ETH-Verfahren: «Das ist ein Schlag ins Gesicht der Frauen»

Die Betroffenen in der Untersuchung um sexuelle Belästigung an der ETH fühlen sich im Stich gelassen. Eine Anwältin will klagen.

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Da bricht etwas auf an der renommiertesten Hochschule des Landes. Vorwürfe über sexuelle Belästigung und Mobbing, über mangelhafte Führung und schlechte Betreuung an der ETH in Zürich reissen nicht ab. Der Name eines ETH-Architekturprofessors tauchte auf einer unter Architekten international kursierenden Excel-Liste mit dem Titel «Shitty Architecture Men» auf. Darin: rund 200 internationale, teilweise grosse Namen von Architekten, zu denen es Hunderte Erfahrungsberichte über angebliche sexuelle Belästigungen gibt. Auf der Liste warnen sich vor allem Frauen gegenseitig – auch vor dem renommierten Architekturprofessor an der ETH.

Nach ersten Medienberichten signalisierte die ETH Tatendrang in dieser Sache. Im «Tages-Anzeiger» meinte Prorektor Antonio Togni vergangenen Mai gar, die ETH könne bald «eine Vorreiterrolle in der Betreuung von Doktoranden» übernehmen, wenn die neuen Massnahmen umgesetzt seien. Im September kündigte ETH-Präsident Lino Guzzella eine interne Untersuchung gegen jenen Architekturprofessor an – Guzzella selbst würde ohnehin nicht mehr für eine weitere Amtszeit als Präsident antreten.

Die Hochschule wiegelt ab

Vergangene Woche fand die Untersuchung unter dem neuen Präsidenten Joël Mesot ein plötzliches und vermeintlich glückliches Ende: keine grösseren Probleme, meldete die ETH per Medienmitteilung. Der Professor habe es lediglich versäumt, seine persönlichen und beruflichen Beziehungen adäquat zu trennen, weshalb sein Verhalten nicht im Einklang mit dem Compliance-Guide der ETH gewesen sei. Sexuelle Belästigung im strafrechtlichen Sinn habe das extern beauftragte Anwaltsbüro keine feststellen können. Der Professor habe sich aufgrund der persönlichen und beruflichen Belastung durch das Verfahren entschieden, die ETH Ende Juli 2019 zu verlassen.

Als belastend nahmen auch die Mitarbeitenden das Verfahren wahr, die dazu befragt wurden. «Wir sind es, die ein Sabbatical nötig hätten», sagt eine Person, die anonym bleiben will.

«Die ETH war schlicht überfordert mit dem Verfahren und kümmerte sich vorwiegend um die eigene Reputation.»Ex-Mitarbeiter

Als im Sommer weitere Vorwürfe publik wurden, hatten betroffene Studentinnen, wissenschaftliche Mitarbeiter und Doktoranden bereits ihre Reports bei der ETH-Fachstelle «Equal!» eingereicht. Was sie nicht wussten: Die Reports waren beim Professor oder seinen Anwälten gelandet – nicht anonymisiert. Eine betroffene Person gibt an, auf ihren Report sogar von einer externen Person angesprochen worden zu sein. Der Professor war inzwischen freigestellt, seine Anwälte machten sich an die Verteidigungsstrategie. Einige Betroffene erfuhren nach monatelangem Schweigen seitens der ETH aus der Presse, dass eine Untersuchung eingeleitet worden sei. Vier Involvierte, je zwei Frauen und Männer, die diesen Sachverhalt dem TA bestätigten, wollen anonym bleiben.

«Vergifteter Arbeitsplatz»

Im Disziplinarverfahren gegen den Professor, das ein Anwalt im Auftrag der ETH eröffnete, fungierten die befragten Personen bloss als Auskunftspersonen. Sie erhielten keine Akteneinsicht. Wie der Entscheid zustande kam, der Professor habe nur gegen ETH-Compliance-Regeln verstossen, wissen die Betroffenen bis heute nicht. «Für uns ist er absolut unverständlich. Er ist auf schier unerträgliche Art und Weise nicht mit unseren persönlichen Erlebnissen mit dem Professor in Einklang zu bringen», sagt eine Auskunftsperson. Eine Studentin sagt: «Nicht nur war die primäre Erfahrung traumatisierend, auch das Schreiben des Reports und die Befragung in einem Raum voller Anwälte waren retraumatisierend. Der Entscheid der ETH ist nicht enttäuschend, sondern beleidigend.»

