Ex-Stadtpräsident übt Zensur an Filmfestival-Beitrag

Der Film «Staatenlos» über den Linksaktivisten Klaus Rózsa nimmt prominente Zürcher SP-Politiker ins Visier. Alt-Stadtpräsident Josef Estermann intervenierte erfolgreich.

Mehrere Male von der Polizei verhaftet: Klaus Rózsa. (Foto: zvg)

Mehrere Male von der Polizei verhaftet: Klaus Rózsa. (Foto: zvg)

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Beim Filmabspann begeben sich die meisten Zuschauer in Richtung Kinoausgang. Namenlisten scheinen die wenigsten zu interessieren. Beim Film «Staatenlos», der am Freitag zum zweiten Mal am Zürcher Filmfestival läuft, lohnt es sich jedoch, ein wenig länger sitzen zu bleiben.

Grund ist die Liste der «Nichtmitwirkenden». Sie umfasst im Beitrag des Zürcher Dokumentarfilmers Erich Schmid fast so viele Namen wie die Aufzählung der Protagonisten, die tatsächlich auftraten. Die Abwesenheitsliste ist mit prominenten Namen bestückt: Die Alt-Stadträte Esther Maurer (SP) und Robert Neukomm (SP) figurieren darauf, ebenso der ehemalige Stadtpräsident Josef Estermann (SP). Sie alle hatten den Auftritt im Film verweigert, teils unter gerichtlicher Androhung.

Die Unlust an filmischer Partizipation gründet auf einem bestimmten Namen: Klaus Rózsa – Politaktivist, Fotograf und Hauptfigur der Dokumentation. Während Jahrzehnten dokumentierte der Sohn eines ungarischen Flüchtlings die Zürcher Jugendunruhen. Seine Bilder liessen die Polizei in einem wenig schmeichelhaften Licht erscheinen. Eines seiner Fotos zeigt prügelnde Sicherheitskräfte und erlangte internationale Bekanntheit.

Klaus Rózsa war den Schweizer Polizeibehörden jahrzehntelang ein Dorn im Auge: Trailer zum Film «Staatenlos». (Quelle: Youtube)

Als Observant der polizeilichen Aktivität war Rózsa den Behörden während Jahrzehnten ein Dorn im Aug: Er behindere die Arbeit der Polizei, weil er deren Übergriffe fotografiere, heisst es in den Staatsschutzakten. Mehrfach wurde er verhaftet, es kam zu physischer Gewalt. Seine Fiche umfasst rekordverdächtige 4000 Seiten.

Erfolglos blieben zunächst seine Einbürgerungsversuche: Dreimal wurde ihm der rote Pass verwehrt, bis es im Jahr 2000 – nach der Heirat mit einer Schweizerin und einigen zusätzlichen Mühen – doch noch klappen sollte. Weil ihm nach der Flucht aus seiner Heimatstadt Budapest im Jahr 1956 der ungarische Pass entzogen worden war, blieb Rózsa während Jahrzehnten staatenlos. Ein Zustand, der gegen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte verstösst. Dort heisst es in Artikel 15: «Jeder hat das Recht auf eine Staatsangehörigkeit.»

Absage vom Parteigenossen

Besonders brisant erscheint das dritte abgelehnte Einbürgerungsgesuch zu Beginn der 90er-Jahre. In einem Schreiben des Stadtrats wird dem Gemeinderat beantragt, das Bürgerrechtsgesuch von Rózsa abzulehnen. Unterschrieben wurde das Dokument vom damaligen Stadtpräsidenten, dem Sozialdemokraten Josef Estermann. «Ich war geschockt, dass ein Parteigenosse diesen Antrag unterschreibt», sagt Rózsa, der damals ebenfalls SP-Mitglied war. Darüber hinaus basierte der Nichteinbürgerungsantrag auf einem Irrtum: Der staatenlose Gesuchssteller wurde fälschlicherweise als Ungar aufgeführt.

Regisseur Schmid wollte, dass Estermann im Film zu den damaligen Vorkommnissen Stellung nimmt. Der ehemalige Stadtpräsident willigte ein, womit es im September 2013 zu einem Treffen im Zürcher Stadthaus kam. Estermann wurde rasch wütend, weil Rózsa – ganz zur Überraschung des Ex-Stadtpräsidenten – ebenfalls zum Gespräch erschien. Darauf bemühte sich Estermann erfolgreich, das Interview zurückzuziehen.

