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Etwas Verrücktheit täte Zürich gut

Der Zürcher Gemeinderat lehnt die ZKB-Seilbahn ab, obschon er dazu gar nichts zu sagen hat. Das ist kein guter Entscheid.

So soll die ZKB-Seilbahn dereinst aussehen.
So soll die ZKB-Seilbahn dereinst aussehen.
Visualisierung PD

Symbolpolitik gehört zu den Kernkompetenzen von Politikerinnen und Politikern. Das war schon immer so und ist weltweit so und hat auch gute Gründe. Wer in Demokratien etwas verändern will, braucht Mehrheiten. Wer Mehrheiten erreichen will, muss die Menschen von sich und seinen Anliegen überzeugen – und das heisst: sie emotional bewegen. Deswegen stürzen sich Politikerinnen und Politiker immer wieder auf Themen, die inhaltlich belanglos sind oder deren Behandlung gar nicht in ihre Zuständigkeit fällt. Hauptsache, es lässt sich damit Stimmung machen.

Die temporäre Seilbahn über den Zürichsee, welche die Zürcher Kantonalbank aus Anlass ihres Jubiläums erstellen möchte, ist ein solches Thema. Eigentlich hat der Gemeinderat dazu nichts zu sagen. Aber weil die links-grüne Ratsmehrheit hier glaubt punkten zu können, hat sie das Thema gleichwohl aufgegriffen und via eine nicht bindende Resolution kundgetan: Wir! wollen! keine! Seilbahn!

Die Sensibilität von Politikerseelen

Man hat so erstens der mächtigen Kantonalbank eins ausgewischt, hat sich zweitens als Anwältin des Natur- und Landschaftsschutzes profiliert und drittens als Verbündete der betroffenen Stadtquartiere, welche sich vor der Zusatzbelastung fürchten. Als Nebeneffekt hat der Gemeinderat auch noch den Frust ausgelebt, dass die Seilbahn nicht auf seinen Segen angewiesen ist. Angesichts der Sensibilität von Politikerseelen hätten die Seilbahnpromotoren wohl gut daran getan, die Stadtparlamentarier frühzeitig einzubinden. Zumal diese trotz formeller Nicht-Zuständigkeit die öffentliche Meinung beeinflussen und den Seilbahn-affinen Stadtrat unter Druck setzen können. Was sie ja nun auch getan haben.

Der kumulierte Widerstand – zur gemeinderätlichen Resolution kommen ein Rekurs des VCS sowie eine Einsprache aus dem Quartier hinzu – bringt die Seilbahn in Schieflage. Das ist bedauerlich. Zum einen, weil eine temporäre Seilbahn über das Seebecken eine Attraktion darstellt, welche die Zürcher nachweislich zu begeistern vermag: Bereits 1939 und 1959 wurden solche Bahnen erstellt. Zum andern, weil das Projekt eine symbolische Dimension hat: Es ist schwierig geworden, in der Stadt Ideen zu realisieren, die den Rahmen des Konventionellen, Kleindimensionierten, Harmlosen sprengen. Und je öfter solche Ideen scheitern, umso seltener werden überhaupt noch Anläufe unternommen. Dabei geht es ja immer nur um höchst bescheiden dosierte Verrücktheiten – etwas anderes ist in Zürich gar nicht denkbar.

Gelegentlich eine solche kleine Verrücktheit: Das würde der Stadt so guttun.

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