«Dann ist es eine Frage der Zeit, bis es Tote gibt»

Gewaltbilder aus der Zürcher Hooligan-Szene in nie gesehenem Ausmass: Marco Cortesi von der Polizei und Edwin Lüscher von der Staatsanwaltschaft nehmen Stellung.

Hier wütet ein Mob beim Prime Tower. Video: Stadtpolizei Zürich

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Vor dem Cup-Halbfinal zwischen dem FC Zürich und dem Grasshopper Club (GC) ist es beim Prime Tower in Zürich zu einer wüsten Schlägerei zwischen den Fans gekommen. Zwei Männern wurden mit Fusstritten und Schlägen gegen den Kopf traktiert. Die Zürcher Stadtpolizei hat ein Video davon veröffentlicht.

Auf dem am Donnerstag veröffentlichten Video ist die grosse Brutalität zu erkennen, mit der die Fussball-Anhänger vorgehen: Da werden Personen angegriffen, die zuvor an keiner Auseinandersetzung beteiligt waren, zu Boden gestossen und mit Fusstritten gegen den Kopf traktiert, auch wenn sie sich bereits nicht mehr bewegen.

«Die Opfer wurden wahrscheinlich von Freunden weggebracht.»Marco Cortesi, Polizeisprecher

Im Auftrag der Staatsanwaltschaft hat die Zürcher Stadtpolizei diese Bilder nun veröffentlicht. Sie war am 28. Februar um 18.15 Uhr vor dem Cup-Halbfinal-Spiel auf den Platz vor dem Prime Tower gerufen worden, weil dort rivalisierende Fans aneinander geraten waren.

«Die Polizisten wurden aber von FCZ-Fans daran gehindert, auf den Platz zu gelangen», sagte Polizeisprecher Marco Cortesi. Die Einsatzkräfte wurden überdies mit Gegenständen beworfen und angegriffen, wie es in einer Mitteilung heisst. Sie setzten deshalb Gummischrot ein.

Ehrenkodex zwischen den Fans

Gleichzeitig bemerkten die Stadtpolizisten, dass im Hintergrund verletzte Personen weggetragen wurden. Als sie schliesslich auf dem Maagplatz eintrafen, waren bereits keine Personen mehr dort – auch die verletzten GC-Fans nicht. «Sie wurden wahrscheinlich von Freunden weggebracht», sagte Cortesi.

Bereits am 1. März publizierte die Stadtpolizei Zürich ein Communiqé zu den Ereignissen vor dem Cup-Halbfinal. Damals klang es noch weniger gravierend. Nach einem kurzen Gummischroteinsatz habe die Polizei die Situation rasch unter Kontrolle bringen könne, hiess es. Das Ausmass der Gewalt sei erst deutlich geworden als sie die Videoaufnahmen gesichtet hatten, sagt Cortesi.

Bei den heute veröffentlichten Videoaufnahmen handle es sich nicht um eine Öffentlichkeitsfahndung, stellt der Polizeisprecher klar. Es sei ein Zeugenaufruf, angeordnet durch die Staatsanwaltschaft. Als alle anderen Mittel erschöpft waren, habe man sich zur Publikation entschieden. Man wollte noch eine Chance nutzen, um einen Schritt vorwärts zu kommen. «Wir haben die Verantwortung jede Straftat aufzuklären», sagt Cortesi. Bis heute sind keine Anzeigen von verletzten Personen eingegangen.

Es bestehe offenbar ein Ehrenkodex zwischen den Fangruppen, dass man gegenseitig keine Anzeige mache, vermutet der Polizeisprecher. Deshalb habe sich wohl auch niemand gemeldet. «Möglicherweise wurden die Verletzten irgendwo medizinisch betreut, und wir erhalten nun aufgrund des Aufrufs eine Rückmeldung», sagte Cortesi.

Staatsanwalt will Diskussion entfachen

Auch der zuständige Zürcher Staatsanwalt Edwin Lüscher äussert sich zu den Bildern und darüber, weshalb sie sich dazu entschieden hätten, die Videoaufnahmen zu veröffentlichen. «Einerseits wollen wir so die Täter finden.» Diese müssten sich wegen schwerer versuchter Körperverletzung verantworten und mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren rechnen, wird Lüscher von «20 Minuten» zitiert.

Lüscher, der auch die sogenannte Krawallgruppe der Zürcher Staatsanwaltschaft leitet, sagt aber auch, dass sie ein weiteres Ziel mit der Publikation angestrebt hätten: «Andererseits hoffen wir aber auch, dass die Diskussion um Fangewalt entfacht wird.» Alle Beteiligten seien gefordert, dass dies nicht mehr vorkomme. «Wenn es so weiter geht, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es Schwerverletzte oder Tote gibt», sagt er gegenüber «20 Minuten».

GC verurteilt die Krawalle

Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet verurteilt die Clubführung von GC die Gewalt rund um den Cup-Halbfinal.« Wir wussten, dass sich unsere Fans an diesem Treffpunkt für den Fanmarsch zum Stadion verabredeten», schreibt die GC-Clubführung im Mail. «Dabei wurden polizeiliche Begleitung und Schutz zugesichert. Trotzdem kam es zu diesen unschönen Szenen.»

In Bezug auf das nun veröffentlichte Video antwortet die Clubführung, dass GC Massnahmen begrüsse, die die Aufklärung von Gewaltakten unterstützen. «Zudem stehen wir seit Jahren in engem Kontakt mit der Polizei und den Behörden und unterstützen diese tatkräftig und versichern ihnen unsere volle Bereitschaft zur Kooperation zu, dort wo es in Bezug auf unsere Kompetenzen möglich ist.»

Das Videos habe keine zusätzlichen Auswirkungen auf die Fanarbeit. Das Fanprojekt verstehe sich nicht als Interventionseinheit. In gewalttätige Konflikte greife man daher nicht ein, sondern überlasse dies den vorgesehenen Einheiten. «Das Fanprojekt will vermitteln, ohne auf Repressalien seitens der Polizei per se zu verzichten. Die Zahl der Vorfälle auf Null senken zu können, ist jedoch illusorisch.»


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(sda/sip)

Erstellt: 22.03.2018, 12:31 Uhr

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