Im Bereich Architektur kam es zu Problemen: Ausstellung im Oktober 2015 an der ETH Zürich. Foto: Thomas Egli

Über ein Dutzend ETH-Angehörige hatten Reports eingereicht, neun von ihnen wurden kurz nach der Ankündigung in der Presse zu einer Befragung vorgeladen. Beratung zu rechtlichen Fragen bot die ETH keine an, psychologische Unterstützung erst auf grossen Druck hin. Die Frauen, die Vorwürfe über sexuelle Belästigungen erhoben, mussten gemäss eigenen Angaben eine Geheimhaltungsklausel unterzeichnen. Selbst über die Kostenübernahme liess die ETH Mitarbeiter und Studierende im Dunkeln. «Der Plan war, dass wir ohne einen Anwalt zur ersten Befragung kommen. Der Professor würde aber mit seinen Anwälten da sein», sagt eine Auskunftsperson. Dies hätten die Betroffenen erst nach mehrmaligem Nachhaken herausgefunden.

«Die ETH war schlicht überfordert mit dem Verfahren und kümmerte sich vorwiegend um die eigene Reputation», sagt ein Ex-Mitarbeiter. Ein weiterer sagt: «Es war ein extrem vielseitig vergifteter Arbeitsplatz. Die Konsequenzen tragen nur wir.» Seine Leidenschaft für Architektur habe er an der ETH verloren.

Keine Ausrichtung auf die Betroffenen

Die ETH-Angehörigen suchten sich schliesslich selber eine Anwältin. Seit dieser Woche sammeln sie auf der Crowdfunding-Plattform Gofundme Geld für die Anwaltskosten. Nach langem Ringen hatte sich die ETH bereit erklärt, zwischen 1000 und 3000 Franken pro Person zu übernehmen. Der Betrag war bei mehreren schon durch die Befragung aufgebraucht.

So etwas hat Judith Wissmann, seit 30 Jahren als Anwältin im Arbeitsrecht tätig, noch nie gesehen. Die Leiterin des interdisziplinären Experten-Netzwerks «Arbeit und Konflikt» sagt: «Das ganze Verfahren war geprägt durch die Ausrichtung auf den Professor, nicht auf die Betroffenen. Er hat Dinge getan, die die persönliche Integrität der Betroffenen verletzten.» Gemäss dem Architekturmagazin «Hochparterre», das gestern über die Geschichte berichtete, unterrichtet der Professor jetzt an einer Universität im Ausland. Das Ergebnis der Untersuchung sei ein Schlag ins Gesicht der Frauen und könne so nicht stehen bleiben, sagt Wissmann: «Wir werden die Einsichtnahme in Bericht und Akten einklagen und, Bezug nehmend auf das Gleichstellungsgesetz, eine Entschädigung für die Betroffenen fordern.»

Aussage gegen Aussage

Die ETH bestätigt, dass im Disziplinarverfahren ausschliesslich der Professor Parteistellung mit vollen Rechten erhielt. Deswegen seien für die Betroffenen weder eine Rechtsberatung noch Begleitung zu den Interviews vorgesehen gewesen. Die ETH habe trotzdem ohne rechtliche Verpflichtung eine Anwältin mandatiert. Auch die Kosten für psychologische Beratung habe man übernommen. «Der externe unabhängige Untersuchungsführer hat das angebliche Fehlverhalten des Professors im Rahmen der Disziplinaruntersuchung nach rechtsstaatlichen Prinzipien untersucht und beurteilt», sagt ETH-Sprecher Markus Gross. Ein zweiter Experte sei seiner Empfehlung gefolgt. Sollten sich die Auskunftspersonen in ihrer Integrität stark betroffen fühlen, verweist die ETH sie auf den Zivil- oder Strafprozessweg.

Der Bericht müsse zum Schutze der Persönlichkeit aller Beteiligten streng vertraulich behandelt werden, da es sich um ein personalrechtliches Verfahren handle, sagt Gross. «Der ETH-Präsident hat aber in einem Schreiben an die Auskunftspersonen angeboten, bei Fragen zur Verfügung zu stehen.» Eine Geheimhaltungsvereinbarung habe es nicht gegeben. Den Auskunftspersonen habe man bloss gegenseitige Absprachen untersagt.

Das Merkblatt wird überarbeitet

Im Gegensatz zu den Betroffenen sagt die ETH, sie habe diese vorab über die Verfahrensschritte informiert. Es habe zwar eine formelle und nicht anonymisierte Meldung der Betroffenen gebraucht. Die Verfasser der Reports seien aber – zumindest in der vorangehenden Vorabklärungsphase – gegenüber dem Professor nicht offengelegt worden. Die Anwälte des Professors verzichteten auf eine Stellungnahme.

Mit ihrem Vorgehen steht die ETH allein da. Andere Hochschulen kennen detaillierte Leitfäden für Fälle von Mobbing oder Vorwürfen von sexueller Belästigung. An der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften regelt ein solcher etwa die Akteneinsicht und die Stellung der potenziellen Opfer.

Die ETH arbeitet an der Überarbeitung eines Merkblattes zum Thema. Zudem installierte sie die Website «Respekt!». Dort finden sich viele schöne Worte: «Respekt und Verantwortung», «offene und faire Kommunikation», «Ehrlichkeit und Integrität».

Erstellt: 06.02.2019, 22:05 Uhr

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