 «Ich war geschockt, dass ein Parteigenosse diesen Antrag unterschreibt.»Klaus Rózsa

Aus den Gerichtsunterlagen, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegen, geht hervor, dass der Ex-Stadtpräsident zunächst per einstweiliger Verfügung und unter Androhung einer Geldstrafe von 10'000 Franken die Aufnahmen sperren liess. Als Regisseur Schmid nicht auf die Verfügung einsteigen wollte, verklagte Estermann dessen Produktionsfirma wegen Persönlichkeitsverletzung. Darauf zog Schmid die Aufnahmen zurück, weil das Gericht durchblicken liess, dass es die Klage gutheissen würde.

Schmid vermutet, dass sich Estermann um seine Ehre sorgt: «Er hat wohl realisiert, dass sein Nichteinbürgerungsantrag ein politischer Fehler war.» Danach habe man Estermann angeboten, das Interview zu wiederholen, was dieser jedoch abgelehnt habe. «Zumindest können wir heute belegen, dass wir uns ausreichend bemüht hatten, die ‹Gegenseite› von Klaus zu Wort kommen zu lassen», sagt Schmid.

«Intimfeind» oder Parteigenosse?

Estermann widerspricht: «Schmid konstruiert seine eigene Geschichte, die nicht auf Fakten beruht», sagt der Alt-Stadtpräsident zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Im Vorgespräch habe der Regisseur seine wahren Absichten vertuscht. Zudem habe er es abgelehnt, sich zur Einbürgerungsgeschichte zu äussern. «Sie war mir auch gar nicht mehr gegenwärtig. Deshalb einigten wir uns, dass ich zu den politischen Diskussionen um die Einbürgerungen Anfang der 90er-Jahre befragt werde», sagt Estermann. Stattdessen sei dann Rózsa das Thema gewesen. Schmid lässt dies nicht gelten. Er habe ihm von Anfang an gesagt, dass er einen Film über Rózsa mache.

Im Film wird angedeutet, dass persönliche Abneigung zur Ablehnung des Gesuchs geführt habe. Gemäss einem Artikel der NZZ soll Estermann seinen Parteigenossen einst öffentlich als «Intimfeind» bezeichnet haben. Das war allerdings – sollte es sich tatsächlich so ereignet haben – zwei Jahre nach Ablehnung des Gesuchs. Er könne sich nicht erinnern, eine solche Bezeichnung verwendet zu haben, sagt Estermann. «Ich hatte stets ein eher unverkrampftes Verhältnis zu ihm, aber vielleicht täusche ich mich.» Das Gesuch sei deshalb abgelehnt worden, weil Rózsa Steuerschulden gehabt habe. Daniela Vogt, damals SP-Mitglied der Bürgerrechtskommission, sagt allerdings, dass die Steuerschuld während des Entscheids «nicht pendent» gewesen sei: «Die Ablehnung erfolgte, weil er ein politisch aktiver Mensch war.»

 «Schmid konstruiert seine eigene Geschichte, die nicht auf Fakten beruht.»Josef Estermann, Alt-Stadtpräsident

Auch Konrad Löpfe, ehemaliger SP-Parteichef, ärgerte sich damals über die Gesuchsablehnung. «Das war ein klarer Fehler», sagt er heute zum TA. Den Entscheidungsträgern habe es schlicht an Mut gefehlt, einen unbequemen Zeitgenossen wie Rózsa gegenüber den Bürgerlichen zu verteidigen. So blieb Rózsa zunächst staatenlos, erhielt nun aber viel Unterstützung aus der Parteibasis. In den 90er-Jahren wurde er Präsident des Zürcher Gewerkschaftsbunds, Präsident der Journalistengewerkschaft sowie Mitglied des Schweizer Presserats. In seiner Funktion setzte er sich verschiedentlich erfolgreich für die Pressefreiheit ein.

Trotz gesellschaftlicher Rehabilitierung blieb Rózsa ein unbequemer Zeitgenosse. Ehemalige Vorsteher des Zürcher Polizeidepartements werden nach wie vor ungern an ihn erinnert. Robert Neukomm und Esther Maurer, die ehemaligen Leiter des Zürcher Polizeidepartements, wollten ebenfalls nicht im Film auftreten. Auf Anfrage des TA verweigerte Neukomm jegliche Aussage über Rózsa. Maurer liess schriftliche und telefonische Anfragen unbeantwortet.

Der Film «Staatenlos» wird am 30. September um 14.30 Uhr im Kino Corso aufgeführt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.09.2016, 20:03 Uhr

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