braucht man nun ein Ticket für die Party unter freiem Himmel. Eine Entscheidung, die nicht leichtgefallen sei, sagt OK-Mitglied und DJ P. Bell im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Wer in diesem Jahr an der Lethargy-Afterhour mitfeiern will, muss für 20 Franken ein Ticket lösen oder gleich einen Festivalpass kaufen. Die Besucherzahl wird mittels Eingangskontrolle limitiert. Was hat das Organisationskomitee zu diesem Schritt bewogen?
In den letzten Jahren kamen immer mehr Leute an unsere Afterhour, es wurde dadurch eng und ungemütlich. Wir haben vor drei Jahren einen zweiten Dancefloor auf dem Areal eingerichtet in der Hoffnung, dass sich die Besucher so besser verteilen würden. Aber es wurde nur noch voller. Es musste etwas geschehen. Deshalb haben wir uns schweren Herzens für diese Massnahme entschieden. Wir finden solche Kontrollen auch nicht toll – zumal sie einen personellen und finanziellen Mehraufwand bedeuten. Aber wenn wir das nicht tun würden, wäre es auch aus Sicherheitsgründen problematisch geworden.

Welchen Effekt erhoffen Sie sich von dieser Massnahme?
Wie sich das Ganze auf die Party auswirken wird, lässt sich im Voraus schwer abschätzen. Es ist ein Versuch, und wir können erst im Anschluss an die Veranstaltung unsere Schlüsse für die Zukunft ziehen. Ich denke aber, dass sich an der Zusammensetzung der Besucher nicht viel ändern wird. Man kennt uns inzwischen auch im Ausland, daher kommen die Leute von überall her – nicht nur aus Zürich.

Wie sind die bisherigen Reaktionen auf die Neuerung ausgefallen?
Es gab nur positive Feedbacks. Als wir die Afterhour 2014 auf die Zeit von 13 bis 21 Uhr beschränken mussten, weil wir nur für diesen Zeitraum eine Bewilligung der Stadt erhalten hatten, waren die Reaktionen auch positiv. Es kam weiterhin eine bunte Mischung von Partygängern zu uns – nur ausgeschlafener und frisch geduscht.

Die Tickets sind inzwischen ausverkauft. Das bedeutet, dass um die 1500 Personen an der Afterhour teilnehmen werden. Wie hat sich die Party zu dieser Grösse entwickelt?
In den Anfängen vor 20 Jahren ist das Lethargy-Team jeweils nach dem Festival am Sonntagmorgen noch ein wenig zusammengekommen, um zu chillen. Wir hatten immer ein kleines Soundsystem dabei und hörten am Seeufer Musik. Damals gab es an vielen Orten der Stadt Open-Air-Partys. Erst als sich vor rund zehn Jahren die politische Situation in Zürich änderte und draussen keine Soundsysteme mehr geduldet wurden, vergrösserte sich unsere Afterhour. Wir gehören zu den wenigen Veranstaltern, die eine Open-Air-Bewilligung erhalten haben. Darüber sind wir sehr froh, und wir wollen uns an die Vorgaben halten, damit wir die Afterhour auch in Zukunft veranstalten können.

Hatte die Lethargy nie Probleme mit den Behörden?
Doch, es gab auch bei uns immer mal wieder Bussen. Vor einigen Jahren haben die Behörden sogar damit gedroht, uns das Wirtepatent zu entziehen, sollte man draussen auch nur einen Ton hören.

Trotzdem fand immer eine Afterhour im Freien statt. Wie war das möglich?
Indem wir die Musikanlage und die Boxen drinnen gelassen und alle Fenster und Türen geöffnet haben, damit die Leute draussen tanzen konnten. Das war offenbar kein Problem für die Stadt. Im Allgemeinen ist die Zusammenarbeit mit den Behörden immer gut verlaufen, auch weil wir um 21 Uhr die Musik abstellen und die Party ruhig ausklingen lassen.

Sie sind schon seit 2004 Mitglied des Organisationskomitees. Da gibt es sicher die eine oder andere Anekdote zur Lethargy-Afterhour zu erzählen?
Am Sonntag waren wir vor allem froh, wenn die internationalen Gäste wieder alle weg waren, denn erst dann konnten wird die Afterhour richtig geniessen. Es kam nämlich oft vor, dass sie den Flieger verpasst, das Hotel nicht gefunden hatten oder sonst wo im Getümmel verloren gingen. Dann hiess es für uns immer heiteres Artistsuchen.

Die DJs gingen verloren?
Ja, und das wurde für uns vor allem dann zum Problem, wenn sie kurz vor ihrem Set noch irgendwo im See schwammen. Wir haben unseren Gästen immer gesagt, sie sollen die Badehose einpacken. Und sie haben die Gelegenheit natürlich gerne genutzt, noch kurz in den See zu tauchen. Ein DJ ist einmal unter einem Baum eingeschlafen. Ich bin sicher zehnmal an ihm vorbeigelaufen, bis ich ihn erkannt habe – eine Dreiviertelstunde, bevor sein Flieger starten würde.

Und? Hat er es noch auf den Flieger geschafft?
Ja. Irgendwie hat er seinen inneren Profi-Schalter umgeklappt auf «Aufstehen. Heimgehen. Weiterschlafen». Er war sofort hellwach, packte alles ein und ging los. Eine Künstlerin hat an der Afterhour ihre Jeans ausgezogen, im Rock weitergetanzt und ihre Hosen danach nicht mehr gefunden. Das war ein Riesendrama. Es seien ihre Lieblingsjeans, und sie wolle sie unbedingt wiederhaben. Irgendwann, als sie schon längst abgereist war, haben wir die Hosen gefunden und gewaschen. Aber da wars für sie gar kein Thema mehr. Sie hat sich gar nicht mehr daran erinnert. Ich habe die Jeans noch immer bei mir zu Hause.

Klingt nach Extravaganzen, wie sie internationale Popstars an den Tag legen.
Überhaupt nicht. Es sind alles coole und sympathische Leute. Die Lethargy ist für uns alle eine Herzensangelegenheit. Deshalb buchen wir auch nur Künstler, die zu uns passen. Wir merken schnell, wenn das nicht der Fall ist, und dann muss selbst der angesagteste Act nicht kommen. Mike Banks von Underground Resistance/Model 500 hat mir nach ihrem Auftritt gesagt: «Thank you! The spirit here is really good.» Das war für uns wie ein Ritterschlag. Darauf kommt es bei der Lethargy an.

Erstellt: 10.08.2017, 12:00 Uhr